Die arabischen Volksaufstände und Al-Qaida

Goodbye Osama?

Seit dem Ausbruch der Unruhen in der arabischen Welt hält sich das Terrornetzwerk Al-Qaida auffällig bedeckt. Drängen die möglichen Demokratisierungen der arabischen Regime Al-Qaida jetzt in die Bedeutungslosigkeit? Antworten von Nader Alsarras

Osama Bin Laden; Foto: AP
Im Schatten des welthistorischen Umbruchs in den arabischen Staaten: Von Osama Bin Laden ist seit Ausbruch der arabischen Revolutionen nichts zu hören.

​​"Al-Qaida tappt im Dunkeln" – "Die arabischen Volksaufstände enttäuschen Al-Qaida" – "Al-Qaida schaut zu, wie die Geschichte an ihr vorbeifliegt". Mit diesen und ähnlichen Titeln analysierte die internationale Presse in den letzten Wochen die aktuelle Lage des Terrornetzwerks.

In einem Punkt sind sich die Medienvertreter einig: Al-Qaida hat bei diesen Revolutionen keine bedeutende Rolle gespielt. Die Ereignisse der letzen Monate zeigten die unüberbrückbare Kluft zwischen dem, was Al-Qaida propagiert, und dem, was die Menschen während der Demonstrationen forderten.

"Das ist eine Kluft, die schon immer da war", sagt der Hamburger Islamwissenschaftler Albrecht Metzger, "aber wegen der teilweise geglückten Anschläge in arabischen Ländern oder auch im Westen glaubten wir, die Organisation Al-Qaida sei stärker als sie wirklich ist."

Die jüngsten Entwicklungen zeigen aber, so Metzger weiter, dass Al-Qaida in der arabischen Welt eine Minderheit sei, und dass ihre Ideologie vom heiligen Krieg die Massen nicht überzeugen könne.

Islamische Extremisten als großer Verlierer

Dass neben den Diktatoren Al-Qaida als der große Verlierer der historischen Umwälzungen in der arabischen Welt hervorgehen wird - davon ist auch Mohammad Abu Rumman überzeugt. Er ist Forscher und Nahost-Experte am Zentrum für Strategische Studien an der Jordanischen Universität in Amman.

Ägypterin bei Anti-Mubarak-Demonstration; Foto: dpa
Keine Chance für Extremisten: Islamwissenschaftler und Nahostexperten sind sich einig, dass der Einfluss radikaler Islamisten auf die Proteste der jüngeren Generation während des arabischen Frühlings verschwindend gering bis nicht existent war.

​​Al-Qaida, sagt Abu Rumman, war nie ein Sprachrohr der arabischen Jugend: "Al-Qaida bot ihre eigenen Antworten auf eine allgemeine politische Krise der arabischen Regime. Diese Krise zeigte sich darin, dass ein friedlicher, demokratischer Wandel nicht in Aussicht war."

Doch die Demokratiebestrebungen der arabischen Völker und das Fordern von sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und Pluralismus seien den Grundsätzen von Al-Qaida diametral entgegengesetzt, sagt Abu Rumman. Das entziehe dem Terror-Netzwerk den ideologischen Boden.

Bemerkenswert finden Experten auch Osama bin Ladens bisheriges Schweigen, da er sonst mit seinen Kommentaren in Form von Video-Botschaften nicht spart.

Es scheint, er habe angesichts der gewaltigen Umbrüche nicht die passenden Worte gefunden, schrieb kürzlich Yassin Musharbash, Al-Qaida-Experte beim deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Nicht Al-Qaida", so Musharbash, "hat sich als Vertreter einer Avantgarde erwiesen, sondern die weltliche, internet-affine Jugend der arabischen Welt." Die Folge: Die Chefideologen des Terrornetzwerks wurden aus dem Konzept gebracht.

Diffuse Video-Botschaften

Doch trotz der Unfähigkeit von Al-Qaida, mit modernen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter umzugehen, verstummte das Terrornetzwerk nach den Ereignissen in Ägypten nicht gänzlich. In einem Youtube-Video versucht Ayman Al-Sawahiri die Revolten in Tunesien und Ägypten in seinem eigenen Sinne umzudeuten.

Videobotschaft Ayman  Al-Sawahiri zu den Protesten in Ägypten
Die Propaganda des Al-Qaida-Netzwerks verstummte während der Proteste jedoch nicht gänzlich, schreibt Alsarras. In einem Youtube-Video versuchte etwa Ayman Al-Sawahiri die Revolten in Tunesien und Ägypten in seinem Sinne umzudeuten.

​​Der zweite Mann von Al-Qaida will sie als islamische Revolten gegen unislamische Despoten verstehen. Denn Sawahiri lehnt Demokratie als weltliche Staatsform ab, in der "alles von den Launen der Mehrheit abhänge".

Für ihn ist die Regierungsform damit unislamisch – ein Demokratieverständnis, das beispielsweise an den Forderungen der Demonstranten in Libyen und Ägypten weit vorbeigeht.

Insgesamt sind sich die meisten Nahost- und Al-Qaida-Experten einig: Die Irrelevanz der altbekannten Parolen des Terrornetzwerks könnte ihr zum Verhängnis werden und sie in die Bedeutungslosigkeit stürzen. Eine echte Demokratisierung und die Herausbildung von Rechtstaaten machen die Gruppe endgültig überflüssig.

Es muss aber nicht unbedingt überall so laufen, warnt Muhammad Abu Rumman. Denn der Einfluss von Al-Qaida sei nicht in allen Staaten gleich: "In Libyen zum Beispiel, das von der Stammeskultur stark geprägt ist, oder im Jemen, wo die sozialen Unterschiede sehr groß sind, ist der Zustand ein anderer als in Tunesien oder Ägypten."

Kein Grund zur Entwarnung

Ein politisches Vakuum in diesen Ländern könnte es also Al-Qaida ermöglichen, sich dort einzunisten und an Boden zu gewinnen. Und sollten die Herrscher in Libyen und Jemen den friedlichen, demokratischen Wandel nicht ermöglichen und ihre Länder somit in Chaos und Bürgerkriege stürzen, könne Al-Qaida für sich daraus Kapital schlagen.

Entwarnung gibt auch der Islam-Experte Albrecht Metzger nicht. Denn die Rolle von islamistischen Gruppierungen in Ländern, in denen keine demokratischen Strukturen bestehen, sei immer noch nicht zu unterschätzen.

Beispiel Pakistan - ein Land, das ein wenig aus dem Blickfeld geraten sei: "Das ist ein ganz wichtiges Land für den Dschihadismus, weil dort die radikalen Taliban dabei sind, die Macht zu übernehmen und im Prinzip die gesellschaftlichen und politischen Strukturen zu bestimmen. Ich glaube, das wird ein wichtiges Schlachtfeld für Al-Qaida werden. Die arabische Welt, glaube ich, erstmal nicht."

Nader Alsarras

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Qantara.de

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