Was Waßmuß im Iran vorfand und woran er sich aktiv und mit eigenen Ideen beteiligte, war eine antikoloniale Erhebung, die sich einer imperialen Macht entgegenstellte. Natürlich war Wilhelm Waßmuß auch der Gesandte eines europäischen Kaiserreichs, natürlich vertrat er ohne Wenn und Aber deutsche Interessen. Doch sahen seine iranischen Mitkämpfer in ihm keinen Agenten eines Weltimperiums. Das waren für sie vor allem die Briten und die Russen. In den iranischen Städten und Dörfern marodierten keine deutschen Besatzungstruppen, dafür aber britische und russische, die das Land bereits unter sich aufgeteilt hatten.

Waßmuß eignete sich also nicht dafür, die damalige iranische Erhebung gegen die britische Kolonialmacht zu einer islamistischen Rebellion für die Errichtung eines Kalifats zu erklären. Und auch für den Versuch "völkisch" denkender deutscher Autoren, ihn für ihr Geschichtsbild zu instrumentalisieren, taugt er nicht. Am 23. Dezember 1918 schrieb Waßmuß in sein Tagebuch: "Ich hatte gestern Abend so meine Gedanken, was das Ergebnis des Krieges sein wird. Tötung des Nationalitäten-Hasses, hoffe ich".

Katz- und Mausspiel mit den Briten

Vier Jahre lang war Waßmuß im Süden des Iran aktiv. Über die Beweglichkeit, die Tapferkeit und die Tricks des Deutschen gibt es im Iran unzählige Geschichten und Gerüchte, die auch heute noch erzählt werden. Was davon Wahrheit, was Dichtung ist, lässt sich kaum noch auseinanderhalten.

Britische Truppen im Iran im Ersten Weltkrieg; Foto: jamejamonline.ir
Der Aufstand gegen die Briten im Südiran scheiterte, Waßmuß geriet in britische Gefangenschaft. Die Unruhen dauerten an. Den Briten gelang es jedoch auch nicht, ihre indische Kolonie über den Süden den Iran mit Arabien zu verbinden, wo ihr Lawrence am Werk war. So gesehen war der junge Deutsche also immerhin erfolgreich, obwohl Deutschland den Ersten Weltkrieg in Europa verlor.

Der Aufstand gegen die Briten im Südiran scheiterte jedenfalls, Waßmuß geriet in britische Gefangenschaft. Die Unruhen dauerten an. Den Briten gelang es jedoch nicht, ihre indische Kolonie über den Süden den Iran mit Arabien zu verbinden, wo ihr Lawrence am Werk war. So gesehen war der junge Deutsche also immerhin erfolgreich, obwohl Deutschland den Ersten Weltkrieg in Europa verlor.

Jahre später kam Waßmuß aus britischer Gefangenschaft frei. In den Folgejahren kämpfte er vergeblich mit deutschen Behörden um die Freigabe von Geldern, die er den persischen Soldaten für die Teilnahme am Widerstand gegen die Briten versprochen hatte. 1924 kehrte er nach Bushehr zurück, kaufte dort ein Stück Land und gründete dort eine Farm – aus deren Erlös er jenen Sold bezahlen wollte, den er den Rekrutierten versprochen hatte. Doch auch das scheiterte, Waßmuß kehrte im April 1931 als gebrochener Mann nach Berlin zurück, wo er ein halbes Jahr darauf starb.

Waßmuß und alle anderen deutschen Intellektuellen, die sich vor 100 Jahren mit dem Iran beschäftigten oder sich dort hinbegaben, hatten alles andere im Sinn, als dort ein Kalifat zu errichten. Damals begann Deutschland, seine Präsenz in Persien zu entfalten – und zwar vollkommen anders als alle anderen europäischen Mächte: subtil, nachhaltig und wahrscheinlich genau deshalb so dauerhaft.

Deutschland galt im Iran als keine Kolonialmacht: Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist dieser kulturell und wirtschaftlich von Deutschland stärker geprägt als von jeder anderen ausländischen Macht. Um zu verstehen, warum Deutschland im Iran erfolgreicher war als alle seine europäischen Konkurrenten, ist es nötig, sich zu vergegenwärtigen, in welchem Zustand sich der Iran vor hundert Jahren befand.

Ein Land zerfällt

Der Erste Weltkrieg hatte den Iran in eine Katastrophe gestürzt. Der Zentralstaat war gescheitert, Millionen Menschen verhungerten. Überall im Land gab es Unruhen. Hinzu kam, dass Großbritannien den Süden besetzt hielt und versuchte, sich der dortigen Ölquellen zu bemächtigen. Der Iran war dabei, von der Landkarte zu verschwinden. Die britische Imperialmacht und das zaristische Russland waren die Hauptverantwortlichen für diese Katastrophe, so sah es jedenfalls die iranische Elite. Antibritische und antirussische Stimmung herrschte im ganzen Land. Und genau das war das unschätzbare Kapital, auf dem die Deutschen ihre Politik im Iran aufbauten.

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Leserkommentare zum Artikel: Wie die Deutschen in den Iran kamen

"ein bekannter Stadtteil der iranischen Hauptstadt trägt den Namen "Nazi-Abad" – will heißen: von den Nazis urbanisiert" Ich weiß zwar nicht, wonach dieser Stadtteil benannt wurde. Aber nach den Nazis bestimmt nicht: "Nazi" war (und ist) keine Eigenbezeichnung, sondern eine abwertende Fremdbezeichnung für Anhänger des Nationalsozialismus.

Kristian Wolf11.12.2018 | 18:33 Uhr