Der inhaftierte türkische Schriftsteller Ahmet Altan

Die Literatur ist mächtiger als die Tyrannei

In seiner Dankesrede zur Annahme des Geschwister-Scholl-Preises, die seine enge Vertraute Yasemin Congar in München verlas, spricht sich der türkische Schriftsteller Ahmet Altan gegen Hass und Nationalismus aus - verfasst in türkischer Haft.

Im Leben eines Menschen muss es etwas geben, das wertvoller ist als das Leben selbst. Etwas, das wertvoll genug ist, um sein Leben dafür einzusetzen. Seit Ewigkeiten zieht die Menschheit mit einer Unwandelbarkeit dahin, deren Finsternis einer Winternacht gleicht. Eine Ausnahme bilden Menschen, in deren Leben es ein Ziel gibt, für das sie eben dieses Leben einzusetzen bereit sind. Wenn sie in dieser Dunkelheit ein Licht anzünden, werden sie selbst sichtbar und werfen dieses Licht auch auf die Unsichtbaren.

Der Beginn des Lebens, die Geburt, bei der aus einem Lebewesen ein anderes Lebewesen hervorgeht, ist ein Wunder. Der Tod mit seiner Unberührbarkeit, seiner Unausweichlichkeit und seinem großen, nie zu erforschenden Geheimnis, ist voller Pracht. Das Leben hingegen besteht, im Widerspruch zum Wunder seines Beginns und der Würde seines Endes, aus eintönigen Wiederholungen. Solange der Mensch seinem Leben nicht etwas hinzufügt, das dieses an Wert übersteigt, wird sein Erdenweg nie mehr sein als ein Teil dieser ewigen gewöhnlichen Wiederholungen.

Mit einem allen Lebewesen eigenen Instinkt glauben auch die Menschen, dass es nichts Wichtigeres gibt, als zu leben. Leben - als was auch immer, wie auch immer. Die große Mehrheit der Menschen lebt mit diesem Instinkt, sieht in der Bewahrung ihrer Existenz und ihrer Interessen die höchste Logik und verschwindet, mit dem Tod zusammen, mit Millionen anderer Lebewesen im Nichts.

Furcht und Feindschaft als Auslöser des Rassismus

Hilflos in einer undurchsichtigen Menschenmenge und gefangen in ewiger Finsternis seinem Untergang entgegen zu taumeln, ist furchteinflößend. Und Furcht gebiert Gewalt. Menschen, die aus ihrem Leben kein Licht hervorbringen können, werden zu Feinden dieses ihnen so fremden Lichts. In dieser Feindschaft sehen sie eine Art Rettung, sie klammern sich im Dunkeln aneinander und erklären ihren Hass auf all jene, die ihnen nicht ähneln, zur Grundlage ihres Daseins.

 

Ich glaube, dass diese Furcht und diese Feindschaft Auslöser des Rassismus und Militarismus sind, die heute die gesamte Welt erfasst haben. In Hass und Totschlag sehen diese Menschen einen Ausweg aus ihrer eigenen Auslöschung.

Die von Militarismus und Rassismus infizierten Menschen setzen alles daran, sich - nach dem Muster sich selbst auffressender Tiere - auf Kosten der Menschheit zu nähren, der sie doch auch angehören. Sie begreifen nicht, dass sie sich selbst töten, wenn sie das Leben eines anderen Teils der Menschheit auslöschen.

Dass Menschen auf ihrem in einem Winkel des unendlichen Weltalls isolierten Planeten die kurze Spanne ihrer Lebenszeit dafür einsetzen, ihr eigenes Selbst zu erhöhen und andere Menschen ihre Überlegenheit spüren zu lassen, bringt letztendlich allen nichts als Unheil. Der auf dem finsteren Weg ins Nichts empfundene Hass dient lediglich dazu, die Sinnlosigkeit dieser Finsternis noch zu verstärken.

"Wir werden alle sterben!"

Ich muss zugeben, dass ich hin und wieder dem Wunsch nachzugeben bereit bin, wie ein trotziges Kind zu schreien: "Wir werden alle sterben!" Würden vom heutigen Tage an alle Geburten gestoppt, wäre dieser sonderbare Planet nach höchstens 90 Jahren menschenleer. Ist es da nicht unsinnig, dass eine derart hilflose Spezies unter den Lebewesen sich einer gegenüber dem anderen als überlegen behauptet?

Bei der Erschaffung des Menschen war wohl ein wenig Eile am Werk; es kam ein Lebewesen hervor, in dem etliche miteinander unvereinbare Gefühle eng beieinander liegen. Wie Mitleid und Hass, Güte und Bösartigkeit gedeihen Klugheit und Dummheit nebeneinander in gleicher Erscheinungsform.

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