Der neue Roman "Der letzte Ort" von Sherko Fatah

Ein Buch der Missverständnisse zwischen den Kulturen

Wie schon "Das dunkle Schiff" so ist auch Sherko Fatahs neues Buch von erschreckender Aktualität: Einer der Roman-Protagonisten, der Entführer Abdul, steht für all jene radikale Islamisten, die einem einstigen Mesopotamien nachtrauern und ein fundamentalistisches Weltbild verfolgen. Claudia Kramatschek hat sich mit Fatah unterhalten.

Herr Fatah, was fasziniert Sie als Schriftsteller an der Betrachtung bzw. Darstellung von Grenzen?

Sherko Fatah: Zunächst mal das Wesen der Grenze selbst. Grenzgebiete sind in meiner Erfahrung immer wild und unkontrolliert. In Kurdistan, in dem Teil des jetzt zerfallenden Irak, der Gegenstand meines ersten Romans und auch der weiteren Romane war, zeigte sich das ganz besonders. Zudem sind diese Grenzen historisch vollkommen willkürlich gezogen worden. Das heißt, es haben sich dort Bruchkanten ergeben, die nur mit Gewalt daran gehindert wurden, auseinander zu driften. Jetzt erleben wir ja, dass dieses Auseinanderdriften stattfindet.

Ihre Figuren sind oftmals Täter und Opfer in einem und unterlaufen somit die Gewissheiten der Leser. In Ihrem aktuellen Roman "Der letzte Ort" loten Sie eine weitere Grenze aus: die unseres kulturellen Verständnisses für den sogenannten Anderen.

Fatah: Das ergibt sich ja schon aus der Anlage: Ein Deutscher wird zusammen mit seinem einheimischen Übersetzer entführt, und die beiden müssen nun zwangsläufig eine Notgemeinschaft bilden. Aber natürlich bricht dabei dann auch die ganze Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere auf – ihre ganze unterschiedliche Herkunft, ihre Prägung. Und obwohl sie beide durchaus in der Lage sind, zu reden, wird doch deutlich, dass das seine Grenzen hat, das gegenseitige Verständnis, und dass am Ende sogar so etwas wie eine Art Entsolidarisierung untereinander stattfindet.

Wir sehen Albert durch Osamas Augen; Osama, den Iraki, durch Alberts Augen. Albert scheint dabei wie die Verkörperung eines Westlers, der mit gefährlicher Naivität den "Orient" idealisiert. Trifft dieser Eindruck zu?

Buchcover "Der letzte Ort" von Sherko Fatah im Verlag Luchterhand
Sherko Fatahs Roman "Der letzte Ort" erzählt die Geschichte zweier Männer: dem deutsch-kurdischen Albert und seinem irakischen Übersetzer Osama, die beide Opfer einer Entführung im Irak werden und durch dieses Ereignis an die Grenzen ihrer eigenen Toleranz gegenüber dem Anderen gebracht werden.

Fatah: Ich glaube, was noch stärker für Albert zutrifft, ist seine Besserwisserei in ideologischen Dingen. Er geht mit einem Handgepäck auf die Reise, er folgt den Spuren seines übermächtigen Vaters, ist aber dann doch nicht wirklich in der Lage, das Andere wahrzunehmen, weil er mit den späten Ideen des Sozialismus voll gestopft wurde, die ja doch auch fragwürdig unterfüttert sind. Sein Vater hatte eine schöne Weltsicht, die makellos war. Für Albert funktioniert sie aber nicht mehr. Und doch findet er keine Alternative. Und so ist auch seine Suche nach der Wahrheit oder nach der Wirklichkeit letztendlich ganz selbstbezogen. Das hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Das wollte ich zeigen.

Ist "Der letzte Ort" also in punkto kultureller Verständigung als ein pessimistischer Roman zu verstehen?

Fatah: Es gibt diese eine kleine Szene mit dem sprachlosen Jungen, mit dem er sich nicht unterhalten kann. Die Rettung war nah. Aber Albert ist nicht in der Lage zu verstehen, was dieser Junge von ihm will. Wäre er ihm nur gefolgt – und das fällt eben schwer in der Fremde – dann wäre er überrascht gewesen. So nimmt er sein Vorurteil mit, einfach nur, weil er mit dem Jungen nicht sprechen konnte. Das ist das Muster, nach dem dieses Buch funktioniert: ein Buch der Missverständnisse zwischen den  Kulturen.

