Die iranische Menschenrechtsaktivistin Darya Safai

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Darya Safai kämpft gegen das im Iran geltende Stadionverbot für Frauen. Dabei geht es eigentlich um mehr, sagt sie. Denn der Ausschluss von Sport-Events stehe stellvertretend für die Rolle der Frauen insgesamt. Von Esther Felden

Darya Safai lässt sich den Mund nicht verbieten. "Wenn man sich die geltenden Gesetze im Iran anschaut und die Art und Weise, wie Frauen im Land behandelt werden, dann muss man sagen: Da ist eigentlich gar nichts in Ordnung." Frauen im Iran würden in praktisch allen Lebensbereichen benachteiligt. Das macht die 40jährige, zierliche Frau wütend. Seit Jahren setzt sie sich deshalb für mehr Gleichberechtigung in ihrer Heimat ein.

Aber: Sie kämpft ihren Kampf aus dem Exil. Flucht aus dem Iran war für sie der einzige Weg, um dem Gefängnis zu entgehen. "Mein Leben war in Gefahr, deshalb musste ich weg von dort." 1999 zählten Darya Safai und ihr Mann zu den Hauptorganisatoren von Studentenprotesten an der Uni Teheran. Damals war die angehende Zahnmedizinerin im letzten Studienjahr. Als die Regierung gegen die Demonstrationen vorging, wurde sie festgenommen.

Ihrem Mann gelang es, sich in die Türkei abzusetzen. 24 Tage saß Safai in Einzelhaft. Dann wurde sie vorübergehend freigelassen. Bevor der Prozess aufgenommen wurde, nutzte sie ihre Chance, um wie ihr Mann, über die Grenze ins Nachbarland zu fliehen. Von dort aus ging es für das Paar weiter nach Belgien. Seit 2000 leben die beiden dort, arbeiten als Zahnärzte. In Abwesenheit wurde Darya Safai später von einem Gericht zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Der Fall Ghavami im internationalen Fokus

Ins Gefängnis kam auch Ghoncheh Ghavami. Die Studentin mit britischem und iranischem Pass wollte im Juni 2014 ein Volleyball-Länderspiel der Männer in Teheran besuchen. Doch das ist seit 2012 offiziell verboten, genau wie seit der Iranischen Revolution Fußballstadien für Frauen tabu sind - wenn Männer dort spielen. Für ihren Versuch landete Ghavami im berüchtigten Evin-Gefängnis. Vorwurf: Propaganda gegen den Staat. Der Fall machte international Schlagzeilen, es hagelte Kritik am Vorgehen der iranischen Behörden. Im vergangenen November dann wurde die zu einem Jahr Gefängnis verurteilte Studentin auf Kaution entlassen. Sie verließ den Iran umgehend. Für zwei Jahre darf sie nicht mehr in den Iran einreisen.

Im Zuge des Ghavami-Falles verhängte der Volleyball-Weltverband FIVB Sanktionen gegen den Iran. Das Land sollte keine Wettbewerbe mehr ausrichten dürfen, solange nicht auch Frauen in der Volleyball-Halle erlaubt seien. Doch in der Praxis ist das bislang noch nicht angekommen. Im Juni 2015 wurden Frauen bei einem World-League-Spiel gegen die USA wieder daran gehindert, die Sportstätte zu betreten.

Die iranisch-stämmige Studentin Ghoncheh Ghavami; Foto: picture-alliance/AP
Ausschließen und Wegschließen: Im Juni 2014 war die Studentin Goncheh Ghavami verhaftet und verurteilt worden, weil sie versucht hatte, sich ein Volleyball-Spiel anzuschauen. Mehrere Monate lang saß sie im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Seit 2012 ist es im Iran Frauen verboten, Volleyballspiele der Männer als Zuschauer zu verfolgen, im Fußball bereits seit 1979.

Und erst vor knapp zwei Wochen zeigte sich einmal mehr, dass der Iran sich nicht an die Abmachung hält: Beieinem Beachvolleyball-Turnier auf der iranischen Insel Kisch wurde Frauen der Zutritt verwehrt. Dabei hätte das Land im Vorfeld zugesichert, dass die Spiele "für alle Fans - unabhängig von Alter und Geschlecht - zugänglich seien", hieß es von Seiten des FIVB.

Stadionverbot exemplarisch für die Lage der Frau im Iran

Der Ausschluss von Sportveranstaltungen - für Darya Safai ist er nur ein kleines Puzzleteil, das sich nahtlos in das Gesamtbild einfügt. Wenn man Frauen aus den Stadien verbanne, schließe man sie quasi aus der Gesellschaft aus, ist sie überzeugt. Doch die Tatsache, dass das Thema durch die Meldungen rund um die Volleyball-Geschehnisse internationale Aufmerksamkeit erfuhr, ist aus ihrer Sicht auch eine Chance.

