Auch hatten die Akteure des "Damaszener Frühlings" gar nicht vor, das Regime Baschar al-Assads zu stürzen. Im Gegenteil, sie waren mehr als gewillt, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen und den Präsidenten bei seinen Reformen für einen schrittweisen, friedlichen und demokratischen Wandel zu unterstützen. Schließlich würde er wohl eines Tages abgewählt werden, so wie er dies sogar selbst irgendwann gegenüber amerikanischen Medienvertretern geäußert hatte.

Das sollte sich jedoch schnell als nur eine von vielen Lügen arabischer Despoten im Nahen Osten erweisen. Tatsächlich war Baschar al-Assad nie etwas anderes als das neue Gesicht des alten Regimes seines Vaters. Ein Regime, das innerhalb des Herrscherclans weitervererbt wurde und seit Jahrzehnten nicht nur die Armee, die Baath-Partei und die Geheimdienste, sondern auch die Medien und Ressourcen des Landes kontrollierte.

Ziel des autoritären Regimes und dessen Unterstützer war es, die Macht auf unbestimmte Zeit an sich zu reißen. Hierfür regierten sie mit eiserner Faust, um der Bevölkerung unmissverständlich klar zu machen, dass sie sich niemals aus dem Würgegriff des Herrscherclans befreien könnte.

Wie der Vater, so der Sohn

Das Pathos vom Kampf für den Panarabismus und von der Befreiung Palästinas, diente der Baath-Partei lediglich als Propagandainstrument, um die eigene Unrechtsherrschaft in ein emanzipatorisches Gewand zu kleiden. Schon bald wurde deutlich, dass all die Versprechen des "Assad-Sprösslings" vor allem eines waren: nichts als leere Versprechungen.

Als der "Arabische Frühling" Syrien erreichte, war es schließlich unausweichlich, dass sich die Menschen gegen das Regime auflehnten und auf die Straße gingen – und zwar friedlich! Und dieses Mal reagierte auch der Sohn ganz im Stil seines Vaters, der bereits 1982 einen großangelegten Angriff auf die zentralsyrische Stadt Hama gestartet hatte, um einen bewaffneten Aufstand oppositioneller Gruppen niederzuschlagen, die den sunnitischen Muslimbrüdern zugerechnet wurden.

Syrische Geheimdienstmitarbeiter gehen im März 2011 in Damaskus gegen Demonstranten vor; Foto: picture-alliance/abaca
Mit kompromissloser Härte gegen Zivilisten und Dissidenten: "Ziel des autoritären Regimes und dessen Unterstützer war es, die Macht auf unbestimmte Zeit an sich zu reißen. Hierfür regierten sie mit eiserner Faust, um der Bevölkerung unmissverständlich klar zu machen, dass sie sich niemals aus dem Würgegriff des Herrscherclans befreien könnte", schreibt Faraj Alasha.

Der Angriff führte zu massiven Zerstörungen der Stadt, Luftwaffe und Artillerie griffen nicht nur die auf wenige Orte konzentrierten Stellungen der insgesamt kleinen Anzahl der Rebellen an, sondern nahmen absichtlich weite Teile der Stadt ins Visier. Tausende unschuldige Zivilisten kamen dabei ums Leben. Die Botschaft war klar: Hafiz al-Assad kennt keine Gnade mit denen, die sich ihm nicht unterwerfen.

Mit Einverständnis des Herrscherclans und seiner Unterstützer wählte sein Sohn Baschar die gleiche Taktik, um dem Aufstand von 2011 zu begegnen. Sie waren davon ausgegangen, dass das südlich gelegene Daraa, genau wie Hama zu Zeiten seines Vaters, eine isolierte aufständische Stadt darstellen würde. Doch rasch wurden sie eines Besseren belehrt, als sich immer mehr syrische Städte und Dörfer dem Aufstand anschlossen. Doch darauf hatte das Regime nur eine Antwort parat: Gewalt und noch mehr Gewalt.

Ein zweites Grosny

Als das Regime realisierte, dass es am Rande einer Niederlage stand, rief es schließlich das theokratische iranische Regime zu Hilfe, und mit ihm die Hisbollah. Ihr gemeinsamer Feldzug mit der Armee Assads hätte den Sturm der bewaffneten Opposition aus "Freier Syrischer Armee", gemäßigten Islamisten und einer Heerschar von Al-Qaida- und IS-Kämpfern auf Damaskus allerdings nur zeitweilig aufgehalten, wäre Assads Truppen nicht Russland zur Seite gesprungen.

Das bestätigte selbst der russische Außenminister Sergej Lawrow Anfang 2016 in aller Offenheit: "Wir sind uns sicher, dass es die richtige Entscheidung war, der Bitte der rechtmäßigen syrischen Regierung um Hilfe zu entsprechen. Die Hauptstadt dieses UN-Mitglieds wäre ansonsten innerhalb von zwei, drei Wochen in die Hände der Terroristen gefallen."

Mit der Intervention durch Putins Russland nahm der Krieg eine noch zerstörerische Dimension an, als noch zu Zeiten des Angriffs auf Hama im Jahr 1982. Ein zweites Grosny wäre ein passender Vergleich, wurde die tschetschenische Hauptstadt in den 1990er Jahren innerhalb weniger Monate dem Erdboden gleichgemacht. Es blieb damals nichts als verbrannte Erde zurück, die meisten Einwohner flohen aus diesem Inferno, die der Angriff aus der Stadt gemacht hatte. Und wer dazu nicht mehr in der Lage war, starb zusammen mit den letzten Widerstandskämpfern in den Ruinen der Stadt.

Nach acht Jahren Syrienkrieg, in dessen Verlauf Hunderttausende getötet, Millionen vertrieben und die meisten Städte und Dörfer komplett zerstört wurden, stellt sich die Frage, was noch von Syrien übrig geblieben ist. Von einem Syrien so wie wir es kannten, und über das Assad – oder wer auch immer – herrschen könnte.

Alle Verhandlungen über die Zukunft des Landes ignorieren eine entscheidende Tatsache: Syrien ist heute nicht mehr Syrien – und deswegen können wir auch nicht mehr darüber verhandeln.

Faraj Alasha

© Qantara.de 2019

Faraj Alasha ist ein libyscher Autor und politischer Analyst. Sein letzter Roman "Synesios und Hepatia" erschien im arabischen Verlag "Dar Altanweer".

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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