So wollte Gülen - anders als Erdoğan - an dem Bündnis mit Israel festhalten und lehnte eine Annäherung an den Iran ab. Vor allem aber war er gegen Erdoğans Öffnung gegenüber den Kurden. Im Februar 2012 versuchten Gülen-Anhänger in der Justiz, Geheimdienstchef Hakan Fidan wegen seiner Friedensgespräche mit der PKK vor Gericht zu bringen. Erdoğan schlug daraufhin zurück, indem er die Nachhilfezentren der "Cemaat" schließen ließ.

Erdoğan versus Gülen

Als im Dezember 2013 Gülen-Anhänger in Polizei und Justiz Korruptionsermittlungen gegen Erdoğans Umfeld eröffneten, brach der Konflikt für alle sichtbar aus. Viele im Westen sahen damals den Vorwurf Erdoğans mit Skepsis, die Gülen-Bewegung habe ihn zu stürzen versucht, stand die Bewegung in der westlichen Wahrnehmung doch vor allem für Dialog und Bildung. In der Türkei waren viele jedoch keineswegs erstaunt, da Journalisten wie Ahmet Şık schon lange vor der Unterwanderung des Staats durch die "Cemaat" gewarnt hatten.

Bis Juli 2016 brachte die Regierung die meisten Schulen, Medien und Firmen der "Cemaat" unter ihre Kontrolle und ging daran, ihre Anhänger aus dem Staatsdienst zu entfernen. Für die Bewegung stand damit ihr Überleben auf dem Spiel. Gründe genug für einen Putsch? Hakan Yavuz bejaht diese Frage klar. Aus seiner Sicht musste die "Cemaat" im Juli 2016 handeln, um ihre Zerschlagung zu verhindern, zumal erwartet wurde, dass der Oberste Militärrat bei seiner jährlichen Sitzung im August auch gegen die Gülen-Anhänger im Militär vorgehen würde.

Für Yavuz war der Putschversuch zwar überstürzt, doch keineswegs "dilettantisch", wie teils im Westen behauptet. Vielmehr weise der Einsatz tausender Soldaten mit dutzenden Panzern, Helikoptern und Flugzeugen auf eine langfristige und akribische Planung hin.

Ein Putschversuch in Eigenregie?

Yavuz ist aufgrund der hierarchischen Struktur der "Cemaat" und ihrem Hang zur Autarkie zudem überzeugt, dass der Putschversuch von Gülen persönlich abgesegnet wurde, und seine Anhänger ohne Absprache mit den Kemalisten oder anderen Gruppen im Militär handelten.

Nicht alle Autoren teilen diese Einschätzung. David Titterson etwa bezweifelt, dass die Gülen-Anhänger tatsächlich bis in die Generalität aufgestiegen seien, da die Militärführung noch nach 2002 alle Offiziersanwärter aussortiert habe, die religiöser Neigungen verdächtig waren. Zudem gibt es gewisse Hinweise, dass Erdoğan vorab von den Plänen der Gülen-Anhänger wusste, aber sie gewähren ließ, um anschließend mit der "Cemaat" aufräumen zu können.

Es ist eine Schwäche des Buchs, dass Yavuz und andere Autoren solchen alternativen Szenarien kaum Aufmerksamkeit schenken und auch vorschnell über Unstimmigkeiten im Narrativ der Regierung hinweggehen, so dass am Ende etliche Fragen zur Putschnacht offen bleiben.

Dennoch zeigt das Buch eindrücklich, wie naiv die Einstufung der "Cemaat" als harmloser Bildungsverein ist. Gerade in Deutschland, wo die Bewegung dutzende Schulen betreibt, ist eine kritische Neubewertung dringend nötig. Das Buch wäre eine gute Grundlage dafür.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2018

M. Hakan Yavuz und Bayram Balci (Hrsg.): "Turkey's July 15th Coup - What Happened and Why", The University of Utah Press, Salt Lake City, 2018, 344 Seiten

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