"Glücklicherweise wird das zu einem Exempel für die gesamte Gender-Debatte im Iran. Die Frauen im Iran sind nicht mehr bereit, die Geschlechterdiskriminierung zu akzeptieren. Und ich hoffe, dass sie mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft Erfolg haben mit ihrem Anliegen."

Noch aber sehe die Realität im Iran ganz anders aus. "Zum Beispiel ist das Tragen des Hidschab für Frauen eigentlich vorgeschrieben. Eine Frau verliert im Scheidungsfall automatisch das Sorgerecht für ihre Kinder, wenn der Mann sie haben will. Und 2012 gaben drei Dutzend Universitäten im Land bekannt, dass sie künftig fast 80 Studiengänge für Frauen verbieten würden." Einige Fächer seien einfach für die weibliche Natur nicht geeignet, hieß es damals zur Begründung aus dem Wissenschaftsministerium. Insbesondere Ingenieursstudiengänge sind davon betroffen, aber auch Sprachwissenschaften oder Wirtschaftsstudiengänge.

Enttäuschte Erwartungen in Präsident Rohani

Die Diskriminierung fängt bereits im Kindesalter an. Schon neunjährige Mädchen können zwangsverheiratet werden und sind vor dem Gesetz strafbar. "Sie können dann sogar nach iranischem Recht von einem Gericht zum Tode verurteilt werden", erklärt Darya Safai. Erst im Januar veröffentlichte „Amnesty International“ einen Bericht zur Todesstrafe. Darin prangert die Menschenrechtsorganisation an, dass die iranische Führung an Gesetzen festhalte, die auch die Exekutionen von Kindern und Jugendlichen erlaube. Bei Jungen allerdings liegt das Mindestalter für die Todesstrafe sechs Jahre höher als bei Mädchen. Dem Amnesty-Bericht zufolge wurden zwischen 2005 und 2015 mindestens 73 Minderjährige im Iran hingerichtet - auch nach dem Amtsantritt von Präsident Hassan Rohani im Sommer 2013.

Rohani folgte damals auf den Hardliner Mahmud Ahmadinedschad. Mit Rohani verbanden viele nach seiner Wahl die Hoffnung auf Reformen, auch in Hinsicht auf die Verbesserung der Menschenrechte im Land. Darya Safai allerdings war immer skeptisch, ob er die hohen Erwartungen erfüllen würde. "Ich habe von Anfang an nicht gedacht, dass er ein Reformer ist. Er selbst hat das auch nie behauptet. Er sagt, dass er zu den Werten der Iranischen Revolution steht."

Irans Präsident Hassan Rohani; Quelle: Iran
Verheerende Menschenrechtsbilanz: Laut Informationen von "Reporter ohne Grenzen" wurden seit der Wahl Rohanis im Juni 2013 rund 50 Journalisten im Iran verhaftet und elf Zeitungen geschlossen. Zensur von Medien und Internet seien alltägliche Praxis. Viele Journalisten säßen "unter katastrophalen, teils lebensbedrohlichen Bedingungen im Gefängnis". Laut Berichten von "Amnesty International" wurden im Iran in den Jahren 2005 bis Ende des vergangenen Jahres 73 jugendliche Straftäter hingerichtet.

Rohani sei vielmehr vom Ausland und von den Medien zu etwas gemacht worden, was er gar nicht sei. Aber selbst ein erklärter Reformer auf dem Präsidentenstuhl hätte aus ihrer Sicht wenig Chancen, politisch viel zu verändern. "Im Iran ist es ja nicht der Präsident, der die Entscheidungen trifft, sondern letztendlich der Oberste Rechtsgelehrte, Ali Khamenei. Er entscheidet, was gut für das Land und die Bevölkerung ist und was nicht. Selbst dem weltoffensten Präsidenten wären da die Hände gebunden."

"Was denken Sie, was Sie den Frauen im Land bisher Gutes getan haben?" Diese Frage würde sie Rohani gern einmal persönlich stellen. Dass sie keine Scheu vor großen Namen oder hohen Positionen hat, stellte sie vor etwas über einem Jahr unter Beweis. Damals nämlich schrieb Darya Safai einen Brief an FIFA-Präsident Sepp Blatter, in dem sie an ihn appellierte, sich gegen das Verbot für Frauen in Fußballstadien auszusprechen. Der Brief wurde von über 200 iranischen Wissenschaftlern, Aktivisten und Künstlern unterschrieben, darunter auch Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Tatsächlich wandte Blatter sich daraufhin an den iranischen Präsidenten, allerdings ohne Ergebnis.

Trotz allem lässt Darya Safai sich nicht entmutigen. Sie will weiter kämpfen für die Rechte der Frauen im Iran. Und glaubt fest daran, dass es sich lohnen wird. "Ich denke, eines Tages wird sich etwas ändern. Ich bin und bleibe optimistisch."

Esther Felden

© Deutsche Welle 2016

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