Indem Slim seine Protagonisten dazu bringt, sich für die Freiheit zu entscheiden, stellt er sich entschieden gegen die heutige gewalttätige gesellschaftspolitische Wirklichkeit.

Während er den Ausbruch aus autoritären Konstrukten schildert – nämlich einerseits aus dem Militär und andererseits aus der patriarchalischen Familie –, versucht er, sich von den üblichen Parametern der cineastischen Bausteine zu lösen: Der Regisseur stellt hier seine idiosynkratische Vision als Phantasma einer wiedergeborenen Zivilisation dar. Eine Anspielung auf die biblische Schöpfungsgeschichte, auf eine neue Art von Adam und Eva in den üppigen Gärten von Eden oder irgendeinem vergleichbaren Ort.

Kapitalismuskritik und dystopische Untertöne

Zur Veranschaulichung des Wesentlichen arbeitet Slim im gesamten Film mit einfachen allegorischen Verweisen, wie beispielsweise einer Schlange und einem Apfel, einem getöteten Hund und einer Hündin, die ihre neugeborenen Welpen beschützt. Das uralte mythologische Symbol der Schlange steht für Wiedergeburt, Transformation und Heilung – also für die Prozesse, die beide Hauptfiguren durchlaufen. Die Schlange wird als Vermittlerin von gegensätzlichen Kräften gesehen.

Dies ist die Dynamik, um die sich die Struktur des Films dreht. Auch symbolisiert sie die Nabelschnur, die alle Menschen mit Mutter Erde verbindet. Doch das Gefühl, das den Film durchzieht, ist weitaus dystopischer und komplexer als die Idee einer bloßen Rückkehr zur Natur.

Dank der Musik, die hier anstelle des Erzählers tritt, kommt der Film ohne Dialoge aus. Die melancholisch summende Textur des Soundtracks der Gruppe Oiseaux-Tempête verstärkt die dystopischen Untertöne und weckt Emotionen und Erwartungen. Durch die Alben der französischen Musiker zieht sich Kapitalismuskritik wie ein roter Faden. Es ist der Versuch, Gewalt und Verunsicherung, aus der sich Unzufriedenheit und Aufstände speisen, Ausdruck zu verleihen. Slims Film kann man als eine Weiterentwicklung dieser Arbeit verstehen.

Ein Appell gegen den Zwang traditioneller Strukturen

Eine brillante Wahl des Regisseurs ist die Besetzung von Abdullah Miniawy als S. Miniawy ist ein gefeierter 25-jähriger Dichter und Musiker, der den Revolutionären und Freiheitskämpfern Ägyptens eine Stimme verlieh und für die leidenschaftliche Jugend des Landes steht. Neben der Verpflichtung von Mitarbeitern, deren Leben und künstlerisches Engagement mit der Erzählung und dem Ethos des Films in Einklang stehen, nutzte der Regisseur auch seine eigene Erfahrung in der Armee für die Inszenierung dieser rebellischen filmischen Reise.

Slim ist ein Filmemacher, der es versteht, eine unverbrauchte, einzigartige und mitreißende filmische Perspektive auf das heