"Reentko kann sich von diesem Fee-artigen Wesen zu einem energetischen Rocker wandeln", lacht Lahoud. "Aber insgesamt öffnet die Gitarre die zarten Welten noch mehr. Wenn ich mich darauf einlasse, was Reentko macht, dann merke ich, dass auch meine Stimme noch mehr in die leisen Nuancen hineingehen kann."

Es sind besonders diese Passagen, die "Irade" zu einem sehr bewegenden Album machen: Zentral ist da ein Stück namens "Herzlicht", in dem Lahouds Stimme förmlich leuchtet. Kein anderes Stück trägt einen deutschen Titel, und als deutscher Hörer ertappt man sich natürlich dabei, auf ein paar Zeilen in der Muttersprache zu warten.

Verschiedene Welten zulassen

Doch die kommen nicht. Ein wunderschöner textfreier Melodiefluss mündet am Ende in eine Kurzbeschreibung einer Seelenlandschaft im Stile von Khalil Ghibran. "Wenn mich Leute am Telefon hören, rechnen sie nicht damit wie ich aussehe", erklärt Lahoud dieses Spiel mit den Idiomen. "Wenn sie mich dann treffen, ist das ein Riesenkonflikt zwischen dem, was an mir deutsch ist und was libanesisch sein sollte. Mit dieser Erwartung spiele ich auch bei diesem Stück. Der Konflikt ist von mir so gewollt: Denn am Ende geht es doch einfach darum, das zu genießen, was man schön findet, beide Welten in der Schönheit ihres Seins zu lassen."

Verschiedene Welten zuzulassen, so wie sie sind – wenn das eine Maxime von Masaa ist, versteht man auch, warum sie sich in einem anderen Stück dem Philosophen und Wissenschaftler Averroes (Ibn Rushd) nähern, der in Córdoba die Blütezeit des zwar nicht immer reibunglosen und friedlichen, aber trotzdem belebenden und fruchtbaren Miteinanders der Volksgruppen und Religionen im maurischen Andalusien mitgestaltete.

Marcus Rust hatte diese Komposition ursprünglich für das Pergamonmuseum Berlin geschaffen. Lahoud findet es bemerkenswert, dass nicht nur die Glaubensrichtungen, die sich heute wieder verstärkt "bezaunen" vor 1.000 Jahren größere Nähe hatten, sondern auch die Kunst eine enge Nachbarin der Wissenschaft war.

Verständigung jenseits der Worte

"Dinge nicht so auseinanderzudividieren, das fasziniert mich und entspricht auch meinem inneren Wunsch, so zu sein. Und da hat die Musik die Kraft zur Vermenschlichung der Gesellschaft, denn sie braucht nicht das kognitive und analytische 'Wer bin ich' und 'Wo gehöre ich hin'. Immer wieder erlebe ich Menschen, die berührt sind von einer Art von Musik, die sie vorher noch nie gehört haben."

Masaas Album "Irade" bietet durch die vielen Verknüpfungen der Welten eine Chance zur Verständigung jenseits der Worte. Dabei lässt diese Musik durchaus auch den Schmerz zu. Etwa, wenn in "Lullaby For Jasu" ganz offen der Krieg thematisiert wird.

Rabih Lahoud ist im libanesischen Bürgerkrieg aufgewachsen, seine Eltern leben immer noch in Beirut und bekommen die derzeitigen Unruhen hautnah mit. "Ich dachte, ich hätte mehr Distanz durch mein Leben in Deutschland. Ich merkte, wie ich mich innerlich distanzieren musste, um wieder funktionieren zu können und nicht in dieser Kriegsstarre zu sein", bekennt er. "Doch ich merke, wie ich jetzt wieder von den Nachrichten aufgesogen werde, wie diese Starre nie richtig weggeht und wie man das immer wachhalten soll, damit ein Krieg nie wieder geschehen kann."

Bei Masaa nutzt Lahoud seine Talente für den Frieden auf eine denkbar schöne Weise.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2020

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