Wolfgang Herrndorf hat für seinen Roman „Sand“ den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhalten.
Die arabische Welt in der deutschen Literatur

Spuren, die nicht verwehen

Vor zehn Jahren erschien der Roman "Sand" des 2013 verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf. Manch Falsches und einiges Richtige ist seitdem über dieses große Werk gesagt worden. Aber längst nicht alles. Ein Essay von Stefan Buchen

Es beginnt mit einem Sonnenaufgang über dem Slum einer nordafrikanischen Stadt: "Sie schien über Wellblech, Sperrholz und Pappe, über Tamarisken und Dreck und eine dreißig Meter hohe Barriere aus Müll, die Salzviertel und Leeres Viertel von den übrigen Bezirken der Stadt trennte. Ungeheure Mengen von Plastikflaschen und entkernten Autos erstrahlten in ihrem Licht, Pylonen aus aufgeklopften Batteriegehäusen, zerschroteten Ziegeln, Schamott, Gebirge aus Fäkalschlamm und Tierkadavern. Über die Barriere hinweg hob sich die Sonne und beschien die ersten Häuser der Ville Nouvelle, vereinzelte zweistöckige Gebäude im spanischen Stil und die bröckeligen Minarette der Vorstadt. Lautlos glitt sie über die Rollbahn des Militärflughafens, die Tragflächen einer verlassenen Mirage 5, den Suq und die angrenzenden Verwaltungsgebäude von Targat."

Der Ort des Geschehens ist damit gesetzt. Die Stadt Targat am Meer existiert in Wirklichkeit genauso wenig wie der zweite Schauplatz der Geschichte, die rund 30 Kilometer entfernte Oase Tindirma. Man muss sich die beiden von einer Sandwüste getrennten Orte in einem arabischsprachigen Land mit französischer Kolonialvergangenheit vorstellen. Das Feuilleton hat sich viel damit beschäftigt, ob wir es mit einem Abenteuerroman, einem Agenten- oder Psychothriller oder mit verspielter Unterhaltung zu tun haben. Das Rätselraten trug den Rezensenten Herrndorfs Spott ein. Er schlug unter Hinweis auf die Figuren der Geschichte die Genre-Bezeichnung "Trottelroman" vor. Das war wohl nur halb ernst gemeint und könnte sich mindestens zur anderen Hälfte auf die Kritiker bezogen haben.

Cover von Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand"; Foto: Verlag Rowohlt
Für Stefan Buchen ist Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand“ auch eine Erkundung der zeitgenössischen orientalischen Welt und ihrer Beziehung zu Europa und den Vereinigten Staaten. "Diese Erkundung ist so scharfsinnig, schmerzhaft und aktuell und stößt so unerbittlich zu den relevanten Kernfragen vor, dass man ein Urteil wagen möchte: Ein besserer deutschsprachiger Text zu diesem Thema ist in unserem Jahrhundert bislang nicht geschrieben worden,“ schreibt Buchen. "Im Kleid des Fiktionalen lässt "Sand" die Konturen der Realität so scharf hervortreten, dass Zeitungsreportage oder Sachbuch dahinter verblassen.“

Mit der Zusammenfassung der Sand-Geschichte taten die Rezensenten sich ebenfalls schwer, was Herrndorf zu der Bemerkung veranlasste, dass die Kunst der Inhaltsangabe von Romanen gelitten habe. Erst dem Literaturfreund Michael Maar gelang es, die Story des Buches zu entschlüsseln.

Von der Kritik weitgehend unbeachtet blieb, dass der Roman auch eine Erkundung der zeitgenössischen orientalischen Welt und ihrer Beziehung zu Europa und den Vereinigten Staaten darstellt. Diese Erkundung ist so scharfsinnig, schmerzhaft und aktuell und stößt so unerbittlich zu den relevanten Kernfragen vor, dass man ein Urteil wagen möchte: Ein besserer deutschsprachiger Text zu diesem Thema ist in unserem Jahrhundert bislang nicht geschrieben worden. Im Kleid des Fiktionalen lässt "Sand" die Konturen der Realität so scharf hervortreten, dass Zeitungsreportage oder Sachbuch dahinter verblassen.

