Der Gazastreifen und die COVID-19-Pandemie

Unter Belagerung

Der Gazastreifen wird immer noch von den Israelis blockiert, das Gesundheitssystem ist überlastet und es mangelt an wichtigen medizinischen Gütern: Das Coronavirus könnte für die Bevölkerung der Enklave katastrophale Folgen haben. Von Alessandra Bajec

Am vergangenen Sonntag trafen im Gazastreifen 480 Testsets ein, die bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestellt worden waren. Nun können dort wieder Menschen auf das Coronavirus getestet werden. Nachdem dem zentralen Labor dort die Mittel zur Auswertung von COVID-19-Tests ausgegangen waren, warnte das palästinensische Gesundheitsministerium vor einem Gesundheitsnotstand:

Ashraf al-Qudra, ein Sprecher des Ministeriums, betonte letzten Donnerstag, der Mangel an solchen Vorräten führe zu einem enormen Rückstand bei der Bearbeitung von Tests. So werde die Befreiung hunderter Menschen aus der Isolation der Quarantäne verzögert. Während einer Pressekonferenz vom vergangenen Samstag appellierte Qudra an die internationale Gemeinschaft und die Hilfsorganisationen. Er bat, Gaza mit wichtigem Medizin- und Laborzubehör zu helfen.

Bis zum 14. April gab es in der Enklave 13 bestätigte Fälle von COVID-19, von denen sich neun wieder erholt haben. Vier befinden sich im Crossing-Field-Krankenhaus von Rafah an der ägyptischen Grenze in einem stabilem, isolierten Zustand.

"Bereits vor der Epidemie standen Gazas Kapazitäten nach über einem Jahrzehnt strenger Einschränkungen für Waren und Menschen unter hohem Druck", betont Suhair Zakkout, eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC). "Dadurch ist das Gesundheitssystem bereits jetzt labil und nicht mehr in der Lage, einen Ausbruch des Coronavirus zu bewältigen."

Angst vor schneller Ansteckung

Beamte und Hilfspersonal haben große Angst vor einer Verknappung wichtiger Ausrüstung und medizinischer Vorräte. In diesem Fall könnte in dem belagerten Gebiet, das auf 36 Quadratkilometern eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen beherbergt, die Ansteckungsrate rapide steigen.

Momentan sind im Gazastreifen etwa 2.500 Krankenhausbetten verfügbar. In den 13 Krankenhäusern gibt es nur 110 Intensiveinheiten, von denen die meisten bereits belegt sind. Es fehlen 50 Prozent Medikamente und medizinische Ausrüstung, nur 93 Atemgeräte sind derzeit verfügbar.

Die primären öffentlichen Gesundheitseinrichtungen arbeiten mit eingeschränkten Kapazitäten und stellen nur die wichtigsten Leistungen bereit, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es mangelt dort akut an wichtiger Medizin, Einwegartikeln, Untersuchungsausrüstung und spezialisierten Gesundheitsexperten. Laut Schätzungen des Roten Kreuzes könnte Gaza momentan lediglich 100 bis 150 Coronavirus-Fälle bewältigen.

Soziale Distanzierung ist in der kleinen Enklave kaum vorstellbar, denn Gaza ist einer der am dichtesten bevölkerten Orte der Welt. Die Mehrheit der Einwohner lebt auf engstem Raum in Flüchtlingslagern, was ein Minimum an Hygiene- und Infektionskontrolle zu einer enormen Herausforderung macht.

Die Redaktion empfiehlt