Ich griff zu Kafka, um zu der Frage vorzudringen, die mich nicht ruhen lässt. Sie wurzelt darin, welche Beziehung die Wörter mit der Stille verbindet: Wie schreiben wir sprechende Wörter? Und wie umfrieden wir unseren Text mit Stille, um zu schreiben? Dies ist das Antonym zur kafkaesken Frage: Wir müssen im Schmerz die Sprache des Schmerzes schreiben und die Albträume der von uns durchlebten Geschichte in eine Metapher verwandeln, die das Leben inmitten des Todes feiert.

Einziger Weg zum Leben und zur Erneuerung

Der Albtraum der Gegenwart hat Vorrang vor dem allegorischen Albtraum. Er entzieht der Allegorie ihre gesamte Bedeutung und lädt uns ein, ihn in der Sprache der Opfer und ihrer Leiden aufzuschreiben. So entsteht ein neuer literarischer Ansatz zur Schaffung von Metaphern aus einer Anhäufung von Geschichten, wodurch die letzteren zu Spiegeln für die Geschichten werden, die ihnen entweder vorausgehen oder nachfolgen.

Hungersnöte und die Katastrophen des letzten Jahrhunderts wurden lediglich als Werkzeug des Vergessens niedergeschrieben, eingehüllt in die Symbole der Erneuerung. Sie aufzuschreiben erzeugte eine Stille, die sich der Wörter bediente, um den Schmerz verbergen zu können. Unsere modernen Katastrophen jedoch sind der Herrschaftsbereich unserer Wörter, die Sinn suchen inmitten des Verstummens von Sprache und der Unfähigkeit zu reden. Durch unsere Geschichten versuchen wir, diese Spannung zwischen Schweigen und Reden in eine Feier des Lebens umzumünzen.

Wie man sieht, ist dies eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Aufgabe. Doch ist das Unmögliche nicht ein Wesensmerkmal von Literatur? Wir wiederholen Wörter, damit diese uns nicht ausgehen, sagen die Alten. Aber ganz gleich, welcher Trick damit verbunden ist, die Wiederholung selbst ist das Tor zum Ende der Wörter und zum Tod. Gleichzeitig weist sie den einzigen Weg zu Leben und Erneuerung.

Wie werden lebende Wörter aus dem Tod geboren?

Dies ist eine Frage, auf die wir keine Antwort haben, die wir aber finden können, wenn wir uns auf eine Reise zu den entlegensten Punkten begeben. Dies ist nicht nur eine Reise zu neuen Orten, sondern zuallererst eine Wiederentdeckung des Orts, an dem wir uns selbst ausgesetzt wiederfanden – und dessen Geschichten wir verzweifelt festhalten.

Wir geben die Antworten nicht: Wir finden sie. Und wenn die Antwort schließlich aufgeschrieben ist, sehen wir, dass sie der Frage gleicht. Denn Schriftsteller, so glaube ich, sind doch nur Leser, die eine Geschichte aufschreiben, die sie in den Augen anderer gelesen haben. Die Augen sind der Raum und die Spiegel des Schreibens. Wir müssen nichts weiter tun, als das Alphabet im Auge zu erkennen, um an das Wesen der Menschlichkeit zu gelangen, das hinter den Scherben der Zeit verborgen ist.

Ich glaube nicht, dass das Schreiben ein Verzweiflungsakt ist. Im Gegenteil: Schreiben liegt jenseits der Verzweiflung, wenn sich eine Pforte zur Dunkelheit öffnet, in die sich Lichtstrahlen mischen. In dieser Dunkelheit erhellt die Tinte unsere Seelen und nimmt uns mit an einen Ort, wo wir zugleich Zeuge und Akteur sind. Wo sich der Blick des Menschen aus dem Zeugenstand auf seine eigene Lage weitet. So verteidigen wir das Recht des Menschen zu leben und zu träumen, den Schleier der Tabus abzulegen und der Tyrannei von Militär und Religion zu widerstehen.

Arabische Schriftsteller haben Recht, die Stellung des Romans in der zeitgenössischen arabischen Kultur zu feiern. Doch sollten wir nicht vergessen, dass diese Stellung Tradition hat und nicht das flüchtige Ergebnis einer Preisverleihung ist. Das ist kein Grund, stolz zu sein. Im Gegenteil. Wir sind aufgerufen, bescheiden zu sein und die Lyrik, Musikalität und das Drama des Romans zu entwickeln und darauf hinzuweisen, dass sich die Genres der Literatur und der Künste über einen kulturellen Querfaden miteinander verflechten, der Tod, Tyrannei und unserem petroleumbefeuerten moralischen Zusammenbruch widerstehen kann.

Elias Khoury

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Elias Khoury zählt zu den namhaftesten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Er war Mitherausgeber zahlreicher politischer Journale und für einige Zeit der künstlerische Leiter des Beiruter Theaters. Heute ist er leitender Literaturredakteur der Beiruter Zeitung "An-Nahar". Zu Khourys Werk zählen das auch auf Deutsch erschienene Buch "Der König der Fremdlinge" sowie "Bab Ashams", sein großer Roman über die Geschichte der Palästinenser, für den er 1998 den Palästina-Preis erhielt.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.