Das schwierige Wort "Realität" bezieht sich dabei auch auf die Art und Weise, wie im öffentlichen und privaten Diskurs über Nordafrika und den Orient von den leibhaftigen Zeitgenossen gesprochen und wie von ihnen darüber gedacht wird.Diesem realen Sprechen und Denken spürt der Roman gleichfalls mit beeindruckender Sorgfalt nach. Das schließt Persiflage und Ironie nicht aus. Im Gegenteil, es macht sie notwendig. "Die afrikanische Seele steckt ja noch in den Kinderschuhen," sagt ein Amerikaner in Targat, der sich als Psychiater ausgibt. "Mit den Neurosengeflechten einer durchschnittlichen amerikanischen Hausfrau alles nicht vergleichbar." Ein europäischer Geheimagent erklärt, warum "die Kameltreiber" nicht selbst Uranzentrifugen bauen können: Bei ihnen stand Wissenschaft "in unscharfer Opposition zu den großen Idealen von Stolz, Ehre und Ramtamtamtam."

"Sand" ist ein dystopischer Roman

"Sand" ist ein politisches Buch. Es berührt die Zeit vom Ende der direkten Kolonialherrschaft Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die - zumindest nahe - Zukunft. Das mag erstaunen, fixiert der Autor den Plot doch explizit zwischen Ende August und Anfang September 1972. Demnach wäre es schon fast ein historischer Roman. Aber das ist äußerer Schein.

Auf einer Party der Reichen und Schönen von Targat, darunter vielen ausländischen Diplomaten und Geheimdienstlern, wird die These von den Grenzen des (wirtschaftlichen) Wachstums diskutiert, die der "Club of Rome" mit Blick auf den hemmungslosen Ressourcenverbrauch gerade aufgestellt hatte. Die These wird von den Partygästen als verantwortungsloser Unsinn verworfen. "Niemals darf eine trübe Zukunft die strahlende Gegenwart verdunkeln," erklärt der Gastgeber, ein pädophiler amerikanischer Schriftsteller, im Gestus von après-nous le déluge (nach uns die Sintflut). Als Leser hat man plötzlich das Gefühl, dass es hier nicht um Vergangenes geht.

Politisch wird man "Sand" als eine Dystopie lesen müssen. Gemessen am Erscheinungsjahr 2011 sind wir in der Zukunft, und sie wird von Herrndorf trefflich beschrieben. Am Ende des ersten Kapitels liegt ein großes Kreuzfahrtschiff mit gelben Schornsteinen und erloschenen Lichterketten schlafend im Hafen von Targat, "leere Champagnergläser standen auf der Reling... der Reichtum gehört allen. Holt ihn euch."

In Romanen solle man Zufälle "nicht überstrapazieren", wirft der Erzähler an einer Stelle ein. Demnach dürfte die Wahl des Schauplatzes auch nicht zufällig auf ein Land in Nordafrika gefallen sein. Die Geschichte da zu platzieren, wo man nachts im Mondschein die Konturen "raketenförmiger Minarette" sieht, ist kein Akt schriftstellerischer Willkür. Es geht nicht darum, der Story irgendeine gefällige exotische Kulisse zu verpassen. Für die hier erzählte Handlung und ihre innere Logik ist es der ideale Ort.

Wolfgang Herrndorf auf Fuerteventura; Foto: Jan Bölsche
Der Autor Wolfgang Herrndorf in den Sanddünen von Fuerteventura. Der 1965 in Hamburg geborene Illustrator und Schriftsteller wurde einem breiten Publikum mit seinem 2010 erschienenen Jugendroman "Tschick“ (Rowohlt Verlag) bekannt. Für die Geschichte von der Freundschaft zwischen einem 14-Jährigen und einem jugendlichen Spätaussiedler aus Russland erhielt Herrndorf 2011 den Deutschen Jugendbuchpreis. Herrndorf starb 2013 in Berlin.

