Der Westen und die muslimische Welt

Schwarz-Weiß funktioniert nicht mehr

Der nach dem Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa und der Wahl von US-Präsident Trump befeuerte Ost-West-Dualismus schadet der Entwicklung des Orients und den muslimischen Communities im Westen, warnt der arabische Analyst Shafeeq Ghabra. Es ist an der Zeit umzudenken und ideologisch abzurüsten, so der Politikwissenschaftler.

Die Spannungen zwischen "Orient" und "Okzident" erreichten in den letzten Jahren neue Dimensionen und führten in einigen Fällen sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Die beiden Kulturkreise können sich in vielen Fragen nicht einigen. Dieser Konflikte ist zugleich ein Spiegelbild der Machtungleichheit zwischen beiden Kulturräumen. Hinzu kommen weitere Streitpunkte wie der Nahostkonflikt, die militärischen Interventionen des Westens, diktatorische Regime und der allgemeine Krisenzustand in der arabischen und islamischen Welt. Der Konflikt ist facettenreich.

Zugleich öffnen all diese Faktoren weiteren Auseinandersetzungen Tür und Tor, die nur zu Ungunsten aller Beteiligten ausgespielt werden können. Eine Minderheit, die diese Situation richtig erkennt, gibt es sowohl im Westen, als auch in der arabischen Welt. Die Mehrheit der Bürger auf beiden Seiten lebt aber einen Kulturkampf aus, der sich von gegenseitigen Zweifeln und Ängsten nährt.

Im Westen, insbesondere in Europa und in den Vereinigten Staaten, erstarken rassistische und islamophobe Bewegungen. Terrorangriffe auf zivile Ziele im Westen bieten einen guten Nährboden für sie. Ein wichtiges Merkmal dieser vereinfachenden Weltsicht ist ein einheitliches Bild der Muslime: Es wird so getan, als würden alle Muslime den Terror gegen Zivilisten in Frankreich, Belgien, Deutschland und anderen Ländern unterstützen. Den rassistischen Bewegungen in Europa und den USA fehlt aber das Verständnis für Ursachen der Gewalt in der arabischen Welt und deren Ausbreitung auf den Westen.

Triebfeder der Gewalt

Der gewaltsame Dschihadismus ist im Grunde nicht von anderen Phänomenen zu trennen: von der Aufteilung der Welt in Produzenten im Westen und Konsumenten im Orient, von den westlichen Waffenlieferungen an nahöstliche Staaten, von der weitgehend gleichgültigen Reaktion auf Verletzungen der Menschenrechte in diesen Staaten und von den militärischen Interventionen im Irak und anderen Staaten des nahen Ostens. Die katastrophalen Folgen dieser Politik trugen alle zur Intensivierung der Gewalt bei.

Dissonanzen zwischen westlichen und islamisch geprägten Staaten gibt es viele. Ein Beispiel: Die Hamas ist zwar eine bewaffnete Organisation mit einer islamistischen Ideologie, dennoch ist sie auch ein Produkt der völkerrechtswidrigen Besatzung. Doch die westliche Politik, vor allem in Europa und den USA, fokussiert einzig auf den Gewaltfaktor Hamas, wohingegen sie über die israelische Besatzung, Belagerung und Gewaltanwendung hinwegsieht. Der Westen ignoriert die Geschichte des Nahostkonfliktes, die ihn in die gegenwärtige Situation befördert hat. Und obwohl die Palästinenser offiziell im Westjordanland Autonomie genießen, hat der Westen nicht genug getan, um Israel an der Untergrabung der Zweistaatenlösung durch Siedlungsbau und Judaisierungspolitik zu hindern.

George W. Bush erklärt am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln den Irakkrieg für beendet; Foto: S. Jaffe/AFP/GettyImages
"Mission accomplished"?: Als George W. Bush den Nahen Osten umbauen wollte, hat er Amerika in eine Zwickmühle in Afghanistan, im Irak und im Jemen manövriert. Die Folgen waren ebenso beklagenswert wie die Tat selbst. Hunderttausende Iraker starben, das Land wurde verwüstet und die Besatzungsverwaltung entpuppte sich in den nachfolgenden Jahren als klarer Fall von Missmanagement.

Das gleiche Szenario wiederholt sich gerade in Syrien: Die Katastrophe wird mit jedem Tag schlimmer, der Westen tut aber nicht genug, um die Kriegshandlungen zu unterbinden. Die andere Lösung ist jedoch oft auch nicht besser, wie die jüngste Vergangenheit gezeigt hat: Als George W. Bush den Nahen Osten umbauen wollte, hat er Amerika in eine Zwickmühle in Afghanistan, im Irak und im Jemen manövriert. Die Folgen waren ebenso beklagenswert wie die Tat selbst. Hunderttausende Iraker starben, das Land wurde verwüstet und die Besatzungsverwaltung entpuppte sich in den nachfolgenden Jahren als klarer Fall von Missmanagement.

