Graffiti on the wall of a Syrian refugee camp: "Don't be realistic: reality is a huge rubbish dump!" (photo: unknown)
Die Wirklichkeit als Müllhalde: "Das letzte Jahrhundert begann mit Kafkas Frage nach der Allegorie, die zum Albtraum wird. Doch welche Frage haben wir heute in der arabischen Welt zu beantworten? Einer Welt, die zu einem Hort des Elends, der Emigration und des Rassismus geworden ist", fragt der libanesische Autor Elias Khoury.

Den Grund für diese Aversion verstand ich erst, als ich erkannte, dass ich nacheinander mehrere Zyklen aufeinanderfolgender Katastrophen durchlebt hatte, die jetzt in der syrischen Katastrophe gipfeln. Einer Katastrophe, die uns zu Nationen von Opfern und Flüchtlingen macht.

Wollte ich diese Aversion analysieren, würde ich auf ein verbales Minenfeld gelangen, denn es wäre falsch, das Wort Aversion im Zusammenhang mit einer Beschreibung der Texte Kafkas zu verwenden. Er gilt zu recht als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Moderne. Dies nicht zuletzt dank seiner Fähigkeit, Allegorie und Metapher entweder als Alternative zur Wirklichkeit oder als eine von mehreren möglichen Wirklichkeiten auszuschöpfen.

Wörter treiben in Zeitlosigkeit

Durch Allegorie schuf Kafka eine geschlossene Welt. In "Die Verwandlung" und "Der Prozess" wandelt sich die Wirklichkeit zu einer Reihe von Möglichkeiten, die uns zurückholen in eine Fabelwelt. Die Wörter treiben in Zeitlosigkeit, wodurch der Autor seine Metaphern und Allegorien aus einer neurotischen Illusion schöpfen kann, die auf den unsichtbaren Fundamenten der Angst gründet. Kafkas Literatur ist ein schockierender Hinweis auf die Erniedrigung des Menschen und die Zerstörung der menschlichen Würde in einem Staat, in dem der Terror die einzige Perspektive darstellt.

Als ich Kafka erneut las, sagte ich mir, dass diese kafkaeske Sichtweise uns als Erben der geschundenen Geschichte einen Weg zum Verständnis unserer eigenen Wirklichkeit eröffnen könnte. Doch ich stürzte kopfüber in eine Wirklichkeit, in der Grenzen aufgehoben sind, die einst Menschen von Bestien trennten. Die Despoten, die Faschisten und die Zionisten treten den Beweis an, dass das Verbrechen in seinem Ausmaß unsere Vorstellungskraft sprengen kann. Sie machen klar, dass ihr eigener Wahnsinn weit über den in der Literatur beschriebenen hinausgeht. So wird der Albtraum selbst zur Realität – und nicht dessen literarische Allegorien.

Kafka machte die albtraumhafte Allegorie zu einer der Möglichkeiten der Gegenwart. Doch wir durchleben einen Albtraum, der in seinem Horror jede symbolische Form übertrifft.

Kafka war der "Prophet" des Holocaust und der Bote des Gulag. Doch was wird aus einer Prophezeiung, die bei ihrem Eintreten alle Vorstellungen übertrifft? Das letzte Jahrhundert begann mit Kafkas Frage nach der Allegorie, die zum Albtraum wird. Doch welche Frage haben wir heute in der arabischen Welt zu beantworten? Einer Welt, die zu einem Hort des Elends, der Emigration und des Rassismus geworden ist.

Ich möchte kein Theoretiker des Verderbens sein. Theoretisieren ist mein Geschäft nicht. Wir Schriftsteller befinden uns inmitten dieses chaotischen Blutvergießens und Horrors. Jeder von uns sucht nach der Sprache, in der wir uns und unsere eigene Sicht auf die Auslegung unserer Zeit am besten ausdrücken können.

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