Noch einmal zurück zu den Strukturanpassungen in den 1980er und 1990er Jahren: Meist bestanden diese aus einer Mischung aus Deregulierung, Privatisierung und Sparpolitik. Mein Eindruck ist, dass Deregulierung oft nützlich ist, Privatisierung Probleme verursachen kann und Sparmaßnahmen oft kontraproduktiv sind.

Azis: Das wäre eine sehr simple Faustregel. Wichtig ist, zu bedenken, was Anpassungspolitiken bewirken sollen. Man will dem Allgemeinwohl einer Nation dienen. Folglich ist es sinnvoll, den Handel und die Wirtschaftsaktivität zu erleichtern. In einer überregulierten Wirtschaft – was bis in die 1980er Jahre für Indonesien und bis in die 1990er Jahre für Indien typisch war – erweist sich Deregulierung als hilfreich und beschleunigt das Wachstum. Privatisierung kann das auch bewirken. Natürlich können privatwirtschaftliche Unternehmen effizienter sein als staatliche Giganten. Andererseits schafft schlecht gemachte Privatisierung neue Probleme.

Bitte nennen Sie ein Beispiel dafür.

Azis: Denken Sie an Russland. Dort hat die Privatisierung wenige Oligarchen enorme Geschäftsimperien aufbauen lassen, ohne den Wettbewerb sicherzustellen, der Unternehmen zur Effizienz zwingt. In Russland hat Privatisierung nicht zu freien Märkten geführt, sondern korrupte Klüngel stark gemacht. Selbstverständlich gilt es, Marktdynamik zu fördern, aber die Schritte dazu müssen sorgfältig bedacht werden.

Wie beurteilen Sie Sparmaßnahmen?

Azis: Verschwenderische Staatsausgaben zu kürzen, kann helfen – aber eben nicht immer. Soziale Sicherung sollte nicht dann beeinträchtigt werden, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Diese Art von Austerität führt zu politischen Ressentiments. Sie kann zudem die Wirtschaft schwächen, wenn sie die ohnehin schwache Gesamtnachfrage weiter mindert.

Proteste indonesischer Gewerkschaftsmitglieder gegen Sparmaßnahmen der Regierung; Foto: Reuters
Gewerkschaftsproteste gegen Sparmaßnahmen und Jobverluste in Indonesien: "Soziale Sicherung sollte nicht dann beeinträchtigt werden, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Diese Art von Austerität führt zu politischen Ressentiments. Sie kann zudem die Wirtschaft schwächen, wenn sie die ohnehin schwache Gesamtnachfrage weiter mindert", meint Iwan J. Azis.

Per Definition bedeutet soziale Sicherung durch den Staat Umverteilung. Geld wird von Bessergestellten genommen, um Bedürftige zu unterstützen. Zur alten Strukturanpassungsdoktrin gehörte aber, dass Regierungen Märkte nicht verzerren dürfen.

Azis: Ja, und das hat zu dauerhaften Problemen geführt. Wie gesagt: Die Ungleichheit wächst wahrscheinlich, wenn lediglich Marktkräfte "entfesselt" werden. Theoretisch sind Spielfelder eben. In der Wirklichkeit ist das aber nicht so. Wachsende Ungleichheit führt dazu, dass die Öffentlichkeit die Wirtschaftspolitik irgendwann nicht mehr akzeptiert. Das stimmt sogar dann, wenn die Armut zurückgeht, was in den 1980er Jahren in Indonesien und in den 1990er Jahren in Indien geschah. Menschen denken nicht über absolute Größen nach, sie vergleichen sich mit anderen. Wer sich abgehängt fühlt, wird wütend, das sehen wir heute auch in den USA und Europa. Langfristig geht es also nicht nur darum, marktorientiertes Wachstum zu erleichtern, sondern auch um eine Art Ausgleich für alle, die davon nicht angemessen profitieren. Die Lehre lautet: Verteilungsaspekte müssen berücksichtigt werden. Die größte Wirkung haben Investitionen in das Gesundheits- oder Bildungswesen, weil sie Lebenschancen verbessern.

Gibt es eine weitere Lektion?

Azis: Ja. Früher glaubte man, alles was ein Land für sein Wohl brauche, sei Wachstum. Alles andere schien unwichtig. Heute wissen wir, dass wir auf verschiedene Dinge achten müssen – wie etwa auf faire Verteilung, intakte Umwelt und anderes. Die qualitative Dimension wirtschaftlicher Entwicklung ist relevant.

Gehen Sie davon aus, dass es womöglich in nicht allzu ferner Zukunft Turbulenzen an den Finanzmärkten geben könnte?

Azis: Nun, irgendetwas wird passieren. Besonders die Schwellenmärkte sind sichtlich instabil. Diese haben sich an billiges Geld gewöhnt. Seit der großen Finanzkrise von 2008 kommen sie leicht an Kredite. Wenn ich richtig gezählt habe, haben fünf Zentralbanken negative Zinssätze eingeführt. Auf der Suche nach höheren Renditen nutzten internationale Investoren günstiges Kapital aus den reichen Ländern, um Kredite mit relativ höheren Zinsen ins Ausland zu vergeben – besonders in Schwellenländer. Folglich ist die Verschuldung besonders im Privatsektor gewachsen. Die Zinsen in den USA steigen nun aber wieder, und der Dollar wertet international auf. Das schafft Probleme. Mein Eindruck ist, dass zu viele Analysten immer noch auf die falschen Indikatoren achten, insbesondere auf Wachstum, und dabei wichtige andere Indikatoren übersehen, wie etwa die der Verteilung.

Das Gespräch führte Hans Dembowski.

© Zeitschrift für Entwicklung & Zusammenarbeit 2018

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