Deutsch-tunesisches Frauenmentoringprojekt "Ouissal"

Gemeinsam erfolgreich

"Ouissal" bedeutet "Verbindung". Das neue Projekt gleichen Namens bietet Unternehmerinnen aus Deutschland und Tunesien die Möglichkeit, sich kennenzulernen und sich gegenseitig bei der beruflichen Karriere zu unterstützen – ein Dialog auf Augenhöhe. Von Martina Sabra

Am Anfang stand wie so oft ein glücklicher Zufall: "Ich war Anfang 2013 auf einer Urlaubsreise, in den herrlichen Wüstenlandschaften von Südtunesien", erzählt die Hamburger Medienexpertin und Unternehmensberaterin Simone Brecht. "Dabei traf ich eine andere deutsche Reisende, die beruflich in Tunesien zu hatte und die mir von einer spannenden deutsch-arabischen Fraueninitiative erzählte."

Es ging um "Ouissal" – ein Mentoring-Programm für Fachfrauen und Unternehmerinnen aus Deutschland und Tunesien, die jeweils zu zweit gemeinsam an Projekten arbeiten sollten. Simone Brecht horchte auf: "Ich hatte schon einige Male geschäftlich mit Frauen in arabischen Ländern zu tun gehabt. Die Frauen faszinierten mich mit ihrer direkten, selbstbewussten Art."

Simone Brecht beschloss spontan, sich um eine Teilnahme bei "Ouissal" zu bewerben – mit Erfolg. Mittlerweile steht sie über sechs Monaten regelmäßig in engem fachlichem Austausch mit der 28 Jahre alten Yasmine Sfar aus Tunesien.

Logo Ouissal
Den fachlichen Austausch zwischen Frauen in Europa und Nordafrika und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe von Frauen in Tunesien stärken, so die Projektidee von Ouissal

Die Designerin, die in Frankreich Innenarchitektur studiert hat, baut in Tunis eine Firma für anspruchsvolles modernes Kunsthandwerk auf. Sie produziert und vermarktet ihre Keramik und Kleinmöbel in ungewöhnlichen, modernen Designs mit dem Ziel, in die EU und in die USA zu exportieren.

Eine "Transformationspartnerschaft" mit Tunesien

 "Ich gehöre zu denjenigen, die schon ein laufendes Projekt haben", erklärt Yasmine Sfar im Gespräch mit Qantara.de. "Deshalb sind die Ratschläge, die Simone mir gibt, sehr konkret und praxisbezogen. Es geht vor allem um das Marketing. Wie organisiere ich die Außendarstellung der Firma? Wie baue ich die Internetpräsenz auf? Wie soll der regelmäßige Newsletter aussehen?"

Yasmine Sfar schätzt an dem Mentoringprojekt, dass jemand von außen auf ihre Arbeit schaut. "Simone ist einerseits sehr professionell, aber sie hat auch den nötigen Abstand. Ihr Feedback hilft mir sehr."

Die Frauenmentoringplattform www.ouissal.org finanziert das Auswärtige Amt im Rahmen der sogenannten "Transformationspartnerschaft" mit dem postrevolutionären Tunesien. Durchführungsorganisation ist die "Euro-Mediterranean Association for Cooperation and Development" (EMA e.V.) in Hamburg.

Clara Gruitrooy, Expertin für interkulturelle Zusammenarbeit  und internationale Beziehungen, betreut das Projekt. "Unser Ziel ist, den fachlichen Austausch zwischen Frauen in Europa und Nordafrika und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe von Frauen in Tunesien zu stärken", erklärt sie. "In unserem Tandemprogramm sollen die Mentorin und die Mentee gemeinsam eine Geschäftsidee verwirklichen. Wichtig ist uns aber nicht nur die zündende Geschäftsidee. Es geht auch um Nachhaltigkeit und um das interkulturelle Lernen", fügt Clara Gruitrooy hinzu.

