Die ägyptische Autorin Mansura Eseddin

Die Fata Morgana jagen

Sie hat für den Wandel gekämpft und ihre Illusionen verloren. In einem sehr persönlichen Text schildert die ägyptische Autorin Mansura Eseddin, wie die Literatur sie durch die Zeit des Umbruchs am Nil begleitete.

Knapp einen Monat nach dem Massaker vom 14. August 2013 war ich mit dem Auto in Kairo unterwegs, neben mir meine kleine Tochter. Die Stimmung in der Stadt war aufgeheizt. Gut drei Monate zuvor war Mohammed Mursi aus dem Amt verjagt worden, und beim Sturm der Sicherheitskräfte auf ein Protestlager der Muslimbrüder starben dann mehr als 800 Menschen.

Plötzlich stockte der Verkehr. In Kairos ohnehin stets überfüllten Straßen schien es, als schöben sich die Autos übereinander, so dicht war das Gedränge. Aus dem nahen Bayn-al-Sarayat-Viertel hörten wir den Lärm von Feuerwaffen. Kalaschnikows vielleicht.

In jener Zeit hatte ich gelernt, einigermaßen zwischen den verschiedenen Waffengattungen zu unterscheiden. Aber normalerweise erreichte mich der Lärm der Schüsse nur von fern; meist war ich zu Hause und versuchte meine beiden Kinder von dem abzulenken, was sich draußen tat. An diesem Tag aber war ich dicht beim Ort des Geschehens; von Passanten erfuhr ich, dass Islamisten und Sicherheitskräfte aneinandergeraten waren. Mein einziger Gedanke war, dass ich mein Töchterchen aus der Gefahrenzone bringen musste.

Nach Minuten, die wie eine Ewigkeit erschienen, wurde es ruhig – bis auf eine einzelne hysterische Stimme, die Tod und Verderben für uns alle heraufbeschwor, weil wir uns der schweigenden Kollusion mit dem Regime schuldig gemacht und das Massaker an den Muslimbrüdern zugelassen hätten. Was tat es zur Sache, dass unter uns sicher auch Leute waren, die das Massaker verurteilt hatten, und andere, die selbst Opfer der Islamisten oder des Regimes gewesen waren? Wenn erst einmal die Gewehre sprechen, verstummt jeder Dialog. Als der Stau sich auflöste, beeilte ich mich, nach Hause zu kommen und das Erlebte gleich niederzuschreiben.

Bücher retten keine Leben

Vor 2011 war ich alles andere als eine fleißige Tagebuchschreiberin gewesen. Aber als die Aufstände begannen, wurde ich nachgerade süchtig danach, Geschehnisse und Bilder festzuhalten. Diese kurzen Fragmente begannen sich zu häufen. Eine Tätigkeit ohne Sinn und Zweck – oder nahm ich Zuflucht zum Schreiben, weil es mir am ehesten helfen konnte, zu verstehen, was geschah?

Der Rabia-al-Adawiya Platz in Kairo nach der Erstürmung durch das ägyptische Militär am 15. August 2013; Foto: AFP/Getty Images
Gnadenlos gegen den politischen Feind: Die autoritäre ägyptische Regierung geht seit dem Sturz von Präsident Mohamed Mursi 2013 hart gegen die Muslimbrüder vor und verfolgt auch moderate Anhänger als Terroristen. Immer wieder kommt es bei Razzien zu tödlichen Schusswechseln mit der Polizei. Seit dem Putsch gegen Mursi haben die Behörden mindestens 60.000 Menschen festgenommen oder beschuldigt, so "Human Rights Watch". Tausende Zivilisten seien vor Militärgerichte gekommen, Hunderte zum Tode verurteilt worden.

Ich erinnere mich, wie ich am 28. Januar 2011, jenem berühmten "Freitag des Zorns", von der Demonstration heimkam und mich umgehend hinsetzte, um aufzuschreiben, was ich erlebt hatte. Die Tränen liefen mir dabei übers Gesicht, so ohnmächtig und hilflos hatte ich mich angesichts der brutalen Waffengewalt der Sicherheitskräfte gefühlt.

Das tat ich dann nach jeder Demonstration, zumindest im Jahr 2011, als der Arabische Frühling noch in Blüte stand und es schien, als käme unsere erstarrte Welt in Bewegung. Allein die Teilnahme an den Demonstrationen und das Schreiben darüber gaben mir das Gefühl, dass ich mich nützlich machen konnte.

Ich versuchte, meine Enttäuschung über das Scheitern an der Wirklichkeit durch Lesen und Schreiben zu betäuben. Aber Literatur funktioniert nicht als Droge.

