Eine plausible Erklärung kommt hingegen aus den Reihen der baden-württembergischen CDU-Fraktion. Danach hatten türkische Regierungsstellen nach dem Putschversuch die deutsche Seite unter Verweis auf den kritischen Gülen-Bericht aufgefordert, gegen die Bewegung vorzugehen.

Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Ulla Jelpke, wirft der Bundesregierung vor, "schützend die Hand" über die Gülen-Bewegung zu halten - selbst über die Mitglieder, die in der Türkei mutmaßlich an Verbrechen beteiligt waren. Das Mitglied des Innenausschusses des Bundestages hat wiederholt kritische Anfragen zum Umgang mit der Bewegung gestellt. Auslieferungen an die Türkei lehnt Jelpke aber ab, da die Beschuldigten dort kein rechtsstaatliches Verfahren erwarte. "Aber man könnte ihnen hier den Prozess machen."

Gesucht: der "Imam der Luftwaffe"

Auch die Türkei behauptet, etliche Verantwortliche für den Putschversuch vom Sommer 2016 seien nach Deutschland geflohen. Mitte Juni veröffentlichten türkische Zeitungen die Adresse eines Wohnhauses in Berlin-Neukölln, in dem sich einer der mutmaßlichen Drahtzieher versteckt halte: Adil Öksüz, der als "Imam der Luftwaffe" im Auftrag der Bewegung Gülen-treue Offiziere befehligt haben soll. Aufnahmen zeigen ihn am Abend des Putsches auf einer Luftwaffenbasis bei Ankara. Die türkische Regierung fordert seine Auslieferung.

Tageszeitung Yeni Safak zu Adil Öksüz; Foto: picture-alliance/NurPhoto
Lebt ein Putsch-Drahtzieher in Deutschland? Die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak behauptete in einem ihrer Aufmacher vom 9. August 2017, dass die Bundesregierung einem der mutmaßlichen Drahtzieher des Militärputsches, Adil Öksüz, in Deutschland Schutz gewähre. Öksüz wird in mehreren Verfahren als mutmaßliche Schlüsselfigur des Putschversuches 2016 in der Türkei in Abwesenheit mitangeklagt.

Offiziell erklärt die Bundesregierung, dass sie nicht wisse, ob sich Öksüz in Deutschland befinde. Man habe aber Ermittlungen eingeleitet. Ein Bewohner des Hauses sagte dagegen, einem Mann im Haus begegnet zu sein, der ihm stark ähnele. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau ist Öksüz inzwischen vom Berliner Staatsschutz in Sicherheit gebracht worden.

Die Gülen-Bewegung bestreitet jede Verwicklung in Gewaltverbrechen. Sie sei lediglich in den Bereichen Dialog und Bildung engagiert. Aber auch in Deutschland hat die Bewegung seit dem Putsch zahlreiche Unterstützer verloren. Drei der 30 Gülen-Schulen mussten schließen, weil vor allem türkischstämmige Eltern ihre Kinder abmeldeten. Auch rund die Hälfte der bundesweit 170 Gülen-Nachhilfeeinrichtungen mussten aufgegeben werden.

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