Was ist mit der nächsten Generation? Die Scharfschützen an der Grenze zu Gaza - an der in den letzten Wochen mehr als 130 Palästinenser erschossen wurden - sind ungefähr in dem Alter, in dem sie damals waren, als sie in den Libanon geschickt wurden.

Maoz: Die Soldaten selbst sind in gewisser Hinsicht selbst Opfer. Das sind Kinder. In der Armee kriegen sie eine Gehirnwäsche. Ich verurteile nie die Soldaten selbst. Sie sind nur diejenigen, die das alles ausführen. Es ist einfach, einem Kind eine Waffe zu geben. Aber es ist nicht der Mörder, du bist es. Diese Kinder werden auch noch leiden. Vielleicht nicht heute, aber in zehn Jahren. Dann werden sie verstehen, was sie getan haben. Unsere Gesellschaft produziert eine traumatisierte Generation nach der nächsten.

Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Maoz: Die Aussage des Films ist vielleicht, dass man seinem Schicksal nicht entkommen kann. Aber nicht, weil es eine göttliche Vorsehung gibt, sondern weil der traumatisierte israelische Mann das Kollektiv prägt. Der kleine Schritt, den es bedürfte, um uns aus dieser immer wiederkehrenden Schrittfolge des "Foxtrot" zu befreien, muss von einem mutigen Menschen ausgehen. Wir hatten mal einen solchen Mann: Yitzhak Rabin. Aber er wurde ermordet und mit ihm der Traum. In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte ihm ein Journalist, die Mehrheit der Israelis wolle seinen Friedensplan nicht. Darauf antwortete er: "Dann liegt die Mehrheit falsch." Manchmal braucht es einen Hirten, der versteht, dass die Schafe - das Volk - nicht immer richtig liegen.

Die israelische Kulturministerin, Miri Regev, kritisierte den Film harsch. Er würde den "guten Namen der IDF (Israel Defense Forces) beschmutzen", weil in einer Szene gezeigt wird, wie junge israelische Soldaten Palästinenser an einem Checkpoint in ihrem Auto töten und die Spuren des Verbrechens kaschieren.

Der israelische Regisseur Samuel Maoz; Foto: Sarah Judith Hofmann /DW
Samuel Maoz ist Drehbuchautor und Regisseur. Sein erster Spielfilm "Libanon" gewann 2009 den Goldenen Löwen in Venedig. Es ist die autobiographische Verfilmung von Samuel Maoz Einsatz als Panzerschütze im ersten Libanon-Krieg. "Foxtrot" ist sein zweiter Spielfilm. Er gewann im vergangenen Jahr den Großen Preis der Jury in Venedig, den Silbernen Löwen. Samuel Maoz lebt und arbeitet in Tel Aviv.

Maoz: Sie hat den Film schon angegriffen bevor er überhaupt herausgekommen war. Sie hatte ihn nicht einmal gesehen! Es handelt sich nicht um einen Dokumentarfilm und daher muss er keine objektive Wahrheit zeigen. Die Wahrheit in meinem Film ist dramatischer und künstlerischer Natur. Aber die Tatsache, dass ich es gewagt habe, diese Armee, unseren rettenden Engel, zu kritisieren, die uns aus unserem vergangenen Trauma befreit hat, macht mich für einen Großteil der israelischen Gesellschaft zu einem Verräter. Dass ich im Libanonkrieg gekämpft und einen hohen Preis gezahlt habe, spielt keine Rolle mehr. Ich bin ein Verräter weil die Ministerin mich dazu erklärt hat. Sie hat einen Großteil der Menschen, die den Film nicht gesehen haben, aufgestachelt. Letztlich hat sie dadurch aber nur genau das bestätigt, was ich in dem Film zu zeigen versuche. Zu Beginn war das für mich eine Errungenschaft.

Heute nicht mehr?

Maoz: In vielerlei Hinsicht hat sie geholfen, die Debatte, die der Film ja hervorrufen wollte, tatsächlich zu entfachen, aber persönlich änderten sich meine Gefühle, als ich Drohungen bekam. Jemand schrieb mir: "Wenn du dein Haus verlässt" - und er nannte die korrekte Adresse - "dann werde ich auf dich warten und dir Säure ins Gesicht spritzen. Ich will, dass du blind bist und nie wieder Filme machen kannst." Und das Übliche hier in Israel: "Deine Familie ist nicht in den Gaskammern gestorben, also werden wir Gaskammern schaffen für dich, deine Familie und alle linken Tel Aviver Künstler." Es gibt keine rote Linie mehr. Als das anfing, ging ich nur noch mit Sonnenbrille raus. Heute nicht mehr.

Wird ihr nächster Film dennoch Kritik an Israel äußern?

Maoz: Mit der Armee bin ich durch. Zumindest im Moment. Mein neuer Film ist ein Frauenfilm, er handelt von einer Mutter und ihrer Tochter. Es ist ein starkes menschliches Drama ohne jegliche politische Botschaft. Es geht um allgemeine Werte im Leben.

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, ohne pathetisch zu klingen, aber ich glaube, eine Gesellschaft muss stets danach streben, besser zu werden. Und die Voraussetzung dafür ist, selbstkritisch zu sein. Wenn Kritiker aber zu Verrätern gemacht werden, kann es nur noch bergab gehen. So wie in "Foxtrot". Wenn ich diesen Ort, an dem ich lebe, kritisiere, dann weil ich mich um ihn sorge, ihn beschützen will und weil ich ihn liebe.

Das Gespräch führte Sarah Judith Hofmann.

© Deutsche Welle 2018

Der Film "Foxtrot" läuft seit dem 12. Juli auch in deutschen Kinos.

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