Die Folgen des Khashoggi-Mordfalls

Die unbequeme Wahrheit über Saudi-Arabien

Nach dem Mord an Khashoggi zog der ehemalige US-Außenminister James Baker jüngst eine Parallele zur US-Politik gegen China nach dem Massaker vom Tiananmen-Platz im Jahr 1989. Washington verhängte damals gegen China. Wäre eine solche Politik heute nicht auch gegen Saudi-Arabien angebracht? Richard N. Haass

Im Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" versuchte der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, seine amerikanischen Mitbürger vor den Gefahren der globalen Erwärmung zu warnen. Das Unbequeme daran ist, dass der Kampf gegen katastrophale Klimaveränderungen die Menschen dazu zwingen würde, anders zu leben und, in manchen Fällen, aufzugeben, was sie lieben (beispielsweise benzinschluckende Autos).

Seit fast zwei Monaten leben wir alle mit einer anderen unbequemen Wahrheit – seit Jamal Khashoggi, ein saudischer Journalist, der für die Washington Post arbeitete und in den Vereinigten Staaten lebte, im saudischen Konsulat in Istanbul verschwand.

Ein großer Teil dieser Wahrheit lässt sich nicht leugnen: Khashoggi wurde von Leuten ermordet, die enge Verbindungen zur saudischen Regierung und ihrem De-Facto-Regierungschef hatten – Kronprinz Mohammed bin Salman (auch als MBS bekannt). Wochenlange Dementis und Lügen saudischer Beamter haben die Vermutung, dass der Mord von ganz oben geplant und genehmigt wurde, nur noch erhärtet.

Zu dieser Ansicht ist nun auch die CIA gekommen. Dass MBS direkt beteiligt war, ist zwar nicht hundertprozentig bewiesen, doch die meisten Beobachter, die Saudi-Arabien kennen, haben daran kaum Zweifel. Dies ist kein System, dass viel eigenmächtiges Handeln toleriert.

Saudi-Arabien – "Too Big to Fail"?

Was die Wahrheit so unbequem macht, ist die strategische Bedeutung Saudi-Arabiens. Das Königreich fördert immer noch über zehn Prozent des weltweiten Öls. Sein Staatsfonds sitzt auf schätzungsweise 500 Milliarden Dollar. Und es ist das einflussreichste sunnitisch-arabische Land. Es ist Hüter der heiligsten islamischen Stätten und nimmt daher innerhalb der muslimischen Welt eine Sonderstellung ein. Und bei allen Maßnahmen gegen den Iran spielt es eine entscheidende Rolle.

Darüber hinaus gilt MBS trotz all seiner Schwächen als eine Art "Reformer“. Er versteht, dass sich sein Land, wenn es aufblühen will, öffnen muss – was auch die Voraussetzung dafür ist, dass die königliche Familie eine Zukunft hat. Auch ist er in seinem Land beliebt, insbesondere bei den jüngeren Saudis, die den größten Teil der Bevölkerung stellen.

Das Problem ist, dass der junge und impulsive Kronprinz viele Fehler hat. Nicht nur beim Mord an Khashoggi war er beteiligt, sondern er hat auch einen waghalsigen Angriff seines Landes auf den Jemen befohlen – eine strategische und humanitäre Katastrophe, die an den Krieg der USA gegen Vietnam erinnert.

Er entführte den libanesischen Ministerpräsidenten und tat alles, was er konnte, um das Emirat Qatar zu untergraben; verhaftete reiche Saudis, die sich weigerten, seiner Machtkonsolidierung zuzustimmen; brach wegen eines kritischen Tweets die diplomatischen Beziehungen zu Kanada ab; und sperrte politische Aktivisten ein – darunter auch Frauen, die sich für mehr Rechte einsetzten.

Ducken und warten

Die saudische Strategie im Umgang mit dem Aufschrei über den Mord an Khashoggi ist klar: sich ducken und warten, bis das Unwetter vorüberzieht. MBS und sein innerer Kreis bauen darauf, dass die Wut der Welt angesichts der Bedeutung seines Landes bald abflauen wird. Und da sein Land die anderen sunnitisch-arabischen Staaten subventioniert, hat er guten Grund zu der Annahme, dass diese zu ihm stehen werden.

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