Wenn Nationalismus, Hass, Schlechtigkeit und Dummheit in angereichertem Maße zusammenfinden, entsteht eine toxische Mischung. Gegen diese tödliche Krankheit wirken als Gegengift Mitleid, Güte und Klugheit, doch muss auch der hässlichen Fratze des Nationalismus die Maske der Heiligkeit abgerissen werden, hinter der dieser sich versteckt.

In unseren Tagen, in denen die Fahnen, Märsche, Waffen und Gewalttaten des Rassismus und Militarismus erneut die Menschheit beschmutzen, kann man es nicht laut genug ausrufen, dass das gemeinsame Wohl der Menschheit nicht in ihrer Spaltung, sondern in ihrer Einheit liegt.

Kein menschliches Leben endet glücklich, denn am Ende steht immer der Tod. Was soll es dem Menschen da bringen, sein so oder so unglücklich endendes, meistens auch unbedeutendes Leben mit Hass zu vergiften?

Hass nützt niemandem

Wenn wir nicht jetzt zur Sprache bringen, dass dieses niemandem nützt, wann denn sonst? Und wer wird dies aussprechen, wenn wir es nicht tun? Wollen wir denn nicht wahrhaben, dass es für alle von uns eine "erfüllende Verpflichtung" gibt, nämlich aufzustehen und für das Wohl der Menschheit zu kämpfen, die Wahrheit zu verkünden und so unser Leben mit etwas zu bereichern, das dieses an Wert übersteigt.

Vergessen wir auch nicht, dass im Augenblick des Todes jeder in jenem "Leben" genannten kurzen Zeitabschnitt verspürte Wunsch, jeder Ärger, jedes Streben, jeder Profitwettkampf seine Bedeutung verliert, ja sogar lächerlich wird.

Erneute Festnahme von Ahmet Altan in Istanbul; Foto: AFP/Getty Images
Erneut verhaftet: Ahmet Altan, der als Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt, war im Februar 2018 wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt worden, inzwischen wurde die Strafe auf zehneinhalb Jahre reduziert. Ein türkisches Gericht hatte Altan Anfang November nach drei Jahren Untersuchungshaft unter Auflagen freigelassen. Wenige Tage später wurde er jedoch wieder inhaftiert.

Lebensläufe, denen der Tod nicht den Sinn rauben kann, sind eher selten. Denn nur jene Menschen, die ihrem Leben etwas hinzufügen, das dieses an Wert übertrifft, können der Macht des Todes die Stirn bieten und vom Tod selbst nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Sie haben sich heute hier zusammengefunden, um der Verleihung eines Preises beizuwohnen, der den Namen zweier junger Menschen trägt, die der Tod nicht bagatellisieren konnte, weil es in ihrem kurzen Leben einen Wert gab, der für sie den Wert ihres Lebens übertraf.

Das Leben anderer Menschen zu retten, gegen die von diesen Menschen erlittene Unterdrückung zu protestieren und erschreckender Ungerechtigkeit Einhalt zu gebieten, waren Werte, die die Geschwister Scholl höher einschätzten als ihr eigenes Leben. Mit ihren Schriften widerstanden sie Waffen und Gewalt. Bis heute bilden sie ein Vorbild. Ihre Flugblätter lehrten einen blutigen Despoten das Fürchten, der über Geschütze, Panzer und Bomben verfügte.

Diese beiden jungen Menschen zeigten uns nicht nur, wie ein Leben sich dem Tod gegenüber kraftvoll beweisen kann, sie machten uns auch klar, welche bedeutungsvolle Widerstands- und Lebensform das geschriebene Wort darstellt.

Dass Sie mein Buch für Wert hielten, mit dem nach diesen beiden jungen Menschen benannten Preis ausgezeichnet zu werden, erfuhr ich in einer Gefängniszelle. Auch diese Rede schreibe ich im Gefängnis. Deswegen kann ich heute nicht unter Ihnen sein.

Dieser Preis hat einen Teil der diesen beiden überragenden Menschen innewohnenden Kraft auch auf mein Leben übertragen und damit meine Widerstandskraft innerhalb dieser Mauern gestärkt. Ich bin überzeugt, dass die Erinnerung an die Geschwister Scholl auch Ihren Widerstand gegen nationalistische Strömungen bestärken wird.

Dafür, dass Sie mich zu einem Teil zweier Leben machten, die mit dem Tod nicht der Vergessenheit anheimfielen, möchte ich Ihnen allen von Herzen danken. Noch einmal haben Sie mir bestätigt, dass die Literatur mächtiger ist als die Tyrannei.

Ahmet Altan

© Süddeutsche Zeitung 2019

Übersetzung: Ute Birgi-Knellesessen

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