Die Gülen-Bewegung in der Türkei

Eine Elite bilden, die den Staat leitet

Die Gülen-Bewegung präsentiert sich als offene Bildungsbewegung mit moderatem Islamverständnis. Doch in Wirklichkeit habe sie sektenähnliche Strukturen und verfolge eine geheime Agenda, sagen Kritiker. Der türkische Präsident betrachtet Gülen mittlerweile sogar als Staatsfeind Nummer eins. Von Timur Tinç

Der heute 76-jährige Fethullah Gülen wurde bereits mit 18 Jahren Imam und gewann in den 1980er Jahren als Wanderprediger immer mehr Anhänger. "Schulen bauen statt Moscheen" war sein Credo, und er erfreute sich der aktiven Unterstützung säkularer Regierungen zwischen 1986 und 1997. In der Türkei schossen Nachhilfezentren, Studentenheime und Universitäten wie Pilze aus dem Boden und bildeten das finanzielle Fundament der Bewegung. Die Finanzen wurden von der Kaynak-Holding verwaltet. Medienhäuser, Kliniken und ein Kreditinstitut – die Bank Asya – kamen hinzu.

Gleichzeitig eröffneten reiche Geschäftsleute in den ehemaligen Sowjetstaaten, insbesondere im Kaukasus, in den neuen Balkanstaaten sowie in Afrika und Mittelasien rund 1.000 Schulen in 160 Ländern, die moderne und säkulare Bildung anboten. Deren Aufbau wurde vom türkischen Außenministerium gefördert, die Abschlüsse vom Bildungsministerium anerkannt.

Orientierung am konservativen islamischen Mainstream

"Gülen wurde zu einem 'Vorzeigemuslim' stilisiert, der eine Synthese zwischen islamischen Werten und der vom Kemalismus vorgegebenen Trennung von Islam und Politik anbot", sagt Islamwissenschaftler Bekim Agai von der Goethe-Universität Frankfurt. Bei einem näheren Blick in die Schriften stelle man jedoch fest, dass sich sein Islamverständnis am konservativen Mainstream orientiert und seine Argumentationen traditionell sind. Sein Ziel sei es, eine fromme Elite auszubilden, die in der Lage ist, den Staat zu leiten und letztlich zu kontrollieren.

So gelang es der Gülen-Bewegung peu à peu, den türkischen Staatsapparat zu unterwandern, schreibt Günter Seufert von der Stiftung Politik und Wissenschaft (SWP) in einer Studie: "Weil das Netzwerk auf die demonstrative Zurschaustellung religiöser Identität verzichtet, aber auch weil Gülen früher mit dem Staat kooperiert hatte, war es Anhängern der Bewegung trotz einiger Säuberungswellen bereits Anfang der 1990er Jahre gelungen, Seilschaften in der Bürokratie zu bilden, besonders in der Polizei, der Justiz, aber auch im Militär."

Dies erreichte mit dem Wahlsieg der islamisch-konservativen AKP im Jahr 2002 eine neue Dimension. Die Partei um den damaligen Premierminister Erdoğan verbündete sich mit den Anhängern Gülens, die bereits im Staatsdienst waren. Beide verfolgten das gleiche Ziel: die Transformation der türkischen Gesellschaft weg von der verhassten kemalistischen Ideologie hin zu einer religiösen Identität.

Proteste von Studenten und AKP-Anhängern gegen die Gülen-Bewegung im Juli 2016 in Ankara; Foto: DEM ALTAN/AFP/Getty Images
Vom Freund zum Feind: Nach dem Wahlsieg der AKP verbündete sich die Regierungspartei um den damaligen Premierminister Erdoğan mit den Anhängern Gülens, die bereits im Staatsdienst waren. Beide verfolgten das gleiche Ziel: die Transformation der türkischen Gesellschaft weg von der verhassten kemalistischen Ideologie hin zu einer religiösen Identität. Doch die Gülenisten fielen bei Erdoğan und seinen Anhängern in Ungnade, nachdem sie zu viel Macht erlangt hatten und begannen, den türkischen Staat zu unterwandern.

Fethullah Gülen, der von AKP-Politikern als "verehrter Lehrer" gepriesen wurde, war da schon längst im Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania. Denn nach einem Putsch vom 28. Februar 1997 wurde der Gülen-Bewegung vorgeworfen, das Militär zu islamisieren.

Kein Bezug zur Türkei und zum Islam

Im Ausland wirkt die Gülen-Bewegung "wie ein globaler Repräsentant von konservativen islamischen Werten und dem Türkentum, der die türkische Sprache und Kultur in der Welt verbreitet", sagt Bayram Balci, Politikwissenschaftler vom französischen Institut Sciences Po. Den Stiftungen, Bildungs- und Kultureinrichtungen gehe es im Ausland nicht nur darum, die türkischstämmige Bevölkerung zu erreichen, sondern auch die Gastgebergesellschaft.

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