Oft gibt es dort gar keinen Bezug zur Türkei oder zur islamischen Religion. In Westeuropa und den USA setze die Bewegung auf den sozialen Aufstieg benachteiligter Menschen und auf den interreligiösen Dialog mit Christen und Juden, meint Balci. Sie verschleiere oft ihren Bezug zu Gülen.

Im Kaukasus und Afrika wurden Unternehmen gegründet und Wirtschaftskooperationen vereinbart. Diese Kontakte machte sich auch die AKP zunutze. Zwischen 2002 und 2013 stieg die Zahl türkischer Botschaften in Afrika von 19 auf 34. "Die Gülen-Anhänger waren die Vorhut der türkischen Soft-Power-Offensive", erklärt Balci.

Der Investigativjournalist Ahmet Sik bezeichnet diese Aktivitäten der Bewegung als ihr "ziviles Gesicht", das als Fassade für das "militaristische" dient. Das zeigte sich erstmals beim sogenannten Ergenekon-Prozess. 2007 wurden hunderte Ex-Militärs, Oppositionspolitiker, Journalisten und Juristen von Gülen-treuen Staatsanwälten angeklagt, einer Geheimorganisation anzugehören, die versucht haben soll, die Regierung zu stürzen.

Ahmet Sik; Foto: picture-alliance/AP
Ahmet Siks Buch "Die Armee des Imam" über die Gülen-Bewegung galt in der Türkei als "das gefährlichste Buch des Landes". 2011 wurde er noch vor Veröffentlichung unter dem Verdacht inhaftiert, der angeblichen Putschisten-Organisation "Ergenekon" anzugehören. 2012 wurde er entlassen, er befindet sich seit dem 29. Dezember 2016 erneut im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, in seinen Tweets und Artikeln Terror-Propaganda zu verbreiten und Staatsorgane zu beleidigen.

"Mit gefälschten Beweisen und falschen Aussagen machte sie tausenden Menschen das Leben zur Hölle", sagt Sik. Er selbst wurde 2011 verhaftet – kurz vor der Veröffentlichung seines Buches "Die Armee des Imams", in dem er die Unterwanderung der Sicherheitsbehörden beschreibt. "Es handelt sich um eine Mafia, die Religion als ein Instrument benutzt, um Macht zu erlangen, und sie funktioniert wie ein Geheimdienst", beschreibt Sik die sektenähnliche Struktur der Bewegung.

Ein neuer "tiefer Staat"

Das legen auch interne E-Mails des US-Sicherheitsberatungsunternehmens Stratfor nahe, die Wikileaks im Jahr 2010 enthüllt hat. Sie zitieren Informanten aus der Bewegung, die von klaren Hierarchien und Befehlsstrukturen sprechen sowie von "Rekrutierungsprozessen" an den Gülen-Schulen. "Die treuesten Schüler würden gezielt in wichtige Positionen im Staat platziert, die Talentiertesten an die Militärakademie geschickt", heißt es darin.

Gülen selbst bezeichnete in seinen frühen Werken seine Anhänger als "Rekruten". Diese wurden natürlich in erster Linie in der Türkei rekrutiert, aber auch in den Studentenwohnungen, den sogenannten "Lichthäusern", die es auch im Westen, unter anderem in den USA und in Deutschland, gibt.

Das US-Magazin "Foreign Policy" beschrieb schon im Jahr 2010, dass die türkische Regierung zwar die Macht des Militärs zurückgedrängt habe, aber ein neuer "tiefer Staat" entstanden sei. Das erkannte auch Erdoğan und warf den Sondergerichten, die voll von Gülen-Kadern waren, vor, sich wie ein "Staat im Staate" aufzuführen.

Gescheiterter Putschversuch in der Türkei am vom 15. Juli 2016; Foto: picture-alliance/abaca
Fethullah Gülen als Drahtzieher des Putsches und Staatsfeind Nummer Eins in der Türkei: Der Konflikt zwischen Präsident Erdoğan und der Gülen-Bewegung eskalierte endgültig mit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 mit über 250 Toten und 2. 200 Verletzten. Für die AKP-Regierung war nur Stunden danach klar, dass die Gülenisten dahinterstecken.

In seiner Panik und der Erkenntnis, dass die Gülen-Bewegung – zu der schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der türkischen Bevölkerung zählen – zu viel Macht erlangt hat, kündigte Erdoğan im November 2013 an, die Nachhilfeschulen der Bewegung zu schließen. Nur einen Monat später strengte die Gülen-nahe Staatsanwaltschaft am 17. Dezember ein umfassendes Korruptionsermittlungsverfahren gegen Erdoğan und sein Umfeld an.

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