Der kurdische Filmemacher Ali Kemal Çınar

Mit Trotz und Eigensinn

Es war eine kleine Sensation, als der kurdische Filmemacher Ali Kemal Çınar aus Diyarbakır mit seiner Zero-Budget-Produktion "Veşartî (Hidden)" 2016 den Nachwuchs-Preis des "!F Festivals für unabhängigen Film in Istanbul" gewann. Mit seinen ebenso experimentellen wie absurd-komischen Filmen steht Çınar für eine Öffnung des kurdischen Films. Von Sonja Galler

Der kurdische Film habe sich in der Türkei nur selten aus dem politischen Korsett befreien können, meint Kemal Yıldızhan, der in der "İsmail Beşikci Stiftung Diyarbakır" eine wöchentliche kurdische Filmreihe organisiert: Kurdische Geschichten seien bislang vor allem im "Narrativ der 'kurdischen Problematik'" erzählt und wahrgenommen worden. Wenn in einem Film Kurdisch gesprochen wird, gälte das für viele immer noch als politischer Slogan – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es bis zu Beginn der 2000er Jahre kaum möglich war.

"Zu lange wurde die Stimme der kurdischen Gesellschaft in der Türkei zum Schweigen gebracht. Erst wenn wir alles hinausgeschrien haben, wird sich der Film allen Aspekten des Lebens zuwenden können", meint Yıldızhan, der in dem von geographischen Brüchen und vielfältigen sprachlichen und ethnischen Einflüssen gekennzeichneten Charakter der kurdischen Gesellschaft ein Potential für Filmstoffe sieht.

Ein Cineast aus Diyarbakır

Einer, der einen ganz eigenen Weg gefunden hat, ist der 1976 in Diyarbakır geborene Filmemacher Ali Kemal Çınar. Er ist ein leidenschaftlicher Cineast, der in einem Filmclub mit Gleichgesinnten Filme aus aller Welt debattiert. Ein transnationaler Raum mitten in Südostanatolien – auch das eine der vielen Lebenswirklichkeiten, über die es Artikel zu schreiben oder eben Filme zu drehen gäbe.

Çınar hat die begrenzten ökonomischen Möglichkeiten eines kurdischen Filmregisseurs für sich inpersönliche Freiheit umgedeutet: "Jederzeit drehen zu können, empfinde ich als Luxus. Wenn wir von Professionalität sprechen, meinen wir immer noch ein bestimmtes Budget und eine bestimmte Machart. Diese Auffassung hinter mir zu lassen, war ein langer Weg. Meine Filme kann man als mit Starrsinn und Trotz entwickelte Arbeiten im Filmsektor bezeichnen."

Anderthalb Jahre hat Çınar ohne festes Szenario, mit Freunden und Familie als Darstellern an seinem ersten Spielfilm gearbeitet: In "Kurte Fılm" (Short Movie) treffen wir auf den erfolg- und mittellosen Kurzfilmregisseur Ali Kemal (vom Regisseur selbst dargestellt), der nicht nur mit einer verständnislosen Familie, sondern auch mit einer Hämorrhoidenerkrankung zu kämpfen hat.

Darf man sich, wenn überall politische Kämpfe aufflammen, mit den vergleichbar kleinen Sorgen eines Filmemachers aus Diyarbakır befassen? – Fragen, wie diese hat sich Çınar nicht selten anhören müssen: "In kritischen Zeiten haben Kurden nicht nur Filme gedreht, sondern auch Romane und Liebeslieder geschrieben. Doch gegenüber dem Film hat man scheinbar eine andere Erwartungshaltung. Ich empfinde das als Handicap. Zumal nicht wenige Filme mit politischen Themen einen dem System dienenden Charakter haben."

Das Individuum im Fokus

Doch auch in Çınars Filmen gibt es einen spürbaren Bezug zu seiner Lebenswelt, die eben eine der widersprüchlichen Gleichzeitigkeit ist: Die Figuren wechseln zwischen Türkisch und Kurdisch hin und her, ohne dass es zum Thema gemacht würde. Auch die Stadt Diyarbakır, mit ihrem nächtlichen Klangkonzert aus Düsenjägern und lärmenden Zikaden, mit ihren endlosen Hochhaussiedlungen ist akustisch, visuell sehr präsent.

"Es ging mir weniger darum, eine sozial realistische Welt zu erschaffen, als die Einsamkeit einer Person zu zeigen, die eine individuelle und existentielle Entscheidung getroffen hat, mit deren Folgen sie nun leben muss", meint Çınar.

Die Einsamkeit des Individuums auf seiner Suche nach Lebens- und Erzählformen ist einMoment, das auch für den zweiten Film "Veşartî" (Hidden) eine Rolle spielt, mit dem Çınar den Nachwuchspreis des diesjährigen "!F Istanbul Independent Film Festival" gewonnen hat: Diesmal steht der Einzelhändler Ali Kemal (erneut der Regisseur) im Zentrum. Verlobt ist er seit fünf Jahren mit Berfin, die mit ihrer Jungfräulichkeit hadert, ohne sie aufgeben zu können. Da erscheint plötzlich eine unbekannte Frau in Ali Kemals Laden, um ihm zu verkünden, dass er in Kürze in eine Frau verwandelt würde.

Teil einer "hidden society"

Auf den Zweifel folgt ein Prozess, in dem die geordnete Welt des Mannes ins Wanken gerät: Der Film nutzt die bevorstehende Verwandlung als ein Prisma, um über Geschlechterrollen, Jungfräulichkeit, das Verhältnis von Seele und Körper nachzudenken: Was würde es für mich als Individuum, für uns als Paar, unsere Liebe, aber auch die Familie, die Gesellschaft bedeuten, wenn ich ab morgen eine Frau/ein Mann wäre? Die Angst vor der Grenzüberschreitung kennen sowohl Berfin als auch Ali Kemal, das Gefühl einer durch Sprech- und Schweigeordnungen geregelten Gesellschaft, einer hidden society, anzugehören.

Dies ist die Qualität von Çınars Filmen: Suchende Fragen wie Hebel an virulente soziale Phänomene anzusetzen, ohne sie mit der bleiernen Schwere einer These (er)klären zu wollen.

Zugleich ist "Veşarti" ein eigenwilliges stilistisches Experiment: Man sieht die Figuren nicht sprechen, stets wird die Kamera auf das Gesicht des Zuhörenden gerichtet. "Ich fand es interessant herauszufinden, was passiert, wenn man den Film stärker auf die Stimme lenkt", meint Çınar und nennt die kurdische Bardenkunst (auf Kurdisch: Dengbêj), in der eine ganze Welt aus seiner einzigen Erzählerstimme entsteht, als Inspirationsquelle.

Auch Misstrauen gegenüber dem Bild habe bei der stilistischen Entscheidung mitgespielt: "Die Übermacht des Bildes stört mich sehr – als ob es ohne Bilder keine Geschichte, keine Glaubwürdigkeit gäbe."

Sonja Galler

© Qantara.de 2016

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