Große Resonanz

Mentee Yasmine Sfar (l.) und Mentorin Simone Brecht; Foto: EMA e.V.
Geschäftsideen im interkulturellen Unternehmerinnentandem verwirklichen: Mentee Yasmine Sfar (l.) und Mentorin Simone Brecht

Als EMA Anfang 2013 einen Rundruf bei Unternehmerinnenverbänden, Handelskammern und anderen Institutionen lancierte, war das Echo stärker als erwartet: Mehr als 150 Frauen wollten mitmachen. Eine hochkarätig besetzte Jury suchte fünfzehn deutsch-tunesische Tandems aus.

Bei der Auswahl wurde auf größtmögliche Vielfalt geachtet: Die Teilnehmerinnen sollten unterschiedlich alt sein, verschiedene Berufe haben und aus verschiedenen Regionen Tunesiens und Deutschlands stammen.

Außerdem sollte das Mentoring keine Einbahnstraße sein: "Wir möchten, dass sowohl Tunesierinnen als auch Deutsche die Mentorinnenrolle übernehmen", sagt Clara Gruitrooy. Die tunesischen Mentorinnen sind noch in der Minderheit, aber sie betreuen spannende Projekte: So berät die 49 Jahre alte Tunesierin Sihem Mahjoub die 25jährige Deutsche Lisa M. Gimsa bei der Erprobung des sogenannten "Paulinators", einer Anlage zur nachhaltigen Stromerzeugung in Küstennähe.

Sanfter Tourismus

Auch Ibtissem Bouattay ist begeistert von "Ouissal". Die 50-jährige Ingenieurin erfüllt sich in dem kleinen Badeort Raf Raf, eine Autostunde nordwestlich von Tunis einen langgehegten Traum. Sie baut eine Öko-Lodge auf. Ab 2014 sollen Touristen hier naturnah Urlaub machen können.

Vom sanften Tourismus in der Region sollen nicht nur die erholungsbedürftigen Gäste profitieren, sondern auch die einheimische Bevölkerung: Eine Bürgerinitiative hilft den Bewohnern von RafRaf, ihre traditionellen landwirtschaftlichen und kunsthandwerklichen Produkte gewinnbringender zu vermarkten.

Fachliche Beratung erhält Ibtissem Bouattay im Rahmen des Mentoringprogramms von der 40 Jahre alten Martina Rieth aus Frankfurt, die als Managerin bei einem deutschen Luftfahrtunternehmen arbeitet. "Als Ingenieurin hatte ich mit Marketing bislang kaum zu tun", sagt Ibtissem Bouattay. "Martina dagegen ist eine Expertin auf diesem Gebiet."

Zahlreiche neue Netzwerke

Martina Rieth ihrerseits freut sich über die Chance, eine innovative tunesische Unternehmerin so persönlich und intensiv kennenzulernen. "Ich hatte zwar schon öfter geschäftlich in der arabischen Welt zu tun, aber meistens waren die Geschäftspartner Männer. Meine Informationen über die Rolle der Frauen im arabischen Frühling und über die Veränderungen in Gesellschaft und Familie hatte ich nur aus den Medien. Ich ziehe es vor, mir ein persönliches Bild zu machen. Das Mentoringprojekt macht es möglich."

Insgesamt 30 Frauen nehmen an dem tunesisch-deutschen Mentoringprogramm teil. Im April 2013 trafen sie sich zu einem ersten Workshop in Tunis. Derzeit arbeiten die Tandems per Email und Skype an ihren gemeinsamen Vorhaben. Am 24. Oktober 2013 sollen im Rahmen einer Konferenz in Berlin die Ergebnisse des Projekts vorgestellt und Schlussfolgerungen diskutiert werden.

Damit wird das Vorhaben aber nicht zu Ende sein: "Wir haben viele Netzwerke erschlossen und die Nachfrage in den Ländern ist sehr hoch, das auszuweiten", sagt Clara Gruitrooy. EMA stehe daher in Gesprächen über eine Neuauflage 2014. Ungewiss ist allerdings, ob die Mittel dafür reichen werden.

Martina Sabra

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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