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Die Hauptfigur ist ein wohlgestalter Mann um die Dreißig mit teils europäischen, teils arabischen Vorfahren. Am besten spricht er Französisch, aber er kann auch Arabisch und Deutsch. Sein Problem: Er weiß nicht, wer er ist. Er ist in der Oase Tindirma in eine gewaltsame Auseinandersetzung hineingeraten, in der er einen Schlag auf den Kopf abbekam. Er verlor das Bewusstsein. Als der Mann "mit arabischem Einschlag" wieder aufwacht, hat er keine Erinnerung an sein früheres Leben. Sein Antrieb ist, nun herauszufinden, wer er ist.

Muße ist ihm dabei nicht vergönnt. Kaum ist er einem Quälgeist entkommen, gerät er in die Fänge des nächsten. Bis ihm ein amerikanischer Vernehmungsbeamter - es ist der erwähnte angebliche Psychiater - schließlich unverblümt erklärt, das Ziel sei, ihn in "existenzielle Verzweiflung" zu stürzen. Eine Amerikanerin namens Helen Gliese, die vorgibt, in Afrika Kosmetika vermarkten zu wollen, bietet dem leidenden Protagonisten Hilfe bei der Suche nach seiner Identität an. Mit der Zeit wird klar, dass dies aus purem Eigennutz geschieht. Diese Frau entpuppt sich als seine größte Peinigerin, als Mitglied eines Kommandos der CIA. Auch sie will seine Identität kennen, aus Gründen der Terrorbekämpfung.

Der aufmerksame Leser erkennt, dass die auf Seite 91 aus der Ohnmacht erwachende Hauptfigur identisch ist mit dem Polizeikommissar Polidorio, der zu Beginn der Geschichte vorgestellt wird. Polidorio hat, aus Frankreich kommend, eine Stelle im Kommissariat von Targat angetreten. Ihm fällt die Aufgabe zu, den Mord an vier Mitgliedern einer Kommune linksalternativer Aussteiger aus Europa und Amerika in der Oase aufzuklären. Bei der Ermittlungsarbeit am Tatort gerät er in geheimdienstliche Verwicklungen. Jemand möchte offenbar arabischen Empfängern Baupläne für eine Atombombe zukommen lassen. Zumindest ist das der Verdacht, den die amerikanische Seite hegt. Einheimische Schieber wollen an der Sache verdienen. Die USA haben das erwähnte Geheimdienst-Kommando geschickt, das die Übergabe der Baupläne verhindern soll.

Ungewollt zieht Polidorio die Aufmerksamkeit auf sich, bekommt von irgendeinem der Beteiligten einen Schlag auf den Kopf und wacht als jemand auf, der sich nicht mehr kennt. Weil er unter seiner Djellaba einen Anzug von Carl Gross trägt, nennt er sich behelfsweise "Carl".

Die große Kunst von Wolfgang Herrndorf besteht darin, in das Raster dieses billigen "B-Movie-Plots", wie er es selbst einmal nannte, ein einzigartig reiches literarisches Werk philosophischer Tragweite zu fügen.

"Herr im eigenen Haus" bleiben

In Carl/Polidorio scheint sich Wolfgang Herrndorf selbst zu spiegeln. Der Protagonist klagt über Kopfschmerzen, die eine physiologische Ursache haben müssen. Er entwickelt Wahrnehmungs- und Sprachstörungen. "Er beobachtete sich wie ein von sich Getrenntes." Er fragt sich, ob man die Ursache einfach wieder "rausnehmen" kann und ob dann alles wieder gut sei.

Knapp zwei Jahre vor der Veröffentlichung von "Sand" wurde bei Herrndorf ein bösartiger, unheilbarer Gehirntumor festgestellt. Im August 2013, als die Krankheit dabei war, ihn niederzustrecken, erschoss er sich. Dieses Ende hatte der Schriftsteller angekündigt und damit begründet, dass er bis zum Schluss "Herr im eigenen Hause" bleiben wolle.

