Artverwandt hierzu kann das vom französischen Philosophen René Girard herausgestellte Motiv von Gesellschaften gelten, einen Sündenbock von der Gruppe abzutrennen und an ihm ein Exempel zu statuieren. Dies mit dem Ziel, den Frieden in der Mehrheitsgruppe zu bewahren oder wieder herzustellen.

Der Stolperstein für jeden Dialog

Die eigene Identität durch Herabsetzung der anderen oder die strafende Verbannung eines Sündenbocks stärken zu wollen, das haben archaische und hochtechnisierte Gesellschaften immer noch gemein. Es ist der Stolperstein für jeden Dialog und eine Ironie der Geschichte, dass etablierte Religionen heute gegen trennende Narrative arbeiten, an deren Ausgestaltung sie in der Vergangenheit maßgeblich beteiligt waren.

Wenn der Papst sich mit den höchsten Vertretern anderer Religionen zum interreligiösen Gespräch trifft, dann wittern die Hardliner auf beiden Seiten den Verrat an der eigenen Weltanschauung, an der eigenen politischen Religion.

Der Theologe und Linguist Alexander Görlach; Foto: Lars Mensel
Alexander Görlach, Linguist und Theologe, forscht derzeit als Gastwissenschafter am Center for European Studies an der Harvard University im Bereich Politik und Religion. Er ist Senior Fellow des Carnegie Council for Ethics in International Relations und Autor für die "New York Times".

Auch hier geht es nicht um Spiritualität oder um private Frömmigkeit. Denn die Mystiker, die am ehesten diese Form von Religion spiegeln, können vollkommen damit auskommen, dass keiner der Glaubenden letztlich um "Gott" weiß. Es versteht sich, dass die mystischen Strömungen der Religionen, wie die Sufis im Islam beispielsweise, genau wegen dieser entwaffnenden Unorthodoxie bisweilen argwöhnisch beäugt, wenn nicht gar verfolgt wurden.

Überlebte Werturteile

Der Säkularismus seinerseits hat für unser Zeitalter der Identität keine Lösung anzubieten, weil die institutionelle Trennung von staatlichen und religiösen Institutionen diese archaische Auffassung des «die und wir» und die Sündenbock-Praxis nicht aufheben kann.

Die religiösen Erzählungen einer Gesellschaft machen nicht vor Parlamenten und Gerichten halt, weil sie selbst politisch sind und so über Teilhabe, legitime Machtausübung und Zugehörigkeit befinden.

Die Frage, ob Islam und westliche Demokratie zusammengehen, ist ein Beleg dafür. Hier wird den Muslimen die Loyalität abgesprochen, die man bei den Eigenen als selbstverständlich voraussetzt. Denn Muslime teilten nicht dieselbe Geschichte wie die Menschen im Westen, heißt es als Begründung.

Weil diese archaischen Vorstellungen heute noch Macht haben, löst der Verweis auf die säkulare Natur der liberalen Demokratie die Vorbehalte gegenüber der Loyalität von Muslimen in der westlichen Welt auch nicht automatisch auf. Wir haben allen Grund zu glauben, dass ähnliche Mechanismen auch in anderen Kontexten wie in Indien am Werk sind.

Der interreligiöse Dialog hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn seine Akteure aus der Geschichte geerbte Werturteile nicht am Kochen halten, so wie es sich Populisten und Demagogen wünschen, sondern mit einem sinnstiftenden Erzählmotiv aufwarten, welches das "die und wir"-Schema ein für alle Mal überwinden kann.

Alexander Görlach

© Qantara.de 2017

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