Der syrisch-philippinische Rapper Nasser Shorbaji

Hip-Hop für Generationen

Seit acht Jahren ist Nasser Shorbaji, aka Chyno, in der libanesischen Hip-Hop-Szene aktiv. Sein Markenzeichen sind Botschaften gegen Krieg und Vertreibung, mit denen er sich vor allem bei jungen Musikern Gehör verschafft – eine Generation, die er besonders fördern will. Mit ihm sprach Tugrul von Mende.

Bevor Sie in der Hip-Hop-Szene aktiv wurden, hatten Sie sich beruflich eigentlich ganz anders orientiert. Wie steht Ihre Familie zu Ihrem künstlerischen Lebenswandel?

Nasser Shorbaji: Ich habe Finanzwirtschaft studiert. Meine Familie hoffte daher auch, dass ich mich für einen entsprechenden Beruf entscheide. Mein Vater und ich reden nicht viel über das, was ich beruflich mache, aber meine Mutter und meine Cousins denken da anders. Das liegt vielleicht daran, dass mein Vater ein Geschäftsmann ist. Er ist nicht wirklich musikalisch, obwohl wir alle Musik lieben. Mein Onkel hatte ein Musikgeschäft in den 1980er Jahren in Damaskus geöffnet, und hat alle möglichen Arten von Musik verkauft – von arabischer Musik bis hin zum US-amerikanischen Hip-Hop, was auch immer damals gerade aktuell war.

Ich bin zum Teil in Damaskus aufgewachsen und habe meinem Onkel früher sehr oft in seinem Laden ausgeholfen. Mein Onkel mochte Hip-Hop sehr. Ich habe damals viele CDs von ihm geschenkt bekommen. Das war noch vor der Zeit des Internets – damals konnte man noch nicht so leicht an jede Musik kommen. Er besaß Platten von Wu-Tang und ähnlichen Künstlern. Diese interessierten mich, weil sie abseits vom Mainstream waren und mich dann später auch beeinflussten.

Quelle: Mideastunes - Fareeq Al Atrash
Seinen musikalischen Anfang nahm Shorbaji mit der Hip-Hop-Formation "Fareeq Al Atrash" vor über zehn Jahren. Shorbaji hat verschiedene Wurzeln, die er mit seiner Musik aufgearbeitet hat. Sein Vater kommt aus Syrien, seine Mutter von den Philippinen. Er selbst ist an mehreren Orten aufgewachsen, doch war die Musik immer ein wichtiger Teil von ihm, wie er sagt.

Bevor wir nach Damaskus gezogen sind, lebte ich in Saudi-Arabien. Dort war es wesentlich schwieriger, an solche Musik heranzukommen. Ich denke, ich fühle mich in gewisser Weise mehr zu der Musik hingezogen als die Jugend heutzutage.

Der Grund ist, dass wir früher anders auf die Suche nach Musik gegangen sind und sie langsam entdeckten. Das eröffnet einen völlig anderen Zugang, eine andere Beziehung zur Musik als dies bei vielen Jugendlichen heute der Fall ist.

Bevor Sie ihre Solo-Karriere starteten, traten Sie zusammen mit der libanesischen Hip-Hop-Formation "Fareeq El Atrash" auf.

Wie war die Reaktion der Bandmitglieder auf Ihr Debütalbum?

Shorbaji: Als 2015 mein erstes Solo-Album (Making Music to Feel At Home) herausgab, hatte ich mir bereits durch zwei Alben mit der Hip-Hop-Gruppe "Fareeq El Atrash" einen Namen gemacht.

Während meiner Zeit mit "Fareeq El Atrash" hatte ich noch eine andere Rolle als die eines Solokünstlers. "Fareeq El Atrash" war eine libanesische Band, und viele der Themen, die wir damals behandelten, waren eher politischer Natur.

Als ich dann mit Making Music to Feel At Home eine ganz andere Richtung einschlug, haben das die anderen nicht verstanden. Mein Stil ist eher düster im Vergleich zu Zeiten von "Fareeq El Atrash".

Manche meiner Freunde fanden mein offizielles Musikvideo O.P.P. sehr seltsam. Sie haben so etwas nicht von mir erwartet und waren sprachlos, als sie es gesehen haben. Doch es bedeutete die Initialzündung für mich, weil ich damit schließlich auf Tour gehen konnte. Und das ist wohl das beste Kompliment, was man kriegen kann.

O.P.P. kam an vielen Orten sehr gut an, auch wenn es manchmal vielleicht nicht von allen hundertprozentig verstanden wurde.

Sie sind auch Mitbegründer der Veranstaltungsreihe "Al-Halba" (Die Arena), wo junge Künstler in Beirut einander gegenüberstehen und ihre Fähigkeiten als Rapper unter Beweis stellen. Inwieweit hat sich die Hip-Hop-Szene im Libanon in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und positiv gewandelt?

Shorbaji: Alle meine Aktivitäten machen mich zu dem, was ich heute bin – und das bringt mir Respekt in der Community ein. Ein Beispiel dafür ist "Al-Halba", aber auch meine letzte Veröffentlichung El Dahleen. Wir Hip-Hop-Musiker inspirieren uns gegenseitig, kreieren viel gemeinsam und halten die Szene dadurch in Schwung.

Heutzutage sind sehr viel mehr Künstler unterwegs und es ist auch viel einfacher, Wissen an andere weiterzugeben. Es ist jetzt beispielsweise möglich, Musik aus dem Schlafzimmer zu produzieren. Ich habe darüber u.a. mit Hani Al Sawah, aka Al Darwish, geredet. Er ist der Meinung, dass wir vor fünf Jahren nicht in diesem Maße geschätzt wurden, wie es heute der Fall ist.

Ich bin 33 Jahre alt, und es gibt heute bereits Rapper in der Szene, die zehn Jahre jünger sind als ich. Es ist sehr wichtig, Informationen und Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben. Wir müssen diese neuen Künstler aufbauen, sie fördern und nicht ausbooten, wenn sie Erfolg haben. Wir haben damals leider keine große Unterstützung von anderen Künstlern der älteren Generation erhalten. Wir wollen das ändern. Es ist daher unsere Pflicht, das, was wir lernen, den jüngeren Musikern zu vermitteln.

Sie rappen oft auf Englisch, weniger auf Arabisch, im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen in der arabischen Hip-Hop-Szene. Warum?

Shorbaji: Ich rappe in beiden Sprachen, jeweils nach einer anderen Methode des Reimens und Suchens nach bestimmten Rhythmen. Mein letztes Musikprojekt, Al Dahleen, war beispielsweise in arabischer Sprache gehalten, weil die Zielgruppe eine arabische Fangruppe war, und die Web-Serie die darauf basiert, ebenfalls auf Arabisch war. Natürlich kann ich auch auf Arabisch schreiben. Es handelt sich aber um eine andere Methode, nach bestimmten Wörtern und Reimen zu suchen.

Ich denke meist in Englisch, aber wenn ich auf Arabisch schreibe, ist es wie ein Gedankenfluss in meinem Gedächtnis. Ich fühle mich in Englisch wohler als in Arabisch, das ist sicher. Es ist für mich natürlich, weil es gleichermaßen meine Sprache ist, die ich spreche, und die ich ausgewählt habe. Wenn ich "freestylen" sollte, dann könnte ich dass eher auf Englisch denn auf Arabisch. Aber ich bin natürlich gleichermaßen in der Lage, auch auf Arabisch zu rappen.

Das Interview führte Tugrul von Mende.

© Qantara.de 2018

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