Dialog der Religionen

Zeitalter der Identität

Der interreligiöse Dialog hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn seine Akteure aus der Geschichte geerbte Werturteile nicht weiter befeuern. Ein Essay von Alexander Görlach

Der Dialog zwischen den Religionen ist zu einem harten Geschäft geworden in einem Moment in der Geschichte, den unsere Nachfahren vielleicht einmal das "Zeitalter der Identität" nennen werden. In dieser Epoche der Unterscheidung, in der "die anderen" gegen "uns" stehen, erscheint ein Austausch über Gemeinsamkeiten für die einen kurios oder exotisch. Für andere mag er eine vergebliche Mühe sein.

Eine unüberhörbare Minderheit empfindet diesen Dialog sogar als Bedrohung, weil sie ihr Geschäft mit der Angst vor "den anderen" macht und eine gelingende Verständigung nicht ins Bild passen würde.

Als die größten Antagonisten werden im globalen "die und wir"-Spiel die christliche Welt und die islamische Hemisphäre betrachtet. Das hat unter anderem etwas mit dem Bestseller von Samuel Huntington zu tun, der die entscheidende Schlacht der Zukunft als einen "Kampf der Zivilisationen" in der Konfrontation des Halbmonds mit dem Kreuz vorhergesagt hat.

So einfach ist es nicht, denn ein Blick über den monotheistischen Tellerrand hinaus weist zum Beispiel nach Indien, wo eine nationalistische Regierungspartei die Identität der größten Demokratie der Erde als hinduistisch festlegen und damit die muslimische Minderheit treffen und stigmatisieren will.

Was ist eigentlich Religion?

Dieses Zeitalter der Identität fällt zusammen mit einem Moment in der Geschichte, in dem viel von der "Wiederkehr der Religion" die Rede ist. Das neuzeitliche, europäische Diktum vertrat die These, dass mit der Zunahme an Bildung und Wohlstand die Säkularisierung der Welt und der Gesellschaft voranschreiten werde, bis Religion am Ende verschwunden sein würde.

Muslime in Indien; Foto: Reuters
Indiens Muslime als Bürger zweiter Klasse: "Ein Blick über den monotheistischen Tellerrand hinaus weist nach Indien, wo eine nationalistische Regierungspartei die Identität der größten Demokratie der Erde als hinduistisch festlegen und damit die muslimische Minderheit treffen und stigmatisieren will", schreibt Görlach.

Das Problem dieses Theorems war und ist, dass es nicht klar herausstellt, was eigentlich mit Religion gemeint ist. Nur so lässt sich die Diskrepanz erklären zwischen der Tatsache, dass sich sogenannte christliche Werte in Umfragen im Abendland großen Zuspruchs erfreuen, während zeitgleich die religiöse Praxis, der Kirchgang, auf ihren tiefsten Stand seit der Französischen Revolution gefallen sein dürfte.

Beides wird unter den Begriff Religion subsumiert. Und weil eben nicht geklärt wurde, welche Art und Weise von Religion mit dem Siegeszug der Moderne verschwinden würde, ist bis heute auch unpräzise, was eigentlich mit Säkularisierung gemeint ist.

Um welche Religion geht es, wenn von Religion als Identität gesprochen wird, beispielsweise im Begriff des christlichen Abendlands? Im katholischen Polen wird offen Stimmung gegen syrische Flüchtlinge gemacht, obwohl das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, alle Pfarreien und Klöster in der Alten Welt angehalten hat, eine syrische (muslimische) Flüchtlingsfamilie aufzunehmen.

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