Die Zeit Reza Schahs war die Epoche der deutschen Präsenz im Iran. Die Weimarer Republik ebenso wie die Nazis und später die Bundesrepublik setzten fort, was Waßmuß im Süden des Iran vorhatte und die iranischen Exil-Intellektuellen in der Berliner Kaveh-Redaktion wollten.

Mehr als Autos und Eisenbahnen

Im Gegensatz zu anderen Großmächten trafen die Deutschen also nicht mit Armeeverbänden im Iran ein. Dennoch brachten sie mehr mit als andere – im Guten wie im Schlechten: nicht nur Eisenbahnen und Autos, sondern auch den faschistischen Bazillus, kommunistische Ideen und sogar die Freimaurerei.

Reza Schah zum Staatsbesuch bei Mustafa Kemal in der Türkei; Foto: Wikipedia
Modernistischer Wandel nach dem Vorbild Atatürks: Reza Schah trieb die Modernisierung des Iran energisch voran. Er schränkte die Macht der Geistlichkeit ein und versuchte, außenpolitisch neutral zu bleiben.

Auch diese Seite der iranisch-deutschen Beziehung ist bis in unsere Tage auf deutschen Straßen zu greifen: etwa am 2. Juni 1967, als iranische und deutsche Linke in Berlin gemeinsam gegen Schah Mohammed Reza Pahlevi, Sohn des einst ins Exil getriebenen Schahs, protestierten. Der deutsche Student Benno Ohnesorg wurde erschossen und die 68er Bewegung nahm eine neue Wende. Was links ist, was Karl Marx sagte und warum man für den Kommunismus kämpfen solle, haben die Iraner aus Deutschland importiert.

Taghi Arani, Urvater des iranischen Kommunismus und Gründer der kommunistischen Tudeh-Partei, war ein in Berlin studierter Chemiker. Als er seinen Berliner Professoren 1928 seine Doktorarbeit über Pyrophosphorsäure vorlegte, hatte Arani in der Weimarer Republik noch mehr gelernt. Er war es, der nach seiner Rückkehr in den Iran marxistische Bücher ins Persische übersetzte und eine Kaderpartei nach deutschem Vorbild ins Leben rief. Auch die Mehrheit des Zentralkomitees dieser Partei hatte deutsche Hochschulen besucht. Und als die Partei im Iran verboten wurde, flüchtete die Parteiführung –nach Leipzig.

Die makabre Seite der Liebe

Doch diese Beziehung hat noch  eine makabre, gar mörderische Seite. David Ali S., jener Deutsch-Iraner und überzeugte Rechtsextremist, der am 22. Juli 2016 in München neun Menschen erschoss, verkörpert diese gespenstische Interpretation der Beziehung, die manche Deutsche und Iraner verbindet. S. hielt sich für einen Arier und fühlte sich gemobbt, wenn seine Umgebung ihn nicht so sehen wollte – man könnte mit dem deutschen Dichter Bert Brecht auch sagen: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

Denn die Nazis waren im Iran propagandistisch nicht nur sehr aktiv, sondern zum Teil auch sehr erfolgreich. Bis vor kurzem hing über dem Portal des Teheraner Hauptbahnhofs noch ein Hakenkreuz, und ein bekannter Stadtteil der iranischen Hauptstadt trägt den Namen "Nazi-Abad" – will heißen: von den Nazis urbanisiert.

In den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es bekannte und einflussreiche Iraner, die sowohl in Deutschland wie auch im Iran für die NSDAP tätig waren. Die Mehrzahl von ihnen waren keine bezahlten Agenten, sondern Überzeugungstäter, die nach dem Zweiten Weltkrieg, übrigens ähnlich wie in Deutschland, auch im Iran Karriere machten. Sie waren und sind immer noch der Meinung, der Iran sei das Ursprungsland der Arier. Der gestürzte Schah nannte sich offiziell "آریا مهر", "die Sonne der Arier".

Zu den eher bizarren Aspekten der deutsch-iranischen Beziehung gehört wahrscheinlich die Freimaurerei, die heute manche Exiliraner von Los Angeles bis Paris zusammenbringt. Auch sie verdanken die Iraner den Absolventen deutscher Hochschulen. Es war Jafar Sharif-Emami, der in Deutschland Eisenbahntechnik studierte und später iranischer Minister- und Senatspräsident wurde, der diese neue Idee in den Iran brachte. Der einflussreiche Politiker gründete 1969 in Teheran eine Großloge, der 43 Logen unterstanden und die bis zum Sturz der Monarchie sehr aktiv war.

Last but not least ist es tatsächlich die Liebe: sind es mit Sicherheit jene Tausenden binationalen Ehen, die zwischen Deutschen und Iranern in den letzten hundert Jahren geschlossen wurden, die die Beziehung zwischen den beiden Ländern lebendig halten.

Ali Sadrzadeh

© Iran Journal 2018

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Projektes des Vereins "Transparency für Iran e.V." entstanden, das durch die Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde.

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Leserkommentare zum Artikel: Wie die Deutschen in den Iran kamen

"ein bekannter Stadtteil der iranischen Hauptstadt trägt den Namen "Nazi-Abad" – will heißen: von den Nazis urbanisiert" Ich weiß zwar nicht, wonach dieser Stadtteil benannt wurde. Aber nach den Nazis bestimmt nicht: "Nazi" war (und ist) keine Eigenbezeichnung, sondern eine abwertende Fremdbezeichnung für Anhänger des Nationalsozialismus.

Kristian Wolf11.12.2018 | 18:33 Uhr

An sich ein interessanter Artikel, da er eine Alternative Sichteeise zeigt. Allerdings legt der Autor erst gegen Ende offen, was der Leser schon recht früh ahnt: sein plattes, man möchte fast sagen „fundamentalistisches“ Verständnis von Säkularismus. Schleierverbote und Einschränkung der Gläubigen - nicht der geistlichen Elite - werden hier als Fortschritt verkauft. Vor diesem Hintergrund kann man dann mal eben die Verbrechen, die Despotie und den nationalistischen Chauvinismus eines Reza Shah oder eines Atatürk ignorieren.

Ironisch erscheint übrigens weniger, dass die Revolution von 1979 die Forderung nach einer Republik aufgestellt hat, welche die Ayatollahs natürlich auf eine kommunale Mitbestimmung unter ihrer Hegemonie auf den höheren Ebenen reduziert haben, sondern dass der Autor mit dem Begriff der Republik nicht etwa Demokratie versteht, die hat es nämlich weder unter Atatürk noch unter der Shah-Dynastie gegeben, sondern ihn als kulturelle Verwestlichung und staatlich verordneten Säkularismus begreift. Das dürfte dem Weltbild aber auch der Erfahrung vieler demokratiekritischer Menschen in der Region entsprechen.
Der Unterschied ist, dass letztere damit verständlicherweise ihre Ablehnung von demokratischen Ideen nach westlichem Vorbild begründen. Der Autor dagegen feiert diese Perversion des Republikanismus.

Leon W.15.12.2018 | 10:14 Uhr