Der Irak nach Saddam Hussein

Einem kulturellen Gewissen auf die Sprünge helfen

Viele Intellektuelle stellten sich in den vergangenen Jahrzehnten in den Dienst der "Kultur" des Regimes von Saddam Hussein. Wie die Iraker heute mit dieser Epoche umgehen, beschreibt der irakische Schriftsteller Ahmad al-Saadawi

Viele Intellektuelle stellten sich in den vergangenen Jahrzehnten in den Dienst der "Kultur" des Regimes von Saddam Hussein und der Baath-Partei. Wie gehen die Iraker heute - vier Jahre nach dem Fall dieses Regimes - mit dieser Epoche um? Eine Einschätzung des irakischen Schriftstellers und Journalisten Ahmad al-Saadawi

Der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein; Foto: AP
Fast drei Jahrzehnte verbreitete der irakische Diktator Saddam Hussein eine "Kultur" des Schreckens im Irak

​​Die kulturellen Aktivitäten, die heute auf der Bühne der irakischen Kultur wahrnehmbar sind, behandeln meiner Ansicht nach kaum jene Fragen, die unmittelbar nach dem Fall des Saddam-Regimes auf den Nägeln brannten - Fragen die eine natürliche Reaktion auf die offiziellen Kulturaktivitäten in den Zeiten des Baath-Regimes waren.

Der Eifer, der vor drei Jahren in der irakischen Kulturszene entfacht worden war, ist nun erloschen. Dies liegt nicht etwa daran, dass die ernsthaften Bemühungen zur Beurteilung der Kultur der vorangegangenen Zeit abgeschlossen gewesen wären; auch nicht daran, dass man der diesbezüglichen Aufklärung überdrüssig geworden wäre.

Vielmehr handelt es sich um eine negative Reaktion auf den Druck, den die brennenden Straßen und die extreme politische und konfessionelle Polarisation der irakischen Gesellschaft auf allen Ebenen erzeugen.

Der Intellektuelle zieht sich mittlerweile vor der täglichen Gewalt zurück, indem er seine Teilnahme an gesellschaftlichen Kulturaktivitäten zurücknimmt. Als natürliche Folge dieses Drucks verändern sich auch die Prioritäten.

Andere Fragestellungen, wie die nationale oder konfessionelle Einheit, die Gründe der Gewalt oder ganz allgemein die Aufgabe der Kultur und des Intellektuellen gewinnen Vorrang und kursieren in der kulturellen Öffentlichkeit weit mehr als jene Themen, die zur gründlichen Erforschung und Beurteilung der Kultur und ihrer Wirkung in den Zeiten des alten Regimes beitragen sollen.

Nicht nur zwei Pole

Es erscheint paradox, dass die irakischen Schriftsteller im Exil auf dem letztgenannten Gebiet stärker präsent sind als die im eigenen Land. Beide Gruppen entwickeln sich im Umgang mit der irakischen Kulturwelt immer weiter auseinander.

Zweifellos hinterließen drei oder mehr Jahrzehnte eines despotisches Regimes, das schattenhaft alle Lebensbereiche der Iraker kontrollierte, tief greifende Spuren in der irakischen Kultur, die langsam aber sicher die verschiedenartigen Reaktionen innerhalb dieser Szene hervorriefen.

Dies gilt in besonderem Maße für Schriftsteller, die in einem Regime, das ihre schöpferischen und kulturellen Möglichkeiten kontrollierte, heranwuchsen.

Café in Bagdad; Foto: AP
Überall wurde nach dem Sturz des Regimes diskutiert - Kaffeehaus in Bagdad

​​Wenn wir das breit gefächerte Erscheinungsbild dieser Reaktionen betrachten, können wir die irakischen Kulturinitiativen nicht nur auf zwei entgegengesetzte Pole festlegen, indem wir der einen Seite die zum alten Regime Oppositionellen und die gegen die offizielle Kultur Rebellierenden zurechnen und der anderen Seite die (kulturellen) Claqueure und die medialen Sprachrohre des alten Regimes.

Diese polarisierende Unterscheidung wäre weder gerecht noch realistisch, wenn man sich nicht mit größtmöglicher Umsicht darum bemühte, die unterschiedlichen Bedingungen und Blickwinkel zu verstehen.

Die irakischen Intellektuellen wissen besser als andere, wenn ihre Kollegen in ihrer kulturellen Arbeit unaufrichtig werden, aber sie wissen gleichzeitig um die zahlreichen Repressalien, die diese dazu zwangen, auf die Erpressung der Regierung einzugehen.

Ohne menschlichen Weitblick und ohne Verantwortungsbewusstsein können wir der Kultur der vergangenen Zeit nicht gerecht werden. Sie könnte in der zeitgenössischen Geschichte ein seltenes Beispiel dafür sein, wie die Kultur den Körper einer Gesellschaft zerstört.

Dramatisches Ende

Wenige Monate nach dem Fall des Baath-Regimes waren viele im Irak voller großer Hoffnungen, insbesondere die Intellektuellen. Dieser Neuanfang war für die Massen ein fantastischer Traum, für die anderen ein unerreichbares Ziel, auch wenn sie sich sehr an diese Unmöglichkeit geklammert hatten.

Die Zeit der Despotie endete auf dramatische Weise, und überall taten sich Fragen auf. Allerorten wurden grundlegende Debatten entfacht: Im Café, auf der Straße, in der Universität und in den Redaktionsräumen der neu erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften.

Salam Abboud; Foto: www.iraqiculture.net
Der irakische Schriftsteller Salam Abboud

​​In jenen Zeiten erreichten einige kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten die gleiche Lebendigkeit wie früher. Kulturelle Salons und Organisationen öffneten und gaben der kulturellen Gesellschaft neue Nahrung.

Ich erinnere mich, dass das erste Diskussionsthema der so genannten "Wochendebatte" ein Disput über das Buch von Salam Abboud "Die Kultur der Gewalt im Irak" war. In dieser Zusammenkunft kristallisierte sich der gesamte öffentliche Disput der kulturellen Szene im Irak heraus.

Das Buch Salam Abbouds, das der Öffentlichkeit bis zum Fall des Saddam-Regimes nicht zugänglich war, enthielt vernichtende und radikale Thesen. Diese machten sich viele Intellektuelle, die lange Jahre ihren Zorn gegen das Regime und seine Kultur unterdrückt hatten, voller Eifer zu Eigen.

Demgegenüber standen andere Intellektuelle, die dem Buch zurückhaltend begegneten oder es sogar verurteilten, weil sie in der einen oder anderen Form Sprachrohre des alten Regimes waren. Wieder andere vertreten einen Standpunkt der Aussöhnung, der dazu aufruft, die Vergangenheit zu vergessen.

Ablehnung statt Vertreibung

Ironischerweise konnte die Strömung, die Rache und eine moralische Verurteilung forderte, keiner einzigen Symbolfigur der Baath-Kultur habhaft werden. Die schillernden Figuren dieser Kultur mieden den gesellschaftlichen Umgang mit den anderen Intellektuellen.

Einige, die in geheimdienstliche Aktivitäten verwickelt waren oder direkte Vergehen begangen hatten, flohen zum Teil schon vor dem Fall des Regimes ins Ausland, aus Furcht, eine schmerzhafte Rechnung präsentiert zu bekommen.

Zeitungsleser in Bagdad; Foto: AP
Die neue Pressefreiheit führte zur Gründung unzähliger Zeitungen und Zeitschriften im Irak

​​Eine Vertreibung großen Stils derjenigen, die in der einen oder anderen Form die Kultur der untergehenden Zeit verkörperten, gab es jedoch nicht. Neben offener Ablehnung wurden diejenigen, die nur wenig schriftliche Zeugnisse des Lobes für das alte Regime hinterlassen hatten, weitgehend ignoriert.

Es ist merkwürdig, dass die subtile Ablehnung derer, die für die kulturellen Medien des alten Regimes tätig waren, diese nicht in ihrer heutigen Arbeit behindert oder gar neutralisiert. Vielen von ihnen gab die neue Pressefreiheit Raum, Zeitungen herauszugeben oder Kulturorganisationen zu unterhalten.

So kam zum Beispiel die Bezeichnung "Baathistische Zeitung" in Umlauf, um die politische Richtung einiger Medien und ihrer Autoren zu kennzeichnen.

