Die algerische Autorin Assia Djebar

Die klare zerbrechliche Kraft des Schreibens

Die in Europa bekannteste arabische Schriftstellerin ist die Algerierin Assia Djebar. Sie schreibt auf Französisch und gibt in ihren Romanen den stummen Frauen ihres Landes eine Stimme. Ein Porträt von Gabriele Stiller-Kern

​​Die 1936 in Cherchell (Algerien) geborene Assia Djebar war (fast) immer die Erste. Als erste Algerierin studierte sie an der Eliteschule École Normale Supérieure von Sèvres. Sie war die erste Dramaturgin und erste erfolgreiche Filmemacherin ihres Landes. Als erste Professorin für Geschichte und Literaturwissenschaft lehrte sie in Rabat (Marokko) und in Algier. Und als erste arabische Schriftstellerin erhielt sie im Jahr 2000 den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels", nach vielen anderen internationalen Auszeichnungen. In ihren Romanen, Filmen und Essays wendet sie sich gegen die "bleierne Stummheit der algerischen Frauen", erklärt sie selbst das Anliegen ihres Werkes.

"Die klare, zerbrechliche Kraft des Schreibens" setzt sie gegen "das unerkannte, lastende Schweigen der Musliminnen, das vor diesem Schreiben liegt." Die 1936 in Cherchell (Algerien) geborene Assia Djebar (mit bürgerlichem Namen heißt sie Fatima-Zohra Imalayène) gilt vielen als die begabteste Künstlerin, die in diesem Jahrhundert aus der moslemischen Welt hervorgegangen ist.

Sanfte Rebellin mit Wirkung

Feministin, Sprecherin für ihre ans Haus gefesselten Schwestern, furchtlose Kritikerin ihrer traditionalistischen Brüder, selbstbewusste Schriftstellerin und ebenso selbstbewusste internationale Referentin, ist Djebar eine Widerstandskämpferin. Sie ist jedoch keine harte Kriegerin, sondern eher eine sanfte Rebellin – mit Wirkung.

Die inzwischen Ende sechzigjährige Autorin erreicht ihre Ziele mit überzeugenden Worten, als Verfasserin von Romanen, Dramen, Gedichten und Essays, als Filmemacherin, Historikerin und Journalistin. Sie ist die gefeierte Symbolfigur für Freiheit und Versöhnung in ihrem Heimatland Algerien – und für viele Algerier noch immer ein Skandal. Ihre zentralen Themen: das Schicksal der arabisch-muslimischen Frau, das Wandern zwischen arabischer und westlicher Welt und die Auseinandersetzung mit der französisch-kolonialen Vergangenheit.

Die Freiheit verdankt sie dem Vater

Assia Djebar wächst als Tochter eines Lehrers in Algerien auf. So hat sie das Privileg, neben der Koranschule auch die französische Grundschule besuchen zu können. Ohne diese Schulbildung wäre sie nie Schriftstellerin geworden. Ihr Vater, vermerkt sie in ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2000, war "ein Mann der Moderne, und er brach mit dem muslimischem Konformismus, der mich fast unweigerlich zum eingesperrten Leben der heiratsfähigen Mädchen bestimmt hätte." Und er lässt ihr – im Gegensatz zu so vielen anderen muslimischen Vätern – Bewegungsfreiheit.

Assia Djebar, Foto: AP
Assia Djebar

"Ebenso hätte ich fünf, sechs Jahre später nicht mit solchem Eifer den literarischen Weg eingeschlagen, wenn ich (das ist vielleicht überraschend) nicht mit solcher Leidenschaft anonym durch die Straßen der Städte hätte wandern können, als Passantin, als Schauende, als verhinderter Junge, und, bis zum heutigen Tag, als Spaziergängerin. "Für mich ist dies die allererste der Freiheiten, die Freiheit sich zu bewegen, unterwegs zu sein, die immer wieder überraschende Möglichkeit, über sein Kommen und Gehen zu bestimmen, von drinnen nach draußen, vom privaten in den öffentlichen Raum und umgekehrt [...] Hier in Europa erscheint dies für heranwachsende Mädchen selbstverständlich. Für mich war es Anfang der fünfziger Jahre ein unglaublicher Luxus".

Kampf für die Unabhängigkeit und für die Frauen

1955 beginnt Assia Djebar als erste Algerierin an der École Normale Supérieure von Sèvres ihr Geschichtsstudium – und fliegt zwei Jahre später in hohem Bogen wieder raus, weil sie sich in Paris am politischen Streik der algerischen Studenten beteiligt hatte, die für die Unabhängigkeit kämpften. Zur gleichen Zeit wird Assia Djebar von der französischen Presse gefeiert, denn sie hatte – erst 21 Jahre alt – ihren ersten Roman veröffentlicht. "La Soif" / "Die Zweifelnden" (1993) ist ihr erster als Buch verpackter Protest gegen die Behandlung der Frauen im Islam. Ihre Botschaft lautete schon damals: Nicht der vom Propheten verkündete Islam steht der Emanzipation der Frauen entgegen, sondern die nach ihm begründeten Traditionen.