Warum wählt der Autor einen Helden, der gegen den Verlust seiner Identität ankämpft und sich "wie ein von sich Getrenntes" beobachtet, einen Mann "mit arabischen Wurzeln"? Die Figur gewinnt an Glaubwürdigkeit vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die als Ganzes von sich entfremdet und dem Lauf der Welt nur noch ausgeliefert scheint. So zeichnet Herrndorf die Gesellschaft von Targat. Das Gegenteil einer glücklichen Stadt. Fünf Sechstel ihrer Einwohner leben in Elendsvierteln.

Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien; Foto: picture-alliance/dpa/J.Nasrallah
Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. So wie Herrndorf die Gesellschaft des fiktiven Orts Targats zeichnet, trifft sein Bild auf Teile der arabischen Welt zu. "Das Gegenteil einer glücklichen Stadt. Fünf Sechstel ihrer Einwohner leben in Elendsvierteln. Einzelne Probleme wie Bildungsmangel, Krankheiten und Verwahrlosung werden nicht angegangen. Sie gedeihen ungehindert. Um für Ruhe und Disziplin zu sorgen, veranstaltet die Exekutive in regelmäßigen Abständen 'Säuberungswellen‘.“

Einzelne Probleme wie Bildungsmangel, Krankheiten und Verwahrlosung werden nicht angegangen. Sie gedeihen ungehindert. Um für Ruhe und Disziplin zu sorgen, veranstaltet die Exekutive in regelmäßigen Abständen "Säuberungswellen". Dann kommen die Bulldozer. "Wie um jede andere größere Stadt hatte sich um Targat ein Gürtel aus Bidonvilles gelegt, und die Bereitschaft der Verwaltung, die erbärmlichen Hütten hin und wieder mit Bulldozern die Berghänge hinabzuschieben, schien den gleichen Effekt zu haben wie das sorgfältige Beschneiden einer Pflanze." Um den Hunger zu bekämpfen, bleibt den Kindern nur, sich "für eine Stunde" im Viertel der Oberschicht, der Ville Nouvelle, zu verdingen.

"Wie Insekten, die auf die Lichtquelle zusteuern, taumelten die Kinder über die Müllbarriere hinweg dem Reichtum entgegen.... Das Risiko, sich in der Millionenstadt zu verlieren, von Soldaten und anderem Gesindel eingefangen oder verschleppt zu werden oder aus welchen Gründen auch immer niemals zurückzukehren, nahmen alle auf sich.... Jeder dritte Ausflug endete in der Tragödie."

Missverständnis und Misslingen des Dialogs

Dem Kolonialismus wird nicht direkt die Schuld an den betrüblichen sozialen Zuständen gegeben. "Sand" liest sich diesbezüglich nicht als Anklage. Aber es wird deutlich, dass aus der Begegnung zwischen europäischen Kolonialherren und einheimischer Bevölkerung nichts Hoffnungsvolles entstanden ist. Missverständnis und Misslingen des Dialogs sind das Resultat dieser unglückseligen Begegnung. Das spiegelt sich sogar in der Architektur. Das größte und luxuriöseste Hotel von Targat, das Sheraton, sei in den fünfziger Jahren errichtet worden.

"Der Architekt hatte sich nicht entscheiden können zwischen Funktionalität und einer nachträglich an die Wände geklatschten Folklore aus bunten Mosaiken, Spitzbögen und Mukarnas; eine eklektizistische Katastrophe. Es lag sicher nicht an dieser Stillosigkeit allein, dass sich das Hotel so großer Beliebtheit erfreute, aber sie hatte ihren Anteil daran. Selbst in der Nebensaison musste man lange im Voraus buchen."

Nach einem tatsächlichen Albtraum erwacht Carl, der Mann, der kein Gedächtnis seines Selbst mehr hat, im "Albtraum der Realität. Ein Touristenbungalow am frühen Morgen." Der Tourismus der Europäer zwischen Glanz und Elend begleitet die Romangeschichte wie ein besonders schräger Missklang. In dem erwähnten Bungalow liegt ein Info-Prospekt mit einer Telefonnummer für Notfälle aus. Als Beispiel für einen Notfall wird genannt: "Afrikaner auf dem Grundstück".

