Der Schriftsteller Ilija Trojanow über den Sufismus

Der größte Feind des islamischen Extremismus

Undogmatisch, friedfertig, künstlerisch: Der Sufismus ist ein Gegenmittel zu Gewalt und Engstirnigkeit der Orthodoxie. Warum der Westen die noch vielerorts lebhaften Traditionen unterstützen und fördern sollte. Von Ilija Trojanow

In der schönen Moschee Shah-i-Hamadan von Srinagar im Kaschmir erklang der Gebetsaufruf. Wir wollten uns gerade zurückziehen, als uns ein älterer Mann zum Bleiben aufforderte. Wir könnten uns in einem hinteren Teil des Raums hinsetzen und so beten, wie es uns gefiel. Er vermutete in mir einen Christen, in meinem Begleiter, dem indischen Dichter Ranjit Hoskote, einen Hindu.

Im Schneidersitz meditierte ein jeder von uns nach eigener Fasson, während vor uns die Wogen der Gläubigen den Tiden des Nachmittagsgebets folgten. Gewiss, eine solche Einladung ist nicht die Norm und auch nicht die Regel - diese lautet eher: Zugang nur für Muslime und Männer -, aber sie ist auch keine seltene Ausnahme, sondern Ausdruck einer vielfältigen Tradition in der islamischen Welt, die unter dem Begriff "Sufismus" so mühsam unterzubringen ist wie struppiges Haar unter einer Gebetskappe.

Wer in islamischen Ländern reist, wird von ähnlichen Erfahrungen berichten können, von durch gemeinsame ästhetische und spirituelle Erfahrungen geprägte Begegnungen: Sei es in Omdurman, jenseits des Nils von Khartum, nach dem Freitagsgebet oder während Mawlid, dem Geburtstag Mohammeds, auf den Straßen von Alt-Sansibar, beim Qawwali-Gesang an den Grabstätten von Sufi-Heiligen in Indien und Pakistan oder aber in Timbuktu, beim Dhikr, jener meditativen, bis zur Ekstase gesteigerten Rhythmisierung gewisser Glaubenssätze. Und wer die Moscheen und Medressen besucht, die Dichter und Denker zu Rate zieht, seine Ohren der Gnawa- und Ghazal-Musik öffnet, der wird Schwierigkeiten haben, die hässliche Fratze des islamischen Fanatismus mit diesem Reichtum in Einklang zu bringen.

Eine gefährliche Behauptung

Zumal der Sufismus nicht nur die großen kulturellen Leistungen der islamischen Geschichte hervorgebracht hat, sondern als antidogmatische, individuelle Sinnsuche immer wieder Friedfertigkeit verkündet sowie praktiziert. In den Worten von Rahman Baba, der "Nachtigall" von Peshawar: "Ich bin ein Liebender, und handle in Liebe. Sät Blumen / damit aus euren Höfen Gärten werden. / Sät Dornen nicht, sie werden eure Füße stechen. / Wir sind alle ein Körper / wer anderen Schmerz zufügt, verletzt sich selbst."

Betender Sufi in Afghanistan; Foto: AFP/Getty Images/S. Marai
"Die Sufis sind die wichtigsten Gegner der Fundamentalisten. Wo sich ihr Einfluss hält, wird der Extremismus in Schach gehalten. Wenn aber Salafisten an die Macht gelangen, müssen Sufis um ihr Überleben kämpfen", so Trojanow.

Die sufistischen Meister haben bei aller pluralistischen Differenz stets betont, dass Wissen sich ewig verändert und wandelt und die wahre Natur der Realität hinter dem Sichtbaren zu suchen ist, hinter den herrschenden Annahmen, Urteilen und Regeln. Eine unideologischere Haltung kann man sich kaum vorstellen. Passend dazu die intellektuelle Waffe des Humors, anhand der Lehrgeschichten des Schelms Nasreddin Hodscha etwa, der eines Tages gefragt wurde, wie sein religiöses Dogma laute. "Das hängt davon ab", antwortete er, "welche Häretiker gerade an der Macht sind."

Nun müsste man annehmen, dass wir als Gegenmittel zur Gewalt und Engstirnigkeit orthodoxer Strömungen stärker an sufistische Traditionen anknüpfen könnten. Weit gefehlt. In diesen aufgeheizten Zeiten soll es auch dem Sufismus an den unaufgeklärten Kragen gehen. "Falsche Fluchten", titelte die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich und postulierte: "Der Sufismus, die islamische Mystik, gilt im Westen als der liberale, der friedliche, der kulturell anschlussfähige Islam. Was für ein Missverständnis." Abgesehen vom technokratischen Unwort "anschlussfähig", ist diese Behauptung nicht nur falsch, sie ist angesichts der gegenwärtigen Situation gefährlich.