Anfang 2012 wurde klar, dass die etablierten Regime zu allem bereit waren, um einen grundlegenden Wandel in der arabischen Welt zu verhindern. Das Blut, das die Machthaber vergossen, färbte den ganzen Horizont. Insbesondere Syrien, Libyen und Jemen zahlten einen entsetzlichen Preis: Tausende Unschuldige starben, Städte wurden in Trümmer gelegt, die Zahl der Kriegsflüchtlinge verdoppelte sich von Tag zu Tag.

In jener Zeit war ich aus gesundheitlichen Gründen in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ich war niedergeschlagen, fühlte mich schwach und wehrlos – und das Gefährlichste: Ich war nah daran, meinen Glauben an den Sinn der Literatur zu verlieren, denn die kann keine Menschenleben retten.

Aber seltsamerweise gab ich deswegen das Lesen und Schreiben nicht etwa auf: Ich stürzte mich vielmehr hinein wie eine Besessene. Ich nahm die Notizen für meinen Roman "Jabal al-Zumurrud" ("Smaragdberg") hervor, die ich 2011 beinah vergessen hatte, und griff auch wieder zu den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht".

Der offensichtliche Grund dafür war mein Romanprojekt, das mit der Märchensammlung verflochten ist; aber im Innersten war ich, ohne es zu wissen, auf der Suche nach etwas, was mir den Glauben an die Literatur zurückgeben und meinem Dasein wieder einen Sinn verleihen würde.

Die ägyptische Autorin Mansura Eseddin; Foto: Arian Fariborz
Chronistin der Revolution: Mansura Eseddin hat die ägyptische Revolution vom 25. Januar 2011 hautnah miterlebt, demonstrierte fast täglich auf dem Tahrir-Platz in Kairo. In ihren Romanen, Kurzgeschichten sowie Essays lässt die kreative und politisch couragierte Newcomerin der ägyptischen Literaturszene die "Arabellion" am Nil Revue passieren.

Die meisten Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" sind ein Loblied auf die erzählerische Phantasie, die durch ihr schieres Raffinement Menschenleben zu retten, Schicksale zu verändern und finsteren Zauber zu brechen vermag. Auch in "Jabal al-Zumurrud" bringt die Rückgewinnung einer verlorenen Geschichte die Welt wieder ins Gleichgewicht, und die Magie der Buchstaben erweckt Tote aus der Asche.

Entstellte Geschichten

In meinem Roman wollte ich aber kein naives Loblied auf das Schreiben anstimmen, um mich selbst einzuwiegen. Ich wollte die Beziehung zwischen Schriftlichem und Mündlichem untersuchen und ging dabei von Ideen Derridas und Platons aus, die sich im pharaonischen Mythos von der Erfindung der Schrift durch die Gottheit Thot spiegeln ließen.

Ich dachte über die Mechanismen der Sinn-Entstellung nach, über die Beziehung zwischen dem Original und seinen verfälschten Kopien – als läse ich die entstellte Geschichte der ägyptischen Revolution, während ich in meinem Roman der entstellten Geschichte der Prinzessin Zumurruda nachspürte.

"Die Literatur ist die angenehmste Art und Weise, das Leben zu ignorieren", sagt Pessoa. Aber das Schönste an der Literatur – an guter Literatur – ist, dass sie uns hilft, die Welt zu verstehen, während wir meinen, sie zu ignorieren. Sie ist, auf metaphorischer Ebene jedenfalls, unsere Fluchthelferin in Zeiten des gewaltsamen Umbruchs.In den letzten sechs Jahren realisierte ich, dass ich bei Büchern Zuflucht suche, wenn die Realität mich enttäuscht und im Stich lässt. Suche ich Erklärungen in ihnen? Trost? Ich glaube nicht.

Buchcover "Der Smaragdberg", französische Ausgabe, von Mansura Eseddin; Quelle: ACTES SUD/Sindbad
Metaphernreich, mystisch und phantasievoll gewählt ist auch die Bildsprache ihres neuen Romans "Der Smaragdberg". Darin entführt uns die Autorin in die Märchenwelt aus 1001 Nacht, in die persische Mystik des 13. Jahrhunderts und verknüpft die verschiedenen historischen Narrative kunstvoll mit Handlungen der Gegenwart, die an Schauplätzen wie Mexiko und Ägypten während der Revolution des 25. Januar 2011 spielen.

Wenn ich in dieser Zeit bis zum Exzess gelesen und geschrieben habe, dann nicht, weil ich an die Macht der Worte und die Bedeutung der Literatur glaubte. Im Gegenteil. Was mich antrieb, waren tiefgreifende Zweifel an beidem.