Das Scheitern des Gesprächs ist das eine Thema des Romans. Herrndorf konstruiert eine Fülle von Dialogen, in denen die Kunst des Aneinander-vorbei-Redens auf unendlich witzige Weise auf die Spitze getrieben wird. Dass dem Leser das Lachen dann doch zunehmend im Hals stecken bleibt, hat mit dem Hauptthema des Werks zu tun. "Sand" ist eine Auseinandersetzung mit dem Zynismus der Mächtigen. "Macht" können dabei viele haben: Der Mann (oder die Frau) mit der Waffe in der Hand, der Bulldozer, der Chef der linksalternativen Kommune, der wohlhabende pädophile Schriftsteller, der "halb alphabetisierte König der Schieber".

Abu Ghraib Gefängnis bei Bagdad; Foto: picture-alliance/AP
Das berüchtigte Gefängnis Abu Ghraib in der Nähe von Bagdad. Dort folterte US-amerikanisches Wachpersonal seine irakischen Gefangenen auf besonders brutale Weise und hielt ihre Erniedrigung auf Handyfotos und Filmen fest. Daran kann man bei der Lektüre von Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand“ denken, in dem eine CIA-Agentin einem Mann "mit arabischem Einschlag" ein Geständnis über seine Verwicklung in den vermuteten Atomschmuggel abzupressen versucht.

Aber den Vogel schießen eindeutig die Mitglieder des CIA-Kommandos ab, zu dem neben der angeblichen Kosmetik-Vertrieblerin und dem angeblichen Psychiater auch ein angeheuerter syrischer Folterfachmann mit dem Spitznamen "Zange" gehört. Das Schicksal tritt nicht abstrakt, sondern in Gestalt seiner menschlichen Vollstrecker auf. Dass ihre zynischen Berechnungen aufgehen werden, dürfen die Vollstrecker dabei kaum hoffen. Latent droht ihren Persönlichkeiten die Verzwergung und ihrem Tun das Abgleiten ins Lächerliche. Denn beherrscht wird das Geschehen von einer gleichgültigen, ungerührten Natur, die besonders in Gestalt der unbarmherzigen Sonne ihren Machtanspruch aufblitzen lässt, in unverkennbarer Anlehnung an Albert Camus. 

"Sand" als Anti-Theodizee?

Das Böse schlechthin ist als Thema des Romans vorgeschlagen worden. Michael Maar nennt "Sand" eine "Anti-Theodizee". Aber das trifft es nicht ganz. Mit Religionskritik hält sich der Roman nicht lange auf. Er will nicht diejenigen belehren, die sagen, das Unrecht auf Erden habe einen Sinn und es gebe trotzdem einen gerechten Gott. Nur sehr knapp wird angedeutet, dass das Prinzip des Zynismus dem Allmächtigen nicht fremd ist.

Patentrechte könnte er, so wird durch ein Koranzitat angedeutet, eventuell mit Sure 21, Vers 16 und 17 anmelden: "Wir erschufen den Himmel und die Erde und was zwischen beiden ist nicht zum Spiel. Hätten Wir uns einen Zeitvertreib schaffen wollen, so könnten wir ihn wohl mit uns treiben, wenn Wir das überhaupt wollten." Ansonsten erscheint Allah in dieser Geschichte bloß als defekter Deckenventilator (S.13).

Helen Gliese, die Kosmetik-Vertrieblerin alias CIA-Agentin, macht klar, dass der Zynismus die Domäne des Menschen ist, der Macht über andere Menschen hat. Sie hat den verwirrten Carl gerade mit ihrem Pick-up im Wüstensand aufgesammelt und in ihrem Strand-Bungalow aufgenommen. Weil Carl misstrauisch ist und nicht recht weiß, ob sie es wirklich gut mit ihm meint, führt sie pikiert diesen inneren Monolog: "Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war sein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt."

