Umso leichter entgleiten einem die Fakten. Im April dieses Jahres, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, erschien in der ZEIT ein langer Artikel über Indonesien. Ganz am Schluss war zu lesen:

"Was blühen könnte, wenn sich die radikalen Kräfte durchsetzen, lässt sich schon heute in einem kleinen Winkel des Landes beobachten. Die halb autonome Provinz Aceh (…) ist ein islamistischer Staat im Staate. Da wird ein Ehebrecher gesteinigt, dem Dieb die Hand abgehackt, und erwischt die Sittenpolizei ein junges Paar beim Küssen oder auch nur beim Händchenhalten im Park, drohen Peitschenhiebe".

In Aceh werden also Ehebrecher gesteinigt und Dieben die Hand abgehackt? Muss wohl so sein, da dort ja "die Scharia" gilt. Dass solch eine Ungeheuerlichkeit noch nicht einmal die Redaktion stutzig werden ließ? In Aceh gilt für bestimmte moralische Delikte die Prügelstrafe; Steinigungen und Handamputationen gibt es nicht und wird es in naher Zukunft wohl auch nicht geben. Die Einführung von Scharia-Gesetzen in Aceh ist eine schreckliche und besorgniserregende Entwicklung, aber bei aller Empörung sollte man bei den Tatsachen bleiben. Doch bei Islam scheint inzwischen zu gelten: je schrecklicher, umso wahrer muss es sein.

Mediale Einordnung der Studentenproteste

Seit Ende September kommt es in Indonesiens Städten zu Massenprotesten von Studenten. Die internationale und deutsche Presse wusste meist schnell, worum es geht, nämlich um Islamismus und Sex: "Ärger über 'Kein Sex vor Ehe'-Plan" (Tagesschau.de), "Aufstand gegen die Tugendwächter" (Süddeutsche Zeitung), "Studenten revoltieren gegen den 'Bali Sex Ban'" (Spiegel Online).

Spiegel Online informierte, dass "die oft drakonischen Strafen der Scharia bald landesweit in der Justiz verankert werden könnten". Da denkt der entsetzte Leser natürlich gleich an den IS – und an Aceh, wo gesteinigt wird, wie er bereits aus der ZEIT weiß.

Studentenprotest vor dem Parlament in Jakarta am 23.09.2019; Foto: Reuters
Medial nur einseitig gespiegelt : Indonesiens Studenten demonstrierten Ende September vor allem gegen eine Entmachtung der in der Bevölkerung außerordentlich großes Vertrauen genießenden Antikorruptionsbehörde, aber auch gegen repressive Paragraphen des geplanten neuen Strafgesetzbuches, zu denen unter anderem der Paragraph zu außerehelichem Sex gehört, gegen die verheerenden Waldbrände auf Sumatra und Borneo, gegen die Militarisierung in Papua, die Verfolgung von Aktivisten und gegen vieles mehr.

Auch für die FAZ sah es bis zu den angeblich anti-islamistischen Protesten aus, als würde in Indonesien "endgültig der Islamismus triumphieren" – also Acehs Scharia-Gesetze, gar Steinigungen in ganz Indonesien? Weit gefehlt, aber warum sich um einen differenzierten Blick auf Fakten kümmern, wenn die Beschwörung apokalyptischer Dramatik so viel befriedigender ist für Wahrnehmungsgewohnheiten, die zu simplen Schwarz-Weiß-Extremen tendieren?

Es ist erstaunlich, dass Korrespondenten vor Ort oder in der Region oft so wenig mitbekommen, worum es den Menschen auf der Straße wirklich geht. Die Studenten demonstrieren vor allem gegen eine Entmachtung der in der Bevölkerung außerordentlich großes Vertrauen genießenden Antikorruptionsbehörde, aber auch gegen repressive Paragraphen des geplanten neuen Strafgesetzbuches, zu denen unter anderem der Paragraph zu außerehelichem Sex gehört, gegen die verheerenden Waldbrände auf Sumatra und Borneo, gegen die Militarisierung in Papua, die Verfolgung von Aktivisten und gegen vieles mehr.

Dichotomisches Weltbild

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, für die sonst die Nachrichten aus dem muslimischen Indonesien gar nicht alarmistisch genug sein können, nun zu wissen meinte: "Indonesiens Bevölkerung wehrt sich massiv gegen die staatliche Durchsetzung des Islamismus". Damit lag sie vollkommen daneben, denn gegen "Islamismus" oder "Scharia" gehen die Studenten nicht auf die Straße (und um eine "staatliche Durchsetzung des Islamismus" geht es übrigens auch nicht).

Diese verzerrte, oft faktisch falsche Berichterstattung macht vor allem eines deutlich: Ein Blick auf muslimische Länder, der reflexhaft alles in ein Wahrnehmungsschema zwingt, das nur noch einen Kampf zwischen "Säkularen" (die "wie wir" sind) und "Islamisten" kennt, wird für das Verstehen lokaler gesellschaftlicher Prozesse schnell blind und sieht nur noch das, was seinen Befürchtungen oder Hoffnungen entspricht.

So auch nun in Indonesien: Es geht bei den Protesten nicht um (vom Westen ersehnten) Widerstand gegen Islamismus, sondern um einen quer durch alle ideologischen Lager geteilten massiven Vertrauensverlust in die politischen Institutionen und ihre korrupten Vertreter.

Auch in muslimisch geprägten Ländern geht es nicht immer nur um Islam, es gibt noch ganz andere Probleme, die den Menschen manchmal wichtiger sind, auch wenn sich westliche Medien das anscheinend kaum vorstellen können.

Bettina David

© Qantara.de 2019

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