Wilhelm Waßmuß hatte sich im Süden des Iran schon zwei Jahre lang ein Katz- und Mausspiel mit den britischen Besatzungstruppen geliefert, als im Auswärtigen Amt in Berlin eine Gruppe Exiliraner eintraf. Friedrich Rosen, der bekannteste Orientalist der Zeit und ein Kenner der iranischen Literatur, hatte diese Iraner ausgesucht und zusammengebracht. Sie sollten eine literarisch anspruchsvolle antibritische Kampfzeitschrift herausgeben. Rosen, der wichtigste Diplomat Kaiser Wilhelms II, soll dafür den Namen Kaveh vorgeschlagen haben. Kaveh ist eine Gestalt aus der iranischen Mythologie, ein Schmid, der gegen die Tyrannei kämpft – und siegt.

Kaveh wurde zu einer wirkmächtigen Publikation, die die iranische Geschichte nachhaltig verändern sollte. Das deutsche Außenministerium finanzierte, organisierte und verbreitete sechs Jahre lang, von 1916 bis 1922, dieses einmalige Kampfblatt. Es sollte die beste politische und literarische Zeitschrift werden, die in persischer Sprache bis dahin je erschienen war.

Die Redaktionsmitglieder waren die bekanntesten und fähigsten Intellektuellen, die der Iran damals aufbieten konnte. Chefredakteur war Hassan Taqizadeh, eine der schillerndsten Figuren der jüngsten iranischen Geschichte. Er wurde später Abgeordneter, Minister, Diplomat und Botschafter, aber auch anerkannter Wissenschaftler, Publizist und Universitätsprofessor. Und Taqizadeh versammelte in seiner Berliner Redaktion Männer um sich, die alle später die iranische Politik und Geisteswelt bleibend prägen sollten: etwa Mohammad Ali Djamalzadeh, der Vater des modernen iranischen Romans, oder Mohammad Ghazvini, Begründer der modernen Literaturforschung an der später gegründeten Teheraner Universität.

Ausgabe der eine von der deutschen Reichsregierung finanzierten persischsprachigen Zeitschrift "Kaveh"; Quelle: Wikipedia
Wirkmächtiges Fanal, das die iranische Geschichte nachhaltig verändern sollte: Das deutsche Außenministerium finanzierte, organisierte und verbreitete sechs Jahre lang, von 1916 bis 1922, das Kampfblatt „Kaveh“. Es sollte die beste politische und literarische Zeitschrift werden, die in persischer Sprache bis dahin je erschienen war. Die Redaktionsmitglieder waren die bekanntesten und fähigsten Intellektuellen, die der Iran damals aufbieten konnte.

Der Siegeszug Reza Khans

Kaveh spiegelte eine patriotische Stimmung wider, die bald Wirkung zeigen sollte. Als in Berlin der fünfte Jahrgang der Zeitschrift gefeiert wurde, marschierte ein Offizier der iranischen Kaukasier-Brigade mit seiner Truppe in Teheran ein und forderte die dahinsiechende Monarchie heraus. Er hieß Reza Khan, wurde nach seinem Einmarsch erst Verteidigungsminister, dann Ministerpräsident und drei Jahre später als Reza Schah Pahlevi neuer König des Iran. Die Berliner Redaktion um Taqizadeh hatte ihr politisches Ziel erreicht. Fast alle Redaktionsmitglieder kehrten damals in den Iran zurück.

Der einstige Kaveh-Chefredakteur wurde zum wichtigsten Berater Reza Khans, des späteren Königs. Auch die anderen Redaktionsmitglieder unterstützten den neuen Herrscher, dessen Vorbild Kemal Atatürk gerade dabei war, das Nachbarland Türkei von Grund auf umzugestalten.

Auch Reza Schah trieb die Modernisierung des Iran energisch voran. Er schränkte die Macht der Geistlichkeit ein und versuchte, außenpolitisch neutral zu bleiben. Die Historiker stimmen darin überein, dass Reza Schah mit seinen Reformen das Projekt des "nation building" im modernen Iran vollendete. Man sagt ihm eine gewisse Germanophilie nach, doch es ist zweifelhaft, ob er diesen Begriff überhaupt kannte. Reza Schah war Analphabet und lernte erst im Erwachsenenalter das Lesen und Schreiben.

