Deutschlands U21-Fußball-Nationalmannschaft

Ein funktionierendes Vielvölkergemisch

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Multi-Kulti unlängst für gescheitert erklärt, die deutsche U21-Fußball-Nationalmannschaft indes beweist das Gegenteil. André Tucic stellt das Team vor.

Sami Khedira im Spiel gegen Finnland; Foto: AP
Shooting-Star im deutschen U21-Team: Der 21jährige Sami Khedira ist tunesisch-deutscher Abstammung und engagiert sich in seiner Freizeit für die Förderung der Integration von Jugendlichen.

​​ "Multi-Kulti hat ausgedient", verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen September auf einem Kongress der "Österreichischen Volkspartei".

Dieser Tage wird sie durch die Auftritte der U21-Nationalmannschaft eines besseren belehrt. Denn fast die Hälfte der Fußballer, die Deutschland bei der laufenden U21-Europameisterschaft in Schweden vertreten, haben Wurzeln, die nicht in Deutschland liegen.

Im 23 Mann umfassenden Kader von Trainer Horst Hrubesch befinden sich elf Akteure mit Eltern aus neun verschiedenen Nationen.

Beim Auftaktspiel gegen Spanien waren lediglich von Torwart Manuel Neuer und Innenverteidiger Benedikt Höwedes (Schalke 04) beide Elternteile aus Deutschland. Erst durch die Verletzung von dem im polnischen Gleiwitz geborenen Sebastian Boenisch (Werder Bremen) kam mit Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund) ein dritter hinzu.

Der Rest hat internationale Wurzeln und kann Väter aus Tunesien, Nigeria oder Ghana vorweisen, wurde im Iran, Bosnien oder Sibirien geboren oder hatte bis vor kurzem spanische, polnische oder türkische Staatsangehörigkeiten. Diese Vielvölkertruppe trägt nun den Bundesadler auf der Brust.

Die integrative Kraft des Fußballs

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff spricht deswegen gerne von "gelebter Integration". Das U21-Team "zeigt, welch integrativen Charakter der Fußball hat. Es ist schön zu sehen, wie sich diese Spieler für Deutschland einsetzen. Der Deutsche Fußball Bund soll für sie ein zu Hause sein", sagt Bierhoff.

Gruppenbild der deutschen U21 Nationalmannschaft; Foto: dpa
Elf Akteure mit Eltern aus neun verschiedenen Nationen - die deutsche U21-Mannschaft als "Vielvölkerteam"

​​ Der Fußball lebt also vor, was Teile der deutschen Politik bereits aufgegeben hat: Deutschland ist ein funktionierendes Vielvölkergemisch. Matthias Sammer, Sportdirektor des DFB, findet es "schön und beispielhaft, wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlicher Hautfarbe zusammenfinden können".

Bedeutend unaufgeregter und weniger staatstragend empfinden dies die Nachwuchsspieler selbst. Torwart Manuel Neuer etwa findet das "ganz normal. Ich bin ein Ruhrgebietskind, da hat man viele Immigrantenkinder als Klassenkameraden oder Mannschaftskollegen im Sportverein."

Als normal empfindet das auch U21-Trainer Horst Hrubesch: "Wir leben in einer Multi-Kulti-Gesellschaft. Wie da jemand heißt und wo er herkommt, ist doch egal. Bei den Franzosen etwa ist jeder vierte Spieler der A-Nationalmannschaft kein Franzose." Und mittlerweile ist das in Deutschland auch der Fall.

Einsatz für "Migranten-Talente"

Denn der DFB hat sich in den letzten Jahren stark um Migranten bemüht und vor zwei Jahren sogar eigens eine Integrationsbeauftragte eingestellt. Man benutzt gerne Schlüsselworte wie Toleranz und integrative Kraft des Fußballs. Doch allein aus Nächstenliebe geschieht dies nicht. Immerhin verspricht sich der deutsche Fußball eine Menge von der Multi-Kulti-Nachwuchstruppe.

"Wir halten den Migrationshintergrund beim DFB bewusst sehr hoch", erklärt Bierhoff, "denn Spieler mit Eltern anderer Nationen bereichern uns. Sie bringen andere Charaktere, anderen Spielwitz und eine andere Lebensphilosophie ein."