Ein Rundumschlag gegen den Sufismus

Autor des Artikels war Stefan Weidner, ein angesehener Übersetzer aus dem Arabischen, unter anderem so bedeutender Lyriker wie Adonis und Mahmud Darwisch, kraft seiner Tätigkeit also ein Vermittler. Umso verstörender, dass er die Zeit für gekommen hält, die Brückenbauer zwischen dem Westen und dem Sufismus, von Goethe bis zur Gegenwart, einer naiven einseitigen Wahrnehmung zu bezichtigen und indirekt zu diskreditieren.

Der Sufismus sei weder weltabgewandt noch machtscheu, erklärt Weidner anhand einiger historischer Beispiele, die Heiligenverehrung müsse "jedem aufgeklärten Menschen als Aberglauben gelten". Wer sich mit dem Sufismus beschäftige, so schließt sein Rundumschlag, müsse sich die Frage gefallen lassen: "Findet hier noch ein echter Dialog mit der mystischen Tradition statt, oder dient diese nur dazu, den eigenen labilen Seelenhaushalt auszuschmücken oder auch zu stabilisieren, ohne ansonsten ernsthafte Konsequenzen für Lebensführung und Weltsicht zu zeitigen?"

Ein Vernichtungsfeldzug gegen populäre Kultur

Sympathie mit dem Sufismus? Höchstens als dubiose therapeutische Maßnahme. Das könnte als feuilletonistische Geplänkel abgetan werden, wären davon nicht zentrale Fragen des Widerstands gegen Terrorismus und Fanatismus betroffen. Als psychisch durchaus stabiler, namentlich erwähnter Brückenbauer stellt sich für mich eher die Frage, wie es angesichts der grassierenden Ratlosigkeit um den Seelenhaushalt des Westens bestellt ist. Denn gerade die Unterstützung des Sufismus wäre ein sinnvoller, konkreter Lösungsansatz, im Gegensatz zum Poltern der sogenannten Islamkritiker, die in selbstgefällig antagonistischer Sprache die Wehrhaftigkeit des Abendlands einfordern, ohne praktische Vorschläge zu offerieren.

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Leserkommentare zum Artikel: Der größte Feind des islamischen Extremismus

Sosehr mir Sufis sympathisch sind (in der Regel), sosehr lehne ich das Strategiedenken des Herrn Trojanow ab.
Unterstützung der Sufi-Orden aus dem Westen?
Da macht der Aufsatz des Herrn Weidner wahrlich mehr Sinn.

Dass diese Orden jedoch ein Bollwerk gegen den Salafismus darstellen, ist unbestreitbar.
Muslimische Staatsmänner, die auf Ausgleich bedacht sind, wie zum Beispiel der marokkanische König Mohammed VI, wissen das. Die Zaouiat (Tijania, Boutchichia) genießen in Marokko hohes Ansehen, und werden auch zunehmend offiziell in Wert gesetzt.

Ein deutscher Schriftsteller oder ein deutscher Musiker mögen sich mit einem Schriftsteller oder Musiker aus dem islamischen Kulturkreis, der einem Sufi-Orden angehört, aufs Beste verstehen. Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass die Sufi-Orden vom Westen unterstützt werden müssten. Das würde bedeuten, die Möglichkeiten und die Auswirkungen westlicher Einflussnahme verkennen. Denn wie soll denn unterstützt werden? Mit Geld wohl. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Sufi-Orden derselbe bleibt, wenn er aus strategischen Gründen mit Geld aus dem Westen unterstützt wird.
Ich erkenne da Kulturchauvinismus im sozialromantischen Gewand, gepaart mit unrealistischem westlichen Macher-Wahn.

Trotzdem ist dieser Artikel zu schätzen, da er in einer islamfeindlichen Atmosphäre andere Aspekte des Islam aufzeigt und somit zu einer umfassenderen Betrachtung beiträgt.

benita schneider27.08.2016 | 00:23 Uhr

Trojanow verdient allen Respekt. Aber er verkennt Wichtiges. Der Westen ist genauso unversöhnlich wie die Wahhabi, viele von ihnen haben in den USA studiert. Aber, der Traum wäre schon schön. Nur sind Sufi von natur aus arm.

MAHABODHI 04.09.2016 | 22:54 Uhr