Und Ihre Antwort?

Maoz: Die simple und zugleich komplexe Antwort lautet, weil wir eine traumatisierte Gesellschaft sind. Die Erinnerung an unser Trauma, der Holocaust und die Unabhängigkeitskriege danach, diese Erinnerung ist nach wie vor stärker als jede Realität oder Logik. Das Trauma wird von einer Generation an die nächste weitergegeben - als permanentes Gefühl der Existenzbedrohung, das wiederum zu einem nie endenden Krieg führt. Dabei ist unser heute so hoch technologisches Land, das eine Atomwaffe besitzt, nicht in seiner Existenz bedroht, zumindest nicht mehr als jedes andere Land. Unsere traditionellen Feinde sind nicht länger relevant.

Dafür gibt es neue Feinde…

Maoz: Ich sage ja auch nicht, dass wir überhaupt keine Armee mehr brauchen. Aber man kann die derzeitige Situation doch nicht mit dem Holocaust vergleichen! Wir tun aber so, als wäre es dieselbe Bedrohung. Gerade erst haben wir drei U-Boote gekauft - übrigens von Deutschland. U-Boote gegen wen? Etwa gegen Gaza? Wir haben bereits U-Boote und eine riesige Armee. Aufgrund des Traumas ändern wir unsere Prioritäten nicht. Und die Politik springt auf diesen Zug auf.

Filmszene aus "Libanon" des Regisseurs Samuel Maoz; Foto: Senator Filmverleih
Samuel Maoz: "Der Film 'Libanon' ist meine persönliche Geschichte als Panzerschütze. Bildlich ist er aus der Perspektive aus dem Panzer heraus erzählt, emotional aus der Perspektive des 20-jährigen Kindes, das ich damals war. Ein Kind, das nie zuvor Gewalt erlebt hatte und das sich eines Morgens mitten in der Hölle in blutigen Schlachten wiederfand und Menschen tötete."

In "Foxtrot" wird das Trauma von der deutschen Großmutter, die den Holocaust überlebt hat, an den Sohn weitergegeben, der im Libanonkrieg gekämpft hat, der es wiederum an seinen Sohn weitergibt, der als Soldat an einem Checkpoint in den besetzten Gebieten ein Verbrechen begeht.

Maoz: Meine Mutter war eine Überlebende - so wie Michaels Mutter im Film. Das Problem unserer Generation ist: Wir konnten uns niemals über irgendetwas beklagen. Unsere Eltern und Lehrer zeigten die Nummern, die auf ihre Arme tätowiert waren und riefen uns den lieben langen Tag zu: "Wir haben den Holocaust überlebt. Wer seid ihr verwöhnten Kinder, die in einem sonnigen Land mit blauem Meer und Orangen geboren seid? Wer seid ihr, dass ihr euch beschwert?"

Alles drehte sich um den Holocaust. Es war irrwitzig. Als ich mit einer sechs in Mathe nach Hause kam, sagte meine Mutter: "Dafür habe ich den Holocaust überlebt? Für eine sechs in Mathe?" Als ich aus dem Libanonkrieg zurückkehrte, stand es außer Frage zu behaupten, ich sei verwundet worden. Schließlich hatte ich noch zwei Arme, zwei Beine und keine Narben. "Sei ein Mann! Komm drüber hinweg! Wir haben den Holocaust überlebt."

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