Literatur funktioniert nicht als Droge

Charles Bukowski schreibt: "Finde, was du liebst, und lass es dich töten." Mir scheint, dass ich – ganz unbewusst – versucht habe, mich in dem, was ich liebte, zu ertränken, meine Enttäuschung über das Scheitern an der Wirklichkeit durch Lesen und Schreiben zu betäuben. Aber Literatur funktioniert nicht als Droge. Unvermittelt stellen wir fest, dass sie unsere Sinne geschärft, unsere Sensibilität verdoppelt hat; dass sie die Realität ausfaltet und ihre Strukturen offenlegt, damit wir das Verborgene und das Verschwiegene darin entdecken.

Neben den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" half mir in dieser Zeit vor allem die Wiederbegegnung mit den Werken von Hannah Arendt, Primo Levi und W. G. Sebald. Besonders die Bücher Sebalds berührten etwas tief in meiner Seele, denn seine Geretteten sind nie wirklich gerettet, die Erinnerung richtet sie zugrunde.

In Sebalds Werken hat der Holocaust sich für immer festgesetzt, und der Krieg wohnt noch Jahrzehnte nach seinem Ende in der Erinnerung – als sähen die Augen des Schriftstellers die verborgenen Ruinen hinter den Fassaden jeder Stadt.

Diese literarische Welt passte zu der Realität, in der ich lebte. In den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, in Aberhunderten von finsteren Bildern und Szenen zu ertrinken, erstickt vom Zerfall und vom Staub der Zerstörung, heimgesucht von Städten, die zu Gräbern für ihre Bewohner wurden. Für mich ist Schreiben der Versuch, am Äquator Skulpturen aus Eis zu schaffen.

Manchmal frage ich mich: Können Worte überhaupt Ruinen wiederaufbauen? Alles, was ich seit 2011 geschrieben habe, widerspiegelt diese Frage.

In der vorislamischen Dichtung war die Klage über die verwüstete Wohnstatt ein unentbehrliches Motiv. Ich aber will keine Elegien schreiben, nicht die in Staub und Asche gesunkenen Metropolen beweinen; vielmehr verlange ich mit kindlichem Trotz danach, das Zerstörte durch die Macht der Phantasie wieder aufzurichten.

Ein vergebliches Verlangen, gewiss. Aber für mich ist Schreiben der Versuch, am Äquator Skulpturen aus Eis zu schaffen; oder hinter der Fata Morgana herzujagen, mit ihr zu spielen, sie gar selbst zu kreieren – die Realität in ein Trugbild aufzulösen und vorzutäuschen, dass dieser Trug die Erscheinung einer Wahrheit ist, die darauf wartet, dass wir mit ihren flüchtigen Wassern unseren Durst stillen. So habe ich es in meinem jüngsten Roman ausgedrückt.

Die Ruhe nach dem Terror

Noch immer versuche ich mich zu retten, indem ich meinen Durst mit den flüchtigen Wassern jener Fata Morgana stille, die Schreiben heißt. Aber ist das wirklich Rettung? Was meinen Körper angeht, so bin ich 2011 am "Freitag des Zorns" knapp dem Tod entkommen, dann nochmals bei den Kämpfen in der Muhammad-Mahmud-Straße im November jenes Jahres. Oder an dem Tag, als eine Bombe hochging, kurz nachdem ich den betreffenden Ort passiert hatte – der Gedanke daran jagt mir noch immer Schauer über den Rücken.

Ob ich meine Psyche retten konnte? Da bin ich nicht so sicher. Vielleicht werde ich, wie die Figuren Sebalds, mit den zerstörerischen Erinnerungen leben müssen, auch wenn ich diese Gespenster durch das Schreiben zu täuschen versuche. Oder auch nur durch den Vorsatz zu schreiben. Ich tröste mich, indem ich mir sage:

Eines Tages werde ich über die Ruhe schreiben, die sich einstellt, nachdem die Bombe hochgegangen ist. Darüber, wie die Menschen von den Straßen verschwinden und die Stadt den Atem anhält, während die Autos beinah fliegen, um von der Stätte des Attentats wegzukommen.

"Nach dem Anschlag wird dieser Ort wenigstens ein paar Tage sicher sein", rede ich mir wider besseres Wissen ein – die Untaten in unserer Stadt waren noch nie kalkulierbar. Ziellos streife ich durch die leeren Straßen und versuche, das Positive zu sehen…diese Ruhe, die sich einstellt, nachdem die Bombe hochgegangen ist.

Mansura Eseddin

© Neue Zürcher Zeitung 2017

Aus dem Arabischen von Angela Schader

Mansura Eseddin, 1976 im Nildelta geboren, ist Schriftstellerin und Journalistin. Auf Deutsch liegt "Hinter dem Paradies" vor, ihr jüngster Roman, "Jabal al-Zumurrud" ("Smaragdberg"), erschien auf Französisch unter dem Titel "Le Mont Emeraude".

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