Doch generell gilt: Nur wer dem DFB einen Mehrwert verspricht, wird gefordert und gefördert. Der defensive Mittelfeldspieler Dennis Aogo (Hamburger SV), in Karlsruhe geborener Sohn eines Nigerianers, bringt es auf den Punkt: "Man sagt ja, dass afrikanische Fußballer eine starke Physis haben und die Europäer taktisch gut ausgebildet sind. Eine Mischung aus beidem kann sehr gut sein für den DFB."

Der Plan des DFB scheint aufzugehen. Immerhin erreichte der deutsche Fußballnachwuchs bei der U21-Europameisterschaft in Schweden zum ersten Mal seit 27 Jahren das Halbfinale einer U21-Europameisterschaft.

Botschaft fürs Leben

Zu verdanken ist das auch den Migranten, die beinahe die Hälfte des Kaders ausmachen. Da gibt es zum einen die afrikanische Fraktion mit besagtem Dennis Aogo und Jerome Boateng (Hamburger SV), dessen Vater Ghanaer ist, sowie Chinedu Ede (MSV Duisburg) – Sohn eines Nigerianers. Dazu gesellen sich der in Teheran geborene Ashkan Dejagah (VfL Wolfsburg), die beiden Tunesier Sami Khedira (VfB Stuttgart) und Änis Ben-Hatira (MSV Duisburg) sowie der in Gelsenkirchen geborene Deutschtürke Mesut Özil (Werder Bremen).

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff; Foto: AP
Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff glaubt, dass Spieler mit Eltern anderer Nationen das deutsche Team bereichern: "Sie bringen andere Charaktere, anderen Spielwitz und eine andere Lebensphilosophie ein."

​​Nicht zu vergessen sind Gonzalo Castro (Bayer Leverkusen), in Wuppertal geborener Sohn spanischer Eltern, sowie der im sibirischen Kemerowo geborene Andreas Beck (TSG Hoffenheim) und der im bosnischen Gradiska zur Welt gekommene Marko Marin (Borussia Mönchengladbach).

Diese Völkermischung ist zu einer Einheit gewachsen. Aber auch hier – wie von Angela Merkel gefordert – ist die Sprache der Schlüssel zum Erfolg.

"Alle sprechen einigermaßen gut Deutsch", sagte Torwart Manuel Neuer vor kurzem mit einem Augenzwinkern. Und wie sie das tun – der überragende Innenverteidiger Jerome Boateng berlinert und Kapitän Semi Khedira versucht erst gar nicht, seinen schwäbischen Dialekt zu vertuschen. Die jungen Männer sind also bestens integriert und identifizieren sich mit dem Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Dennis Aogo sieht darin "eine Botschaft fürs Leben". Ungeachtet der Herkunft, "kann man zusammenleben und Großes erreichen", sagt der Deutsch-Nigerianer. Der DFB ist stolz auf seine Integrationsarbeit und hofft, somit ein Zeichen für die gesamte Gesellschaft zu setzen. Doch manche Fans haben noch ihre Mühe mit so viel Multi-Kulti.

Das Mosern der Traditionalisten

Denn einige Traditionalisten mosern, wenn die U21-Spieler beim obligatorischen Abspielen der Nationalhymne vor den Spielen nicht mitsingen. "Wir kriegen manchmal Beschwerdebriefe, wenn jemand nicht mitsingt.

Manchmal beschweren sich die Zuschauer aber auch über die Frisuren der Spieler. Man kann es halt nicht jedem recht machen", sagt Bierhoff. Wenn manche die Lippen unbewegt lassen, deutet das der Manager der A-Nationalmannschaft nicht als Zeichen fehlender Identifikation.

"Das ist deren persönliche Sache. Einige haben ein inniges Verhältnis zu dem Land ihrer Eltern. Wir verlangen von den Nationalspielern einen respektvollen Umgang und ein gewisses Benehmen, aber wir schreiben ihnen nicht vor, dass sie die Hymne mitsingen müssen", sagt Bierhoff.

Ähnlich gelassen sieht das Dennis Aogo: "Das sollte man nicht überbewerten. Ich singe die Hymne nicht und bin trotzdem stolz, für Deutschland zu spielen." Und sollten die Jungs tatsächlich den EM-Titel gewinnen, wird sich niemand mehr über verschlossene Lippen beschweren. Spannend wird dann auch sein, ob Angela Merkel ihre Meinung zum Thema Multi-Kulti dann nicht doch noch mal überdenken wird.

André Tucic

© Qantara.de 2009

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