Deutsche Berichterstattung zu Indonesien

Verzerrte Wahrnehmung

An Indonesien, dem immerhin viertbevölkerungsreichsten Land der Welt, schien man im Westen bislang vergleichsweise wenig interessiert. Das ändert sich gerade, wenn auch nicht immer zum Guten, schaut man sich die Berichterstattung in den deutschen Medien an. Von Bettina David

Der Medienblick auf Indonesien kann nicht nur als Beispiel dafür gelten, wie sehr unsere Wahrnehmung durch vorschnelle Einordnung des Fremden in bereits bekannte, meist recht grob polarisierende Kategorien verzerrt wird, sondern auch für die Macht projektiver Phantasien, die unversehens als Tatsachen durchgehen – bestätigen sie doch stereotype Vorannahmen und klingen daher so realistisch, dass selbst die Redaktionen großer überregionaler Zeitungen oft nicht stutzig werden.

Nach dem Sturz des Diktators Suharto im Jahr 1998 gewannen in dem südostasiatischen Inselreich, in dem mehr Muslime als in der gesamten arabischen Welt leben, im Zuge der Demokratisierung auch zuvor unterdrückte islamistische Bewegungen wieder an Raum. Zeitgleich war auf der Suche nach einer modernen, global ausgerichteten, aber doch eigenen Identität eine vermehrte Hinwendung zur Religion zu beobachten. Viele zuvor kaum praktizierende Muslime gerade der aufstrebenden Mittelschicht begannen den Islam neu für sich zu entdecken. Das vorher in Indonesien kaum verbreitete Kopftuch wurde zum sichtbarsten Merkmal dieser neuen, bewusst muslimischen Identität.

Kehrseite der Frömmigkeitsbegeisterung ist der von vielen schweigend oder aktiv mitgetragene Rechtsruck der Gesellschaft. Der soziale Druck, sich in Kleidung und Verhalten anzupassen, ist gestiegen, Minderheiten sehen sich zunehmend diskriminiert und verfolgt, die Gesellschaft polarisiert sich entlang identitärer Kollektivgruppen, und religiösen Hardlinern ist es gelungen, mehr und mehr Themen öffentlicher Debatten zu bestimmen.

Der eindimensionale Blick

Über all das wird zu Recht viel, aber leider oft auch einseitig berichtet. So liest man selten von progressiv-linken muslimischen Graswurzelorganisationen oder der lebendigen Diskussionskultur im studentischen Milieu oft traditionalistischer Muslime, die keinen Widerspruch zwischen den fünf täglichen Gebeten, Kopftuch und der Lektüre von Habermas oder auch Lacan sehen.

Wie irreführend die Berichterstattung oft ist, zeigt beispielhaft das Anti-Pornographiegesetz von 2008, das mit seinem Verbot von "pornographischem Verhalten", zu dem allzu knappe und enganliegende weibliche Kleidung zählt, große Aufmerksamkeit erregte und auch heute noch gerne zitiert wird.

Der Leser ohne Indonesienerfahrung meint dann zu wissen, dass kurze Kleidung für Frauen in Indonesien gesetzlich verboten ist – denn natürlich versteht er "Gesetz" als eine staatliche Anordnung, die wie bei uns flächendeckend durchgesetzt wird.

Indonesische dangdut-koplo-Sängerin; Quelle: YouTube
"Man kann nicht vom Anti-Pornographiegesetz und Ähnlichem schreiben, ohne Phänomene wie dangdut koplo zu berücksichtigen, will man ausgewogen berichten und ein Verständnis für die lokale sozio-kulturelle Komplexität dieses riesigen multiethnischen Landes vermitteln", schreibt Bettina David.

Doch 11 Jahre nach der Verabschiedung des Anti-Pornographiegesetzes finden auf unzähligen Bühnen Javas weiterhin offiziell genehmigte, öffentliche Aufführungen des beliebten Musikstils dangdut koplo statt, bei denen die Sängerinnen im Minirock ihre Hüften in einschlägigen Bewegungen über dem Publikum kreisen lassen (man schaue auf YouTube mal nach den Sängerinnen Sintya Riske oder Desy Tata).

Man kann nicht vom Anti-Pornographiegesetz und Ähnlichem schreiben, ohne Phänomene wie dangdut koplo zu berücksichtigen, will man ausgewogen berichten und ein Verständnis für die lokale sozio-kulturelle Komplexität dieses riesigen multiethnischen Landes vermitteln.

Schreckgespenst Scharia

Doch darum scheint es immer weniger zu gehen, zu verlockend ist das sich anbietende simple Erzählschema: vorher tolerant, moderat, vermeintlicher Beweis für die Vereinbarkeit von Demokratie und Islam, aber nun zeigt der Islam sein wahres Gesicht und alles wird ganz schrecklich, Stichwort Scharia.

Dieses Schema bietet eine vorschnelle weitere Bestätigung der eigenen Weltsicht an, auch wenn man von den höchst widersprüchlichen Dynamiken in der indonesischen Gesellschaft und dem, was die Menschen in ihren sehr unterschiedlichen Lebenswelten bewegt, oft nur wenig erfahren hat.

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