Der Roman springt nicht nur zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, sondern auch zwischen dem Irak und der untergegangenen DDR. Ziehen Sie eine Art Parallele zwischen den mentalen Trümmern, die sowohl der Zusammenbruch der DDR als auch der des Iraks hinterlassen hat?

Fatah: Ja, mit allen Unterschieden natürlich. Ich glaube aber, dass die grundsätzlichen Mechanismen immer gleich sind. Der Zerfall von Gesellschaften bedeutet viel mehr als nur den Verlust eines Weltbildes. Er bedeutet den Verlust von Privilegien, von Positionen, von Sicherheit. Was mich interessierte, war dieses sich Bewegen zwischen den Denksystemen – was für Albert eine schmerzliche Erfahrung ist. Er sehnt sich ja im Grunde die ganze Zeit nach der Sicherheit, die sein Vater einst hatte. Das kann Osama schwer nachvollziehen – weil er diese Sicherheit nicht kennt. Für ihn ist das ein Realitätsverlust. Ich fand es daher sehr treffend, diese beiden Charaktere miteinander in einen Raum zu setzen.

Wie schon "Das dunkle Schiff" so ist auch Ihr neuer Roman von erschreckender Aktualität: Abdul, einer der Entführer, steht für all jene Islamisten, die einem einstigen Mesopotamien nachtrauern und ein Weltbild verfolgen, das nur Feind oder Freund kennt. Haben Sie mit der aktuellen Entwicklung im Irak gerechnet?

Aufmarsch von IS-Kämpfer im Irak; Foto: picture-alliance/abaca
Sherko Fatah. "Das ganze Projekt dieser ISIS-Islamisten ist doch letztlich komplexer als viele im Westen es wahr haben wollen. Es wird reduziert auf die Religion. Es ist aber durchaus auch ein sozialrevolutionäres Projekt und auch eine fundamentale Opposition gegen den Westen."

Fatah: Es hätte sich ja auch herausstellen können, dass Jahre eines seltsamen Friedens folgen, ein Frieden, der zwar bedroht, aber doch irgendwie stabil ist. Ich war mir aber sicher und beschreibe deshalb im Buch die Vorgeschichte dieser ISIS-Bewegung. Denn das sind sie: Alberts Entführer am Ende sind die Vorläufer dieser Bewegung. Aus Al-Qaida im Irak ist diese ISIS entstanden, jedenfalls was den Irak betrifft. Das habe ich ganz bewusst getan – weil ich wusste, dass sie letztendlich an den alten Grenzen rütteln werden, die den Nahen Osten in der Form, wie wir ihn kennen, überhaupt erst geschaffen haben.

Das ganze Projekt dieser Islamisten ist doch letztlich komplexer als viele im Westen es wahr haben wollen. Es wird reduziert auf die Religion. Es ist aber durchaus auch ein sozialrevolutionäres Projekt und auch eine fundamentale Opposition gegen den Westen – so tief gegründet und so sehr profitierend von all den "failed states" sowie all den unkontrollierbaren Bereichen an der Peripherien dieses Weltsystems, dass es wahrscheinlich eines der bestimmenden Themen der nächsten Jahrzehnte sein wird.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?

Fatah: Augenblicklich sieht es nach dem Zerfall des Landes aus. Ich könnte nicht sagen, was gut und was schlecht daran ist. Unruhe, wie wir alle wissen, hat es im Irak ohnehin stets gegeben. Warum muss man an den Grenzen von vor hundert Jahren festhalten? Das wäre die Frage, die die Kurden jetzt aktuell stellen könnten. Sie sind jetzt in der Lage, ihren eigenen Staat auszurufen. Ich glaube aber, dass die Nachbarschaft, die sie zu diesen Ultra-Islamisten aufbauen, nicht friedlich sein kann.

Das Interview führte Claudia Kramatschek.

© Qantara.de 2014

Sherko Fatah: "Der letzte Ort", erschienen im Luchterhand Literaturhaus 2014, 288 Seiten, ISBN: 978-3-630-87417-3

Der Schriftsteller Sherko Fatah ist der Sohn eines Kurden aus dem irakischen Kurdistan und einer deutschen Mutter. Er verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in der DDR. Heute lebt er in Berlin, wo er als freier Schriftsteller lebt. Sein letztes Buch "Ein weißes Land" erschien 2011 im Luchterhand Literaturverlag.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantatra.de

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