"Die HDP scheint die beste Option im Rahmen des herrschenden Systems zu sein, um die Interessen von Kurden und anderen Minderheiten zu vertreten, auch weil viele liberale und linke Kräfte aus der Westtürkei die HDP mitgestalten," sagt der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli..

Der türkische Staat und die Kurden
Kampf der Narrative

Kurden und andere Minderheiten in der Türkei sind seit hundert Jahren staatlicher Repression ausgesetzt. Die kurdische Frage ist für die gesellschaftliche und politische Entwicklung der Türkei zentral, sagt der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli im Interview mit Gerrit Wustmann.

Herr Küpeli, warum gibt es so wenig Forschung zum Thema Kurden in der Türkei?

Ismail Küpeli: Das liegt zum einen an einer Politik der Leugnung, die Kurden und andere Minderheiten betrifft. Ein großer Teil der Forschung in der Türkei ist staatlich gesteuert und wird mit dem Ziel betrieben, staatliche Mythen zu bestätigen. Kritische Forschung wird als kontraproduktiv für die nationalistische Ideologie gesehen und hat daher in vielen Bildungseinrichtungen keinen Platz. In der deutschen Turkologie standen lange die guten Beziehungen zur Türkei im Mittelpunkt, sodass oft auch Positionen einfach übernommen wurden, von denen man bis heute teils nur zögerlich abrückt.

In Ihrem Buch geht es um die kurdische Frage vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also auch um die Kurdenaufstände – die Sie allerdings als “sogenannte Aufstände“ bezeichnen. Weshalb?

Küpeli: Ich versuche zu differenzieren. Es gab den Scheich-Said-Aufstand 1925 und den Ararat-Aufstand im Jahr 1930. Beide Bewegungen waren tatsächliche Aufstände der Kurden gegen Repression. Dann gab es aber noch eine Reihe von Ereignissen wie Steuerverweigerung, Verweigerung der Wehrpflicht, Raub, Viehdiebstahl, die eigentlich unter polizeiliche Zuständigkeit fallen, vom türkischen Staat aber als Vorwand für Militäreinsätze genutzt wurden, indem man sie als Aufstände bezeichnete – obwohl es keine waren. Auch in der Literatur tauchen diese Ereignisse als Aufstände oder Rebellionen auf, es wurde also das Narrativ des türkischen Staates übernommen. Teils übrigens auch von kurdischer Seite, weil sie eine Widerstandsgeschichte herbei schreiben wollte.

Eine multhiethnische Perspektive passt nicht zur Staatsideologie

Sie befassen sich intensiv mit Themen wie der Leugnung des Genozids an den Armeniern und Geschichtsfälschung. Warum gibt es bis heute keine historische Aufarbeitung der Ereignisse in den 1930er und 1940er Jahren – und woran scheitert sie?

Küpeli: Der zentralistische türkische Nationalstaat gründet auf der Idee, dass es eine Ethnie gibt, die das Sagen hat. Die Perspektive einer multiethnischen und multireligiösen Bevölkerung passt da nicht rein, sie stellt das ideologische Fundament der Republik infrage. Gerade bei der kurdischen Frage hat das eine anhaltende politische Brisanz. Eine Aufarbeitung hätte gewaltige politische und gesellschaftliche Folgen und würde eine Umstrukturierung des Staates nach sich ziehen. Das wollen die politischen und auch viele gesellschaftliche Akteure nicht.

Cover von "Die kurdische Frage in der Türkei" von Ismail Küpeli; Quelle: transkript Verlag
In seiner 2022 erschienenen Dissertation analysiert der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli die historischen Hintergründe des Konfliktes zwischen dem türkischen Staat und den Kurden. "Der zentralistische türkische Nationalstaat gründet auf der Idee, dass es eine Ethnie gibt, die das Sagen hat. Die Perspektive einer multiethnischen und multireligiösen Bevölkerung passt da nicht rein, sie stellt das ideologische Fundament der Republik infrage“, sagt Küpeli. "Gerade bei der kurdischen Frage hat das eine anhaltende politische Brisanz.“

Sie sagen, Deutschland könnte bei der historischen Aufarbeitung eine Rolle spielen – inwiefern?

