Der Sufismus ist der Hauptfeind des islamischen Fanatismus. Der Kampf gegen die "Andersgläubigen" wird nicht annähernd so brutal, so eliminatorisch geführt wie der Krieg gegen die inneren Feinde. Seit Jahren vergeht kaum eine Woche ohne einen Anschlag auf ein sufistisches Grabmal oder Fest, einen Mord an einer herausragenden Persönlichkeit. Die Zerstörung der gewaltigen Buddha-Statue in Bamian oder der antiken Ruinen in Palmyra erhalten bei uns erheblich mehr mediale Aufmerksamkeit als die regelmäßigen Verwüstungen von Sufi-Heiligtümern.

In Tripolis etwa wurde der Schrein der hochverehrten Al Shaab al Dahmani von Extremisten dem Erdboden gleichgemacht. In Pakistan tötete eine Bombe am Sakhi-Sarkar-Schrein 41 Pilger. Die sudanesische Regierung mordet in Darfur nicht nur Christen und Animisten, sondern auch die dunkelhäutigen Sufis. Selbstmordattacken im Irak richten sich oft gegen Sufi-Zentren. Iran verhaftet regelmäßig Mystiker des Gonabadi-Nimatullahi-Ordens, weil diese unverblümt die Theokratie kritisieren.

Und erst vor wenigen Wochen wurde einer der herausragenden Musiker Pakistans, Amjad Sabri, Spross einer legendären Musikerfamilie, in Karachi in seinem Wagen von einem Motorradfahrer erschossen. Die Koalition aus Dschihadisten und ultrakonservativem Ulema führt in Pakistan einen Vernichtungsfeldzug gegen populäre Kultur, die im Wesentlichen sufistisch geprägt ist: Anschläge auf Theater, Film- und Musikläden, Attentate gegen Künstler, vor allem Musiker. Mit jedem Anschlag, so der Menschenrechtsaktivist Ali Dayan Hasan, verwandele sich Pakistan in eine wahhabisch-salafistische Ödnis.

Amjad Sabri während eines Konzerts in Ungarn; Foto: Daniel Zafir
Sufis im Visier der Extremisten: Pakistanische Taliban hatten Ende Juni Amjad Sabri, einen der bekanntesten Sufi-Musiker des Landes, gezielt getötet. Der Künstler war berühmt für seine Qawwali-Gesänge. Qawwalis werden oft an Sufi-Schreinen gesungen. Gläubige tanzen sich zu ihnen in Trance. Sufi-Schreine werden regelmäßig von pakistanischen Taliban angegriffen, die meinen, dass Musik und Tanz beim Gebet unislamisch sind.

Natürliche Verbündete freiheitlichen Denkens

Der demagogische Begriff vom "Kampf der Kulturen" hat zu einem Missverständnis geführt. In Wirklichkeit erleben wir einen "Krieg gegen die Kulturen", denn Wahhabismus, Salafismus, Terrorismus sind gänzlich kulturfeindlich. Ganze Kunstgattungen sind Sünde: Musik, Tanz und weltliche Poesie gelten als haram (verboten), gegenständliche Skulpturen und Bilder als shirk (Götzendienst).

Nichts hat den existentiellen Konflikt zwischen Salafismus und Sufismus klarer vor Augen geführt als die Eroberung Timbuktus im Jahr 2012 durch Kämpfer aus Libyen. In Timbuktu, einem Ort vieler Verschmelzungen und Vermischungen, zerstörten sie im Laufe einer mehrere Monate währenden Schreckensherrschaft viele der Kulturstätten, terrorisierten die Bevölkerung.

Eines frühen Morgens klingelte mein Telefon, und ich vernahm hinter lautem Rauschen eine männliche Stimme, die auf Französisch sagte: "Wir sind frei!" Der Anrufer war Suleiman, mit dem ich mich im Jahr zuvor angefreundet hatte. Er weigerte sich, die Terroristen "islamisch" zu nennen. Sie hatten nichts mit seiner Weltsicht und Prägung gemein. Wer die altehrwürdigen Familien in Timbuktu kennengelernt hat, die seit Generationen die Bibliotheken der Stadt hüten, wer Bildung und Kunst und Poesie wertschätzt, der weiß, dass diese Menschen natürliche Verbündete eines pluralistischen, freiheitlichen Denkens sind.

In Saudi-Arabien würde diese Kunst vernichtet

Die Schlüsse, die wir daraus ziehen müssten, liegen auf der Hand. Mit allen Kräften sollte der Westen die noch vielerorts lebhaften Sufi-Traditionen unterstützen und fördern. Die Realität: Es gibt keinen einzigen Lehrstuhl für Sufismus, kein staatliches Institut, keine am Sufismus orientierte Ausbildung von Lehrern und Ulema.

Offizieller ökumenischer Dialog grenzt den Sufismus meist aus, wie das Beispiel des "König-Abdullah-Zentrums für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog" in Wien zeigt, ein Projekt des saudischen Könighauses. Gerade bei institutionellen Interaktionen wird den Exporteuren von Fanatismus die Bettelhand hingestreckt. Seit 1986 etwa haben die ehrenwerte University of Oxford und das Oxford Centre for Islamic Studies 105 Millionen Pfund Förderung aus dem Ausland erhalten, überwiegend von der saudischen Königsfamilie, aber auch von der Bin-Laden-Dynastie. Ein Lehrstuhl für Islamische Studien wird vom Emirat Qatar finanziert.

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Leserkommentare zum Artikel: Der größte Feind des islamischen Extremismus

Sosehr mir Sufis sympathisch sind (in der Regel), sosehr lehne ich das Strategiedenken des Herrn Trojanow ab.
Unterstützung der Sufi-Orden aus dem Westen?
Da macht der Aufsatz des Herrn Weidner wahrlich mehr Sinn.

Dass diese Orden jedoch ein Bollwerk gegen den Salafismus darstellen, ist unbestreitbar.
Muslimische Staatsmänner, die auf Ausgleich bedacht sind, wie zum Beispiel der marokkanische König Mohammed VI, wissen das. Die Zaouiat (Tijania, Boutchichia) genießen in Marokko hohes Ansehen, und werden auch zunehmend offiziell in Wert gesetzt.

Ein deutscher Schriftsteller oder ein deutscher Musiker mögen sich mit einem Schriftsteller oder Musiker aus dem islamischen Kulturkreis, der einem Sufi-Orden angehört, aufs Beste verstehen. Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass die Sufi-Orden vom Westen unterstützt werden müssten. Das würde bedeuten, die Möglichkeiten und die Auswirkungen westlicher Einflussnahme verkennen. Denn wie soll denn unterstützt werden? Mit Geld wohl. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Sufi-Orden derselbe bleibt, wenn er aus strategischen Gründen mit Geld aus dem Westen unterstützt wird.
Ich erkenne da Kulturchauvinismus im sozialromantischen Gewand, gepaart mit unrealistischem westlichen Macher-Wahn.

Trotzdem ist dieser Artikel zu schätzen, da er in einer islamfeindlichen Atmosphäre andere Aspekte des Islam aufzeigt und somit zu einer umfassenderen Betrachtung beiträgt.

benita schneider27.08.2016 | 00:23 Uhr

Trojanow verdient allen Respekt. Aber er verkennt Wichtiges. Der Westen ist genauso unversöhnlich wie die Wahhabi, viele von ihnen haben in den USA studiert. Aber, der Traum wäre schon schön. Nur sind Sufi von natur aus arm.

MAHABODHI 04.09.2016 | 22:54 Uhr