Dass Muslime die einzigen gewaltsam vorgehenden Akteure seien, ist also eine diffamierende Verallgemeinerung, die wohl keiner ernsthaften Prüfung bedarf. Auch sollte nicht außer Betracht gelassen werden, dass der Gewalt in der Region vor allem Araber und Muslime zum Opfer fielen – der Willkür, die in ihren Ländern, Städten und Dörfern herrscht, der Gewalt der Regime, der Folter, der Rechtsverletzungen und des Terrorismus.

Die arabische Welt nicht als monolithischen Block begreifen

Auch die arabische Welt beherbergt friedliche Strömungen, wie sie am Anfang des arabischen Frühlings oder im Libanon und dem Irak 2015 zum Vorschein kamen. Und auch unter den Arabern und Muslimen gibt es Liberale, Säkulare, Islamisten – gemäßigte oder radikale – sowie Konflikte zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Klassen. Unsere Region ist sehr vielfältig, sie umfasst verschiedene politische Systeme und zahllose Kulturen sowie Religionen. Zudem befindet sie sich in ihrer historischen Entwicklung in einer sehr sensiblen Phase.

Allerdings sind auch solche Zerrbilder arabischer Demagogen unhaltbar, die dem Westen attestieren, rein materialistisch, seelenlos sowie menschlich und moralisch verkommen zu sein. Degeneration und Materialismus können schließlich keine Hochkultur schaffen. Offensichtlich hat der Westen die Grundlagen für Leistungsfähigkeit, wissenschaftlich fundierte Planung, Institutionenbildung und den Schutz von politischen Rechten und Freiheiten erfolgreich etabliert.

Sufi beim gebet in Afghanistan; Foto: AFP/Getty Images/S. Marai
Gemeinsam voneinander lernen: "Wir dürfen nicht vergessen, dass auch der Westen am kulturellen Erbe des Orients teil hat: Einige islamische Dichter, wie der Mystiker Dschalal al-Din al-Rumi, gehören zu den Bestsellern. Auch im Abendland gibt es Menschen, die nach spiritueller Wahrheit und interkultureller Verständigung suchen", schreibt Shafeeq Ghabra.

Die gewaltsamen Phasen der westlichen Geschichte, insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert, ähneln stark dem aktuellen Chaos in der arabischen Welt. Daraus hat das Abendland damals einige wichtige Lektionen gelernt: Friedliche Machtübergabe, politische Mäßigkeit, Recht auf Versammlung, selbstständige Organisierung, Streik, Meinungsfreiheit, Gleichheit gehören seitdem zu natürlichen Rechten, die vor zentraler Staatsgewalt und Machtmissbrauch schützen sollen. Diese Lehren sollten sich - wenn auch erst später, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs -, in den europäischen Nachkriegsgesellschaften etablieren.

Schädlicher Ost-West-Dualismus

Der Ost-West-Dualismus schadet der Entwicklung des Orients. Vielfältige Bevölkerungsgruppen sollten nicht in eine Schublade gedrängt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass das westliche kulturelle Erbe auch teilweise unser Erbe ist, und dass Wissen und Fortschritt keine Grenzen zwischen Morgen- und Abendland oder zwischen China und Indien kennen. Sogar die schärfsten Kritiker der westlichen Welt schrieben in westlichen Sprachen – ob Foucault, Chomsky, Mbembe oder dutzende Andere.

Doch dürfen wir auch nicht vergessen, dass der Westen auch am kulturellen Erbe des Orients teilnimmt: Einige islamische Dichter, wie der Mystiker Dschalal al-Din al-Rumi, gehören zu den Bestsellern. Auch im Abendland gibt es Menschen, die nach spiritueller Wahrheit und interkultureller Verständigung suchen. Deswegen befeuern Pauschalisierungen den Konflikt in allen gesellschaftlichen Bevölkerungsschichten des Westens und befördern radikale Positionen, die oft im Rassismus den Arabern und Muslimen gegenüber ihren Ausdruck finden.

Wie ist es Nelson Mandela gelungen, seine persönliche, humane Grundhaltung in eine globale Kultur umzuwandeln und ein Symbol der Menschenrechte und der Verständigung zwischen Weißen und Schwarzen zu werden? Davor musste Südafrika eine brutale, gewaltsame Zeit erleiden.

Offensichtlich muss der Weg wohl immer über Schwierigkeiten und Zerstörung führen, bevor sich eine wirkliche Lösung der Konflikte finden lässt – eine Lösung, die den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt.

Shafeeq Ghabra

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Filip Kaźmierczak.

Shafeeq Ghabra ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kuwait. Der bekannte Publizist schreibt für führende arabische Tageszeitungen.

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