Küpeli: In Deutschland leben, auch durch die Fluchtbewegungen der letzten Jahre, viele Menschen aus der Türkei, die zu diesem Thema forschen und Expertise haben. Deutschland könnte ein Raum sein, in dem man sich frei und ohne das Risiko von Repressionen mit diesen Themen auseinandersetzen kann: Mit der kurdischen Frage, dem Genozid an den Armeniern und auch mit dem Antisemitismus der 1930er und 1940er Jahre.

In der Türkei ist das nicht möglich. Wer diese Themen öffentlich anspricht, dem schlagen Hass und Hetze entgegen und er muss mit staatlichen Repressalien rechnen. Wichtig ist, dass Deutschland sich als postmigrantische Gesellschaft versteht und begreift, dass alle diese Fragen nichts externes sind, sondern auch ein Teil der deutschen Geschichte, der zur politischen Bildung dazugehört.

Der Ursprung des Konflikts mit den Kurden liegt in einem völkischen Nationalismus. Weshalb besteht er bis heute?

Küpeli: Die türkischen Nationalisten wünschen sich als Idealzustand eine einheitliche, homogene türkisch-sunnitische Bevölkerung – die es aber nie gab und nie geben wird. Ein derartiger Zustand ist kaum je zu realisieren. Zwar wechseln im Laufe der Jahre die Akteure und Narrative, aber das völkisch-nationalistische Fundament bleibt im Kern gleich. Daher ändert sich auch politisch so wenig in der Türkei.

Das steht der Zukunftsfähigkeit des Landes im Weg. Die pro-kurdische HDP ist heute die einzige Partei, die an diesem politischen Koordinatensystem wirklich etwas ändern will und deshalb stark unter Druck steht.

Schon früher gab es prokurdische Parteien, die aber verboten wurden. Umfragen in den kurdisch geprägten Landesteilen weisen darauf hin, dass die HDP mehr Stimmen bekommen könnte, wenn es freie und faire Wahlen in einem echten demokratischen System gäbe. Nach dem Bürgerkrieg mit über 40.000 Toten, vor allem unter kurdischen Zivilisten, war Ende der 1990er Jahre allen Akteuren klar, dass so etwas nicht erneut passieren darf und es möglich sein muss, seine Interessen auf ziviler Ebene zu vertreten.

Und die HDP könnte das?

Küpeli: Sie scheint zumindest die beste Option im Rahmen des herrschenden Systems zu sein, um die Interessen von Kurden und anderen Minderheiten zu vertreten, auch weil viele liberale und linke Kräfte aus der Westtürkei die HDP mitgestalten.

Staatliche Repression fördert den Zulauf zur PKK

Trotzdem gibt es nach wie vor radikale Kräfte in der PKK, die weiterhin auf Gewalt setzen...

Küpeli: Es gibt nach wie vor Akteure, die nicht an zivile Lösungen glauben. Das liegt auch an Erfahrungen wie der Rückkehr des Staates zu kriegerischen Mitteln im Jahr 2015. Schon in den 1950er Jahren wurde Versuchen, auf ziviler Ebene für die kurdische Sprache, Literatur und Kultur einzutreten, mit Zensur und Gewalt begegnet. Wenn der Staat so agiert, gewinnen radikale Kräfte in den Augen vieler Menschen an Legitimation, was auch zum Zulauf bei der PKK geführt hat. Umso schwieriger ist es dann für die HDP, jungen Kurden zu erklären, warum der zivile Weg der bessere ist, um irgendwann eine pluralistische Türkei zu erreichen, in der ganz selbstverständlich auch die Kurden eine Stimme haben.

Vor rund zehn Jahren begann ein aussichtsreicher Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK – warum ist er gescheitert?

Küpeli: Ja, in diesen Friedensprozess wurden große Hoffnungen gesetzt. Und die ersten Anzeichen waren keineswegs negativ. Aber der türkische Staat hat versucht, das Grundsatzproblem zu umschiffen – die Aufarbeitung der Geschichte und eine grundsätzliche Neustrukturierung der Türkei. Zwar war die Waffenruhe ein großer Schritt. Zu wirklichen Friedensgesprächen kam es aber gar nicht. Die regierende AKP schreckte davor zurück, sich mit den auf dem Tisch liegenden Fragen ernsthaft zu befassen. Denn das hätte die Republik infrage gestellt.

Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli; Foto: Felix Huesmann-Klein
Ein völkischer Nationalismus befeuert den Konflikt mit den Kurden: "Die türkischen Nationalisten wünschen sich als Idealzustand eine einheitliche, homogene türkisch-sunnitische Bevölkerung – die es aber nie gab und nie geben wird,“ sagt der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli. "Ein derartiger Zustand ist kaum je zu realisieren. Zwar wechseln im Laufe der Jahre die Akteure und Narrative, aber das völkisch-nationalistische Fundament bleibt im Kern gleich. Daher ändert sich auch politisch so wenig in der Türkei. Das steht der Zukunftsfähigkeit des Landes im Weg.“ Eine gesellschaftliche und politische Öffnung der Türkei sei nur möglich, wenn diese komplexe Geschichte aufgearbeitet wird.

Seit mehreren Jahren führt der türkische Staat in Syrien und im Irak Krieg gegen kurdisch geprägte Bewegungen. Mit welchem Ziel?

Küpeli: Der türkische Staat versucht im Nordirak und in Nordsyrien, die Kurden klein zu halten. Damit entfernt sich die Türkei immer weiter von ihren westlichen Verbündeten. In Nordsyrien dauert dieser Konflikt nun schon mehr als acht Jahre. Sei es durch Grenzblockaden oder Militäroffensiven. Man will verhindern, dass sich die Kurden dort organisieren.

"Wer die kurdische Frage oder den Genozid an den Armeniern anspricht, ist sehr allein"

Welche Unterstützung hat dieses Vorgehen in der Türkei?

Küpeli: Bis auf die HDP, die es ablehnt, sind alle wesentlichen Kräfte im türkischen Parlament für dieses Vorgehen. Der AKP ist es immer wieder gelungen, die Opposition in wichtigen politischen Fragen auf ihre Seite zu ziehen. In den kurdischen Regionen ist es gesellschaftsfähig, die HDP zu unterstützen, in der Westtürkei hingegen gilt man in diesem Fall schnell als Verräter. Daher ist es auch so schwer, öffentlich Kritik zu äußern. Es gibt kaum eine große politische Kraft auf die man sich beziehen kann. Selbst Mitte-Links gibt es keine Kraft jenseits der HDP, die gegen den Krieg wäre. Das gilt auch für die Medien. Wer die kurdische Frage oder den Genozid an den Armeniern anspricht, ist sehr allein.

Ist die Idee eines unabhängigen kurdischen Staates heute noch aktuell – und könnte er den Konflikt lösen oder würde ein eigener Staat für die Kurden nur neue Probleme schaffen?

Küpeli: Unter der kurdischen Bevölkerung in der Türkei ist die Idee eines kurdischen Staates nicht mehr mehrheitsfähig. Es geht mehr darum, im Rahmen der Türkei kurdische Rechte und Positionen zu vertreten. Das liegt wohl auch daran, dass man die Probleme der Nationalstaaten in der Region sieht und weiß, dass ein kurdischer Staat ähnliche Probleme hätte. Es gibt aber auch Akteure wie etwa die Kurden im Nordirak, die dieses Fernziel einer staatlicher Anerkennung immer noch haben.

In der EU wurde um die Jahrtausendwende debattiert, inwiefern sich ein föderales System auf die Türkei übertragen ließe und ob man auf diesem Weg die kurdische Frage lösen könnte. Die Kurden setzten damals große Hoffnungen auf den EU-Beitrittsprozess, auch kurdische Autoren haben die Idee des Föderalismus debattiert. Die EU könnte eine derartige Veränderung sicher unterstützen. Aber das ginge nur, wenn es dafür in der Türkei eine politisch relevante Mehrheit gibt. Diese sehe ich aber heute nicht.

Das Interview führte Gerrit Wustmann.

© Qantara.de 2022

Ismail Küpeli, "Die kurdische Frage in der Türkei. Über die gewaltsame Durchsetzung von Nationalstaatlichkeit“, transcript Verlag, 2022

Ismail Küpeli, geb. 1978, forscht zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit sind nationalistische Ideologien und identitäre Tendenzen – sowohl in den Mehrheitsgesellschaften als auch innerhalb der jeweiligen Minderheiten.

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