Der türkische Fotograf Ara Güler

Das Auge des Chronisten

Noch bis zum 15. Januar 2015 ist im Willi-Brandt-Haus in Berlin die Ausstellung "Ara Güler – Fotografien 1950 – 2005" zu sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die türkische Metropole Istanbul, deren Dokumentation sich Güler Zeit seines Lebens verschrieben hat. Von Felix Koltermann

"Für mich haben Retrospektiven eine tiefergehende Bedeutung als normale Ausstellungen, weil sie eine Zusammenfassung des ganzen Lebens eines Menschen bieten und dem Zuschauer erlauben, tiefer einzutauchen. Sie eignen sich dazu, den Künstler insgesamt zu präsentieren. Ob das dann auch befriedigend ist, hängt natürlich vom präsentierten Werk und der Meinung des Besuchers ab, das kann ich nicht beurteilen. Fest steht für mich, dass sie einen größeren Wert als normale Fotoausstellungen haben."

Die Bilder der Berliner Retrospektive zeigen, dass Ara Güler ohne Zweifel als türkischer Großmeister der Schwarz-Weiß-Fotografie bezeichnet werden kann. Ein Großteil seines Lebenswerks hat er mit diesem Medium gearbeitet und dabei sein Handwerk perfektioniert. Trotzdem ist für Güler klar: "Für mich gibt es keine Bevorzugung der Schwarz-Weiß Fotografie."

Vor allem in den wichtigsten Abschnitten seines Berufslebens war dies einfach das Medium der Zeit und spätere Arbeiten zeigen, dass Ara Güler auch die Farbe für sich entdeckte. Deutlichere Vorstellungen hat er hingegen bezüglich seiner Rolle als Fotograf:

"Für mich ist die Fotokamera ein Mittel, das eine visuelle Aufzeichnung ermöglicht. Sie gibt mir die Möglichkeit, eine Geschichte einzufangen, etwas zu verwirklichen und aufzuzeichnen. Es gibt etwas wie eine visuelle Erinnerung, das die Kamera aktiviert. Historiker stützen sich jedoch immer auf das Geschriebene. Aber dem ist nicht so: Die größten historischen Ereignisse wurden von Dokumentarfilmern oder Fotojournalisten festgehalten. Sie sind es, die an die bedeutendsten Orte gegangen sind. Von den im Vietnamkrieg getöteten Reportern waren zum Beispiel die große Mehrheit Fotografen. Reporter sind immer die Bequemeren."

Ausstellungskatalog Fotografien von Ara Güler im Berliner Nicolai-Verlag
Geboren 1928 als Sohn einer armenischen Familie in Istanbul lebt der über 80-jährige Fotograf Ara Güler bis heute in seinem Elternhaus im lebendigen Stadtteil Beyoglu. Die Berliner Ausstellung ist die erste umfangreiche Retrospektive in Deutschland des türkischen Fotografen.

Wichtige Brückenfunktion der Türkei

Ara Güler kam schon in einem frühen Stadium seines Berufslebens mit den großen Namen der Dokumentarfotografie wie Henri Cartier Bresson in Kontakt. Mit knapp 30 Jahren war er Nahostkorrespondent für die Magazine Time und Life und arbeitete für wichtige Publikationen wie Paris Match und den Stern. Für viele Jahre war er Partner der weltbekannten Agentur Magnum, die seine Reportagen, beispielsweise über die historischen Ruinen von Aphrodisias, weltweit vermarktete. Zeit seines Lebens arbeitete er von der Türkei aus. Der Brückenfunktion des Landes zwischen Europa und dem Nahen Osten misst er dabei keinen großen Wert bei:

"Ich begreife mich selbst als Historiker – und somit hat eine solche Unterscheidung für mich nur eine geringe Bedeutung. Grundsätzlich ist ein Ereignis ein Geschehnis, das wir sehen und das ich mit der Kamera festhalte. Ein geschichtliches Ereignis festzuhalten ist Teil meiner Arbeit und die politischen Ereignisse zu verfolgen, ist für meinen Beruf natürlich von großer Bedeutung. Sie sind ein Teil der Realität, der Geschichte und daher muss ich sie verfolgen. Allerdings bin ich in dem Sinne kein Chronist der politischen Ereignisse. Ich bin kein Zeitungsreporter der nur das aktuelle Geschehen beobachtet."

Die Menschen im Fokus

Diese Haltung Gülers findet sich auch in den Bildern der Ausstellung in Berlin wieder. Es ist weniger das journalistische Handwerk, was Gülers Bilder ausmacht, als die Beobachtungsgabe und das feine Gespür für Szenen des Alltags. So stand im Vordergrund seiner Arbeit meist der Mensch: "Ich bin ein Fotograf der Menschen, der menschlichen Ereignisse, dessen was den Menschen ausmacht." 

Besonders deutlich wird dies an Gülers Istanbulbildern, die den Schwerpunkt der Berliner Retrospektive darstellen. Sie füllen das komplette Atrium des Willi-Brandt-Hauses und einen Teil der Galerie. Dem Betrachter erschließt sich damit ein wunderbarer, zum Teil nostalgischer Blick auf die Metropole am Bosporus. Er dokumentierte den Wandel der Stadt, das Leben auf den Straßen und in den Hinterhöfen sowie immer wieder die Beziehung Istanbuls zum Bosporus und zum Meer.

Aber auch andere Werke Gülers werden zumindest im Ansatz vorgestellt, wie seine Reportage über Aphrodisias, seine Reisefotografie aus Indien und Pakistan oder die Porträts von Künstlern, Intellektuellen und Schauspielern, die er in den USA anfertigte. Um das Lebenswerk Gülers zu verstehen, hätte man sich freilich mehr davon gewünscht. Um Istanbul mit dem geschulten Augen des Chronisten Güler zu begegnen ist die Berliner Ausstellung hervorragend geeignet.

Felix Koltermann

© Qantara.de 2014

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Januar im Atrium und in der Galerie des Willi-Brandt-Hauses zu sehen. Sie ist Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet (Eintritt frei; Ausweis erforderlich). Zur Ausstellung ist ein ausführlicher Katalog im Berliner Nicolai-Verlag erschienen (ISBN 978-3-89479-906-9).

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