Helen scheint sich hier an Koran 93, 6 und 7 zu orientieren: "Hat Er Dich nicht als Waise gefunden und (Dir) Aufnahme gewährt, Dich auf dem Irrweg gefunden und rechtgeleitet." Helen maßt sich an, mit quasi göttlicher Gnade gehandelt und den hilflosen Waisen Carl aufgenommen zu haben.

Wie zynisch das gemeint ist, ergibt sich aus dem Folgenden, in dem Carl ihr Folteropfer wird. Es geht ihr nicht um selbstlose Zuwendung, sondern um das zur Not gewaltsame Auspressen von Carls vermeintlichem Geheimnis. Helens Jugendfreundin sagt es dem Leser an einer Stelle klipp und klar: "Zwischen Narr und Teufel blickte die Fratze ihres (Helens) verletzenden Zynismus heraus."

Helens Geheimdienstkollege, der Vernehmungsbeamte Cockcroft, nimmt den Faden auf. "Das, was wir hier tun, ist mit den Gesetzen dieses Landes nicht vereinbar. Mit unseren übrigens auch nicht," sagt er dem vor ihm kauernden Carl. Und sie verpassten ihm Stromschläge.

Der Philosoph Peter Sloterdijk; Foto: picture-alliance
"Sand" wirkt wie eine elegante Übersetzung der Gedanken des Philosophen Peter Sloterdijk in Literatur. Er veröffentlichte 1983 seine "Kritik der zynischen Vernunft". "Darin schält er die Erkenntnis heraus, dass auch die auf Vernunft und Wissenschaft basierende Demokratie ein Spielfeld für moderne Zyniker sein kann,“ schreibt Stefan Buchen. "Die Mächtigen im demokratischen Vernunftstaat wissen es besser. Sie wissen, dass Folter Unrecht ist, dass die parlamentarisch beschlossenen Gesetze zu beachten sind, dass Unterdrückung anderer zu beharrlicher Revolte führt und die Zerstörung der Lebensgrundlagen zum Ende der Zivilisation. Aber sie machen es trotzdem.“

Übersetzung von Sloterdijk in Literatur

Was macht diesen Zynismus der Mächtigen genau aus? 1983 veröffentlichte der Philosoph Peter Sloterdijk seine "Kritik der zynischen Vernunft". Darin schält er die Erkenntnis heraus, dass auch die auf Vernunft und Wissenschaft basierende Demokratie ein Spielfeld für moderne Zyniker sein kann. Die Mächtigen im demokratischen Vernunftstaat wissen es besser. Sie wissen, dass Folter Unrecht ist, dass die parlamentarisch beschlossenen Gesetze zu beachten sind, dass Unterdrückung anderer zu beharrlicher Revolte führt und die Zerstörung der Lebensgrundlagen zum Ende der Zivilisation.

Aber sie machen es trotzdem. Freilich nicht "einfach so". Sie reden sich ein, dass sie dennoch "die Guten" sind, indem sie all das, was nicht dazu passt, aus ihrem Bewusstsein abspalten. "Sand" wirkt wie die elegante Übersetzung von Sloterdijks Gedanken. Helen verkündet dem gefesselten Carl haargenau das Programm des aufgeklärten Zynismus: "Neunundneunzig Prozent, dass wir hier den Weltfrieden sichern. Neunundneunzig Prozent, dass unsere kleine Untersuchung einem friedlichen Zusammenleben ohne Atomwaffen dient. Neunundneunzig Prozent für das Fortbestehen des Staates Israel, für glückliche Kinder, grasende Kühe und den ganzen anderen Scheiß. Neunundneunzig Prozent, dass es hier nicht um ein Menschenleben geht, sondern um Millionen. Neunundneunzig Prozent für die Sache von Aufklärung und Humanismus und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt." Sie gibt sich als Agentin der vernünftigen Wahrscheinlichkeit. Und es ist doch so falsch. Der Roman sei der "Aufbewahrungsort des Falschen", hat Wolfgang Herrndorf kurz vor seinem Tod gesagt.