Aus Angst, dass der in nur zwei Monaten während der Studentenunruhen geschriebene Roman ihrem Vater nicht gefallen könnte, hatte sie es nicht gewagt, das Werk unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. Auf der Fahrt im Taxi zum Verlag bat sie ihren Verlobten Ahmed Ould-Rouïs, einen algerischen Nationalisten, der schon bald von der Polizei gesucht werden sollte, ihr die 99 rituellen Anrufungen für Allah aufzuzählen, in der Hoffnung, darunter ein geeignetes Pseudonym zu finden. Sie wählte "djebbar" aus, ein Wort, das Allah als "unversöhnlich" preist, schrieb es in der Eile aber falsch, "djébar", wodurch sie das klassische Arabisch unbeabsichtigt in den landessprachlichen Ausdruck für "Heiler" verwandelte. Während "La Soif" in Frankreich mit Françoise Sagans "Bonjour Tristesse" verglichen wurde, kritisierten die algerischen Rezensenten, dass der Roman die gegenwärtige politische Lage nicht widerspiegele.

Dabei war Assia Djebarnicht etwa unpolitisch. Während des Befreiungskrieges arbeitete sie für die Zeitung der antikolonialistischen FLN, El-Moujahid, und führte Interviews mit algerischen Flüchtlingen in Marokko. Als Assistentin an der Universität von Rabat setzte sie diese Arbeit fort, indem sie sich in zahlreichen algerischen kulturellen Initiativen engagierte.

Das lange Schweigen

Ihr zweiter Roman "Les Impatients" (1958) / "Die Ungeduldigen" (1992) spielt vor dem Hintergrund des Unabhängigkeitskampfes und handelt von der jungen Dalila, die sich in ihrer Familie, deren Atmosphäre geprägt ist von der Dominanz der Männer und der Frustration der Frauen, gefangen fühlt. "Les Enfants du nouveau monde" (1962) erzählt von algerischen Frauen, die eigene Forderungen entwickeln. Die Protagonistin nimmt an kollektiven Aktionen zum politischen Wechsel teil.

Die Themen Liebe und Krieg, Vergangenheit und Gegenwart werden in ihrem vierten Roman, "Les Alouettes naïves" (1967), der sich um die Auflehnung einer jungen Frau gegen das Patriarchat dreht, weitergeführt. In den siebziger Jahren folgen zehn Jahre des Schweigens. "Auf meinem Weg als Schriftstellerin erfasste mich einmal ein Schwanken, ein tief greifender Selbstzweifel, der mich lange Zeit schweigen ließ. Zehn Jahre publizierte ich nichts, aber ich konnte mein Land durchstreifen – für Reportagen, Befragungen, schließlich für Filmaufnahmen. "Ich war erfüllt von dem Wunsch, mit den Bäuerinnen zu sprechen, mit Dorfbewohnerinnen aus Regionen mit unterschiedlicher Tradition, wie auch von dem Bedürfnis, zum Stamm meiner Mutter zurückzukehren, zwölf Jahre nach der Unabhängigkeit".

Filmpreise in Venedig und Berlin

Sie wendet sich dem Film zu, um auch ein analphabetisches Publikum erreichen zu können. Ihr erster Film, "La Nouba des femmes du mont Chenoua" (1979), gewinnt den Preis der Internationalen Kritik auf der Biennale von Venedig. Ihr zweiter Film, "La Zerda ou les chants de l’oubli" (1982), eine Chronik des Lebens im Maghreb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erhält 1982 den Preis für den besten historischen Film der Berlinale.

In den siebziger Jahren arbeitet sie an vielen Produktionen als Regieassistentin mit. 1973 führt sie Regie bei ihrer eigenen Adaptation von Tom Eyens Theaterstück über Marilyn Monroe, "The White Whore and the Bit Player". Als Djebar dann an die Universität Algier zurückkehrt, beginnt sie, Film und Theater zu unterrichten.

Den Frauen eine Sprache geben

Nach dieser zehnjährigen Phase des Schweigens erschien "Femmes d’Alger dans leur appartement" (1980) / "Die Frauen von Algier" (1994). Der Titel ist eine Anspielung auf ein Gemälde von Delacroix. Dieser Zyklus von Erzählungen experimentiert mit neuen Stilmitteln: mit Gesprächen zwischen Frauen, mit dem Klang der Sprache und einer Schnitttechnik, die Djebar aus der Filmdramaturgie übernimmt. "L’Amour, la fantasia" (1985) / "Fantasia" (1990) vereinigt Autobiografisches, historische Berichte der französischen Eroberung von 1830 und den algerischen Befreiungskrieg. Ziel ihres Schreibens ist, die französische Sprache auf ihre dunkle koloniale Vergangenheit und ihre heutigen Auswirkungen und Wirkungsmöglichkeiten abzuklopfen.