Unbestreitbar jedoch standen die Deutschen während seiner Regentschaft bei allen Projekten, mit denen Reza Schah das Land umgestalten wollte, an erster Stelle. Bei der Gründung der Universität, dem Umbau der Verwaltung, dem Straßenbau oder dem Gesundheitswesen: Überall bevorzugte Reza Schah die Deutschen.

Die Blütezeit der Deutschen im Iran

Legendär ist das Projekt der transiranischen Eisenbahn, die zwischen 1927 und 1938 gebaut wurde und Teheran mit dem Persischen Golf im Süden und dem Kaspischen Meer im Norden verband. Für den Bau dieser langen Bahnstrecke gründeten deutsche Firmen eigens ein Konsortium, in dem fast die gesamte deutsche Industrie vertreten war: von Julius Berger über Philipp Holzmann und Siemens bis hin – natürlich – zu deutschen Banken.

Reza Schah war Patriot. Wie Atatürk aus der Türkei wollte er aus dem Iran eine Republik machen, doch die Ayatollahs waren vehement dagegen. Sie fürchteten um ihre Macht und glaubten, eine Republik führe zwangsläufig zum Säkularismus. "Der König ist der Schatten Gottes", lautet eine ihrer religiösen Überlieferungen.

Doch auch als König setzte Reza Schah sein Projekt des Säkularismus durch, etwa das Schleierverbot für Frauen, die Einführung des Wehrdienstes für alle Iraner – einschließlich der Mullahs -, und eine weltliche Gerichtsbarkeit. Ironie der Geschichte: "Republik" lautete die Hauptparole von Ayatollah Ruhollah Khomeini, mit der er 1979 der Monarchie im Iran ein Ende setzte.

Außenpolitisch versuchte Reza Schah zwischen den Großmächten zu manövrieren. Doch diese Neutralität sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wollte auch im Zweiten Weltkrieg neutral bleiben. Vergeblich. Im März 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen im Iran ein, teilten das Land wieder einmal unter sich auf und setzten dem Schah am 17. September 1941 das Ultimatum, bis 12 Uhr mittags das Land zu verlassen. Was er auch tat und seine letzte Reise ins südafrikanische Exil antrat.

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Leserkommentare zum Artikel: Wie die Deutschen in den Iran kamen

"ein bekannter Stadtteil der iranischen Hauptstadt trägt den Namen "Nazi-Abad" – will heißen: von den Nazis urbanisiert" Ich weiß zwar nicht, wonach dieser Stadtteil benannt wurde. Aber nach den Nazis bestimmt nicht: "Nazi" war (und ist) keine Eigenbezeichnung, sondern eine abwertende Fremdbezeichnung für Anhänger des Nationalsozialismus.

Kristian Wolf11.12.2018 | 18:33 Uhr

An sich ein interessanter Artikel, da er eine Alternative Sichteeise zeigt. Allerdings legt der Autor erst gegen Ende offen, was der Leser schon recht früh ahnt: sein plattes, man möchte fast sagen „fundamentalistisches“ Verständnis von Säkularismus. Schleierverbote und Einschränkung der Gläubigen - nicht der geistlichen Elite - werden hier als Fortschritt verkauft. Vor diesem Hintergrund kann man dann mal eben die Verbrechen, die Despotie und den nationalistischen Chauvinismus eines Reza Shah oder eines Atatürk ignorieren.

Ironisch erscheint übrigens weniger, dass die Revolution von 1979 die Forderung nach einer Republik aufgestellt hat, welche die Ayatollahs natürlich auf eine kommunale Mitbestimmung unter ihrer Hegemonie auf den höheren Ebenen reduziert haben, sondern dass der Autor mit dem Begriff der Republik nicht etwa Demokratie versteht, die hat es nämlich weder unter Atatürk noch unter der Shah-Dynastie gegeben, sondern ihn als kulturelle Verwestlichung und staatlich verordneten Säkularismus begreift. Das dürfte dem Weltbild aber auch der Erfahrung vieler demokratiekritischer Menschen in der Region entsprechen.
Der Unterschied ist, dass letztere damit verständlicherweise ihre Ablehnung von demokratischen Ideen nach westlichem Vorbild begründen. Der Autor dagegen feiert diese Perversion des Republikanismus.

Leon W.15.12.2018 | 10:14 Uhr