Carls Suche nach seinem Selbst bleibt genauso erfolglos wie der Versuch, diesem Mann "mit arabischem Einschlag" ein Geständnis über seine Verwicklung in den vermuteten Atomschmuggel abzupressen. Das Folterverhör hat sich auf dem finsteren Grund einer längst ausgebeuteten Goldmine abgespielt. Man wird den Eindruck nicht los, dass dieses verzweigte Bergwerk mit den dunklen Gängen, in dem Carl gepeinigt wurde und aus dem ihm eine letzte Flucht gelingt, bei der er über ein glitschiges Etwas stolpert, nichts ist als das Abbild eines Gehirns.

Das weitverzweigte Gehirn des Erzählers. Am Ausgang, im Licht, erwartet ihn der Hüter des Bergwerks, der sich Hakim III nennt. Er beschuldigt Carl, mit den Amerikanern zusammengearbeitet und unerlaubt die Mine betreten zu haben. Er schießt ihm mit einer Winchester in den Kopf. Er wollte wohl Herr im eigenen Hause bleiben.

Keine Übersetzung ins Arabische

Ergibt das alles einen Sinn? Worin könnte nach all dem noch ein Sinn bestehen? Agentin Helen war schon am Aéroport de la Liberté, auf der Heimreise, und kehrt dann doch noch einmal zu dem Bergwerk zurück. Die Sonne schien anders als sonst nicht grell, sondern "es war ein schwüler, wolkenverhangener Spätnachmittag." Jetzt noch einmal hinabzusteigen, "beunruhigte sie auf eine Weise, dass auch ein sehr viel einfältigerer Mensch als Helen sich zu fragen begonnen hätte, ob hier nicht Scham- und Schuldgefühle in harmlosen Landschaften und Lichtverhältnissen Verstecken spielten." Hier zeichnet sich ein Sinn ab. Auch einer aufgeklärten und abgebrühten Zynikerin kann man das ruhige Gewissen stören. Das ist mehr als nichts. Die Gewissensstörung ist der sinnvolle Akt, die Revolte, die gelingt, weil sie auf den Flügeln einer brausenden Sprache getragen wird.

Am Anfang der Geschichte erfahren wir von einem frühen Riss in Helens Selbstbewusstsein. Als High School-Studentin hatte sie eine Tonbandaufzeichnung ihrer eigenen Stimme angehört. Sie klang so fürchterlich, dass sie "einen technischen Defekt" des Geräts für möglich hielt. "Ein sprechendes Kaugummi", ein Trauma. Nun wird sie mit dem tausendfachen Echo dieser fürchterlichen Stimme konfrontiert, als sie im Grund des Bergwerks nach Carl ruft. Auch im Salzviertel von Targat hallt die Stimme des gestörten Gewissens noch einmal wider. Ein Lehrer, ein Aussteiger aus der linksalternativen Kommune, improvisiert dort Unterricht für die "Unterprivilegierten". Er buchstabiert das lateinische Alphabet, "A" wie Aufklärung und "H" wie Humanismus.

"Sand" ist fast ein Jahrzehnt in der Welt und wurde unter anderem ins Englische, Französische und Portugiesische übersetzt. Es fehlen hingegen Übersetzungen ins Arabische und andere orientalische Sprachen. Das ist ein Versagen des Rowohlt-Verlages und der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. Man habe die arabischen Übersetzungsrechte zwar an einen ägyptischen Verlag verkauft, teilt Rowohlt auf Anfrage mit. Aber eine arabische Fassung von "Sand" ist daraus nicht entstanden.  Die Kommunikation mit dem ägyptischen Partner laufe "nicht reibungslos", lässt Rowohlt wissen. Die Verlage setzen das Misslingen des interkulturellen Dialogs zuverlässig fort. Man ist Teil der Geschichte. 

Stefan Buchen

© Qantara.de 2021

Der Autor studierte 1993-95 Arabische Sprache und Literatur an der Universität Tel Aviv . Er arbeitet heute als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin Panorama.

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