"Wegen dieser Sprache waren früher schließlich das Arabische und Berberische aus den Schulen und der Öffentlichkeit verbannt worden", sagt sie bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. "Mein Ziel war, die bleierne Stummheit der algerischen Frauen spürbar zu machen, die Unsichtbarkeit ihrer Körper, denn auch sie kehrte zurück, zusammen mit einer rückschrittlichen, nach außen abgeschotteten Tradition" (ebenda). "’Amour, la fantasia" ist der erste Teil einer Tetralogie, die die Facetten des Maghrebs in Geschichte und Gegenwart einfängt. Sie wurde mit "Ombre sultane" (1987) / "Die Schattenkönigin" (1988) fortgesetzt.

Buchcover "Weißes Algerien" von Assia Djebar im Unionsverlag

"Loin de Médine" (1991) / "Fern von Medina" (1994) beschreibt das Leben der Frauen im Leben des Propheten Mohammed. Der Roman "Vaste est la prison" (1995) / "Weit ist mein Gefängnis" (1997) verknüpft – mit autobiografischen Anklängen – das Leben einer modernen, gebildeten Algerierin mit herausragenden Frauengestalten der maghrebinischen Geschichte und der großen Zivilisation Karthagos, die in der heutigen Berberkultur ihren späten Widerhall findet.

Die Suche nach Antworten

"Ich muss auf alle Fragen antworten!", erklärt Assia Djebar ihre Intention, "oder wenigstens ihr Bedrängendes zum Ausdruck bringen: für mich, für die Frauen, die wie ich hatten fortgehen müssen, um Sauerstoff zum Leben zu haben – aber auch für die anderen Frauen, die Schweigenden, die Gedemütigten, die mit verglühtem Herzen gestorben waren, da sie um die Erniedrigung wussten. "In diesem Ringen mit der Geschichte schrieb ich 'Fantasia', danach 'Schattenkönigin' und die übrigen Bände der Tetralogie über Algier. Als ich mich wie eine Immigrantin in einer Vorstadt von Paris niederließ, hatte ich mir nicht vorgestellt, dass ich mich in den folgenden Jahren mit den Wechselfällen, den Entladungen, dem Wahnsinn und dann [...] mit der Gewalt und den tagtäglichen Morden befassen würde, wie wir sie in den Spalten der Tageszeitungen lesen konnten und die das Gesicht meines Landes verzerrten! Eine einsame, ohnmächtige Suche in meinen Büchern, meine Fragen wurden immer fassungsloser."

1997 schreibt sie eine Liebesgeschichte, die in Straßburg spielt und mit der sie auf indirekte Weise auf die Verletzungen reagiert, die ihr die Situation in Algerien zugefügt haben, wie sie in ihrer Rede "Schreiben in Europa" am 28. November 1998 im Berliner Haus der Kulturen der Welt ausführt: "Es wird Sie nicht überraschen, dass ich diesen Roman 1997 in Louisiana geschrieben habe, als ich, weit entfernt, von den Massakern an Dorfbewohnern meiner Heimat erfuhr. Nach zwei Büchern über den Tod ("Weißes Algerien" und "Oran, morte") war meine erste Reaktion auf die blutige Gegenwart, ausführlicher über jene imaginären neun Liebesnächte in Straßburg zu schreiben! Geben wir es zu – meine Fantasie war in gewissem Sinn reine Therapie!"

Austauschen von Erinnerungen

Therapie, aber nicht Eskapismus. Denn in Straßburg, eingraviert in eine Hotelfassade, findet Assia Djebar die Worte Camille Claudels, der genialen Bildhauerin und unglücklichen Geliebten von Rodin: "Es gibt immer etwas Abwesendes, das mich quält". Dieses quälende Abwesende heraufzubeschwören, hat Assia Djebar sich in ihrer Arbeit vorgenommen, auch das Quälende der Erinnerungen ihrer europäischen Leser. Der Wunsch dahinter: "Ein einfaches Austauschen von Erinnerungen, die manchmal zu schwer wiegen."

"La femme sans sépulture" ("Frau ohne Begräbnis"), 2002 veröffentlicht, ist ein Buch auf der Grenze zwischen Roman und Dokumentation: Jahrzehnte nach dem Tod der algerischen Widerstandsheldin Zoulikha, befragt Assia Djebar deren Töchter und damalige Weggefährten und versucht das Leben dieser großen Frau nachzuzeichnen.

2003 erschien "La Disparition de la langue française" ("Das verlorene Wort"). Ein Roman, in dessen Mittelpunkt ein Mann steht, der nach zwanzig Jahren in Frankreich nach Algerien zurückkehrt. Le Monde feierte Assia Djebars jüngstes Werk als eines ihrer "bewegendsten Bücher. Man muss es wieder und wieder lesen, lange hallt es nach."

Assia Djebar ist seit 1997 als Professorin am Zentrum für französische und frankophone Studien der Louisiana State University tätig. Sie erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen für ihr Werk, im Jahr 2000 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Gabriele Stiller-Kern

Mit freundlicher Genehmigung durch www.culturebase.net

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