Deutsch-iranischer Theateraustausch

Ein Toter kann nicht zensiert werden

Seit langem herrscht ein reger Austausch zwischen Schauspieler-Ensembles aus dem Iran und Mülheim. Obwohl das iranische Theater der Zensur unterliegt, findet es doch erstaunlich klare Worte. Peter Philipp hat die diesjährige "Theaterlandschaft Iran" für Qantara.de besucht.

Seit langem herrscht ein reger Austausch zwischen Schauspieler-Ensembles aus dem Iran und Mülheim. Obwohl das iranische Theater der Zensur unterliegt, findet es doch erstaunlich klare Worte. Peter Philipp hat die diesjährige "Theaterlandschaft Iran" für Qantara.de besucht. ​​So deutlich wird man sonst nicht. Auch nicht während der Woche in Mülheim. Da wird eher zu den bisherigen Mitteln gegriffen, um die Zensur ad absurdum zu führen: Man bedient sich einer indirekten Sprache, Bildern und Metaphern, die nur schwer verboten werden können. Zum Beispiel der Rückgriff auf die Techniken von (im Iran offiziell erlaubten und gepflegten) Passionsspielen, Gedichte berühmter Dichter, alte Fabeln oder auch Puppenspiele – wie in "Der Kreislauf der Erde" meisterhaft vermengt mit dem Spiel der Schauspielerinnen. Afshin Ghaffarian findet nichts dabei, so direkt geworden zu sein: Er spreche doch nur aus, was Millionen anderer junger Leute im Iran heute fühlten und meinten. Ob er nicht Strafmaßnahmen fürchte? In Teheran habe er auf der Bühne dasselbe gesagt, meint er achselzuckend. Wenn jetzt etwas gegen ihn unternommen werden, dann sei "das nun mal so". Bei den Auftritten des Mülheimer Theaters im Iran müsse man sich natürlich immer gewaltig umstellen, erzählt Ciulli. Umarmungen von Mann und Frau, erst recht Küsse auf der Bühne, seien strikt verboten. Kurioses aus der Welt der verklausulierten Kritik Andererseits seien die Zensoren selbst auch Theaterleute und haben bisher immer großes Verständnis für solche Probleme gezeigt. Küsse etwa werden nur angedeutet oder gar durch ein abruptes Innehalten und den Hinweis der Schauspieler auf den Paragrafen 25 der Zensurbestimmungen abstrahiert und ins Absurde geführt, das für das iranische Publikum aber verständlich ist. Denn so, wie der Iran nicht nur eindimensional beschrieben werden könne, so gelte dies auch – erst recht – für das Theater: Was auf der Bühne gesagt wird, ist oft verklausuliert und umschrieben. [[{"fid":"31946","view_mode":"large","type":"media","attributes":{"height":"173","width":"225","alt":"Szene aus "Der Kreislauf der Erde"; Foto: Theater an der Ruhr","title":"Szene aus "Der Kreislauf der Erde"; Foto: Theater an der Ruhr","class":"media-element file-large image-left"}}]]​​So weit, dass ganz "unbequeme" Sätze Toten in den Mund gelegt werden: Wer tot ist, kann nicht zensiert werden. Oder pazifistische Soldaten treten mit Blumen in der Hand auf. Sie bekreuzigen sich – für den Zensor klar, dass hier keine iranischen Soldaten gemeint sein können… Solche Techniken fordern das iranische Publikum wahrscheinlich mehr als auch die modernste deutsche Aufführung es dem deutschen Publikum gegenüber tut: Die Zuschauer im Iran müssen immer wieder aufs Neue entscheiden, sie müssen aktiver mitdenken, während die deutschen Zuschauer verwöhnt sind, die "Botschaft" passend und mundgerecht serviert zu bekommen. Ein Grund mehr dafür, dass das moderne iranische Theater nicht einfach modernes Theater aus dem Ausland kopiert. Beitrag zum interkulturellen Dialog [[{"fid":"31947","view_mode":"large","type":"media","attributes":{"height":"166","width":"225","alt":"Szene aus "Hochzeit im Schatten", Foto: Theater an der Ruhr","title":"Szene aus "Hochzeit im Schatten", Foto: Theater an der Ruhr","class":"media-element file-large image-right"}}]]​​Es ist immer wieder damit beschäftigt, "das Unaussprechbare sichtbar zu machen", während das deutsche Publikum leichter "verführbar" sei, so Ciulli. Die "Theaterlandschaft Iran" entstand einst aus dem "Projekt Seidenstraße", es hat aber längst Eigenständigkeit gewonnen. Fast vergessen die Anfangsschwierigkeiten und das Misstrauen, das offizielle iranische Stellen zeigten. Natürlich habe es im Laufe der letzten zehn Jahre auch schon bessere Zeiten als jetzt gegeben – etwa unter Präsident Mohamad Khatami und dessen reformfreudigem Kulturminister Ataollah Mohajerani. Aber der Austausch weite sich beständig aus: Noch nie waren so viele Ensembles in Mülheim wie diesmal und Roberto Ciulli zeigt sich zufrieden, er ist sicher, dass sein Beitrag zum interkulturellen Dialog auch weiterhin reiche Früchte tragen werde. Peter Phillip © Qantara.de 2009

Qantara.de Roberto Ciullis "Dantons Tod" Französische Revolution und Bühnen-Jahrmarkt Vor kurzem hatte in der türkischen Kulturmetropole Istanbul Roberto Ciullis Inszenierung von "Dantons Tod" Premiere, inszeniert mit türkischen Schauspielern - Startschuss und vielleicht Prototyp einer neuen Art der deutsch-türkischen Kulturkooperation. Von Dorothea Marcus Roberto Ciulli Zwischen Teheran und Mülheim Roberto Ciulli pflegt den "Dialog der Kulturen": Er organisiert Austauschprogramme von Theatergruppen aus Deutschland und islamischen Ländern - und hat dabei gelernt, kreativ mit politischen Auflagen umzugehen. Von Peter Philipp Kulturaustausch Iran-Deutschland Theaterlandschaften Seidenstraße Im Rahmen des Seidenstraßenprojekts wurden vier Regisseure aus dem Maghreb vom Theater an der Ruhr eingeladen. Bei einer Gesprächsrunde diskutierten sie das Verhältnis von Orient und Okzident in ihrer Arbeit. Eva Schmidt war dabei.

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