Zersplitterung der Mitte

Die gemäßigte, unabhängige Position hat sich noch nicht in ausreichendem Maße herauskristallisiert, um die Mitte des moralischen Gewissens der irakischen Kultur zu werden. Das politische Tauziehen und die unsichere Lage verdecken die Stärke dieser Mitte und bewirken ihre Zersplitterung.

Dem Vorwurf, ein "Baathist" zu sein, hält der so Bezeichnete in Verteidigung seiner selbst die Bezeichnung "Agent" entgegen.

Saddam Husseins Bild auf einer Mauer im Südirak; Foto: AP
Saddam Hussein und die Baath-Partei waren überall präsent

​​Zwischen diesen beiden extremen Seiten, dem Vorwurf der Ergebenheit gegenüber dem alten Regime und dem Vorwurf der Agitation für die Besatzungsmacht, geht jene Stimme der Vernunft verloren, die sich um eine weit gefasste Bestandsaufnahme und eine unparteiische Beurteilung der gesamten kulturellen Aktivitäten in der Zeit des Despotismus bemüht.

Oder sagen wir lieber, dieser Stimme war es noch nicht vergönnt, einen deutlichen historischen Neuanfang für das irakische kulturelle Gewissen einzuleiten.

In manchen Fällen wurde lediglich die Haut gewechselt. Dies ist allerdings ein Vorwurf, in dem einige eine Art übertriebenen Pessimismus sehen. Manche mutmaßen auch einen entgegengesetzt despotischen Charakter, der ebenfalls an Machthunger leidet, oder aber ein kulturelles oder schöpferisches Versagen und einen daraus folgenden Neid auf andere, weil diese ungeachtet ihrer früheren Vergehen etwas durchaus Nützliches zu sagen haben.

Literarische Verherrlichung der Baath-Partei

Das Buch "Kakhismus - Intellektuelle Verbrechen im Irak" von Abbas Khider bietet Kostproben von Literatur, die den Krieg und die Herrschaft der Baath-Partei verherrlicht. Es wurde von den Kulturjournalisten mit Interesse aufgenommen, und auch dabei zeigte sich der Effekt, den bereits das Buch von Salam Abboud "Die Kultur der Gewalt im Irak" gehabt hatte.

Abbas Khider; Foto: http://www.abbaskhider.de.hm/
Abbas Khider

​​Es scheint, dass sich nach wie vor legitime Gründe finden, Bücher im Geiste der alten Zeit herauszugeben, auch wenn gerade das Gefühl vorherrscht, dass eine Revision genau dieser Kultur noch aussteht.

Wir brauchen eine Revision mit wissenschaftlichem Ziel und keine vorverurteilenden Schnellschüsse. Wir müssen der komplizierten Dialektik auf den Grund gehen, die dazu geführt hat, dass sich Intellektuelle dem despotischen Regime zugeneigt haben, und wir müssen die Geheimnisse dieser Beweggründe entschlüsseln.

Prüfung der irakischen Geschichte notwendig

Inzwischen nehmen die alltäglichen Sorgen des Lebens einen breiten Raum im Denken des Intellektuellen ein. Seine Auseinandersetzungen und Überlegungen reichen nicht über die nächsten Tage hinaus.

Niemand möchte ein generelles Geständnis oder eine allgemeine Säuberung. Jeder versucht, neue politische Positionierungen auszunutzen, um seinen eigenen ursprünglichen Standpunkt zu behaupten - derjenige, der am Erhalt der despotischen Kultur mitgewirkt hatte ebenso wie der andere, der als Opfer im Schatten dieser Kultur lebte.

Doch diese einengenden Auseinandersetzungen sind unbedeutend gegenüber der Verantwortung, einem kulturellen Gewissen auf die Sprünge zu helfen, das die zeitgenössische irakische Geschichte prüfend betrachtet und die Vermengung des Kulturellen mit der Politik und der Despotie beurteilt.

Genau dies aber geht aus den oben genannten Gründen immer noch zu langsam und zu wenig sichtbar vonstatten.

Ahmad al-Saadawi

© Qantara.de 2007

ِAus dem Arabischen von Georg Placzek

Ahmad al-Saadawi ist irakischer Schriftsteller und Journalist und lebt in Bagdad.

Qantara.de

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