Wenn VPN-Mitarbeiter mit Gefährdern, IS-Rückkehrern und islamistischen Gewalttätern in Gefängnissen arbeiten, geht es ihnen vor allem darum, sie zu befähigen, "dass sie wieder Fragen stellen und eigene Gedanken entwickeln dürfen", sagt der gelernte Pädagoge und Politologe. "In der Szene ist es ja so, dass man gehorchen muss, dass man sich da unterordnen muss."

Allerdings kennt Mücke auch die Grenzen von Deradikalisierungsarbeit. "Auch wenn man sich noch so sehr anstrengt im Bereich der Sicherheit, im Bereich der sozialpädagogischen Arbeit, darf man nicht die Illusion haben, dass es nie zu einem Anschlag kommen wird. Anschläge wird es immer geben."

Trauernde gedenken der Opfer des Anschlags vom 2.11.2020 in Wien. Foto: Eibner Europa/Imago Images
Was die Situation so gefährlich macht – und für die Sicherheitsbehörden so schwer zu überblicken: Der islamistische Terror braucht keine Organisation im klassischen Sinne mit geheimen Zellen und versteckten Hauptquartieren. Es genügen die losen Netzwerke; es reicht das Potenzial an radikalisierten Menschen, das sich durch Propaganda oder auch durch andere Attentate abrufen lässt.

Der VPN-Geschäftsführer spricht aus tragischer Erfahrung: Seine Mitarbeiter haben auch den 20-jährigen Syrer betreut, der mutmaßlich Anfang Oktober in Dresden zwei homosexuelle Männer mit einem Messer angriff, einen davon tötete. Sie trafen ihn zwei Tage vor dem Messerangriff und auch danach – nichtsahnend, dass ihr Klient mit der Tat in Verbindung stand.

Mimoun Berrissoun spricht in solchen Fällen von "Taqiyya", der religiös verbrämten Täuschung der Ungläubigen. Der junge Mann mit marokkanischen Wurzeln hat in Köln die Initiative 180-Grad-Wende gegründet. Deren meist freiwillige Mitarbeiter wollen verhindern, dass junge Männer in Extremismus und Kriminalität abgleiten. "Wenn eine Person etwa durch richterliche Beschlüsse zu Maßnahmen gezwungen wird, sich aber innerlich nicht von der Ideologie gelöst hat, ist es schwierig, ihn aus dieser Szene zu holen", sagt Berrissoun.

Und doch: Thomas Mücke ist sich beim Blick auf Hunderte von Menschen, mit denen VPN gearbeitet hat, sicher: Hätte man diese sich selbst überlassen, "wäre das Potenzial derjeniger, die eventuell Anschläge begehen, mit Sicherheit größer".

"Explosive Gemengelage" in den Gefängnissen

Das Potenzial ist bereits groß. Die Zahl der sogenannten islamistischen Gefährder liegt in Deutschland bei rund 620. Und in deutschen Gefängnissen sitzen nach einer Recherche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über 130 Islamisten ein – von denen viele nach Ablauf ihrer Strafe bald freikommen werden.

Zwar wird in den Gefängnissen Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit geleistet, meist durch Organisationen wie VPN. Aber die Corona-Pandemie erschwert diese Arbeit massiv, berichtet Jens Borchert: "Viele Programme zur Deradikalisierung in Haft können nicht in dem Maße starten oder laufen, wie das ursprünglich mal geplant war", sagt der Kriminologe von der Hochschule Merseburg. Generell macht Borchert in den Haftanstalten eine "explosive Gemengelage" aus, weil durch Corona weniger Personal in den Anstalten verfügbar sei und allerlei Verschwörungserzählungen zirkulierten.

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Mitarbeiter der Justiz bestätigen das. Sie unterstreichen, dass trotz aller Maßnahmen der letzten Jahre die Gefahr der Radikalisierung hinter Gittern weiterhin vorhanden ist. Die Anschläge seien ein Thema unter den Inhaftierten. Und auch wenn gegenüber den Mitarbeitern Gewalt als solche nicht gutgeheißen werde: Dem von einem Islamisten enthaupteten französischen Lehrer wird von manchen eine Mitschuld an seinem Schicksal zugesprochen.
 
"Keine Befehlsketten"
 
Was die Situation so gefährlich macht und für die Sicherheitsbehörden so schwer zu überblicken: Der islamistische Terror braucht keine Organisation im klassischen Sinne mit geheimen Zellen und versteckten Hauptquartieren. Es genügen die losen Netzwerke. Es reicht das Potenzial an radikalisierten Menschen, das sich durch Propaganda oder auch durch andere Attentate abrufen lässt.
 
VPN-Chef Mücke verweist als Beispiel auf den Anschlag von Wien. Der sogenannte Islamische Staat hat dafür die Verantwortung übernommen. "Aber es gibt überhaupt keine klaren Befehlsketten", stellt Mücke fest, "sondern es werden die Narrative ins Netz eingespeist: `Ihr müsst jetzt etwas tun´. Und dann gibt es die Personen, die aktiv werden – ohne dass irgendjemand ein Kommando gegeben hätte."
 
Am Ende ist es also ein Kampf um ebendiese Narrative. Deshalb plädiert 180-Grad-Wende-Gründer Berrissoun auch für eine starke Gegenbewegung in den muslimischen Gemeinden. Sie müsse dafür sorgen, dass islamistische Verführer keinen Raum bekämen; sie dürfe nicht zulassen, dass "Jugendliche auch versteckt über WhatsApp oder Telegram rekrutiert" würden. "Man muss die Jugendlichen vorher erreichen."
 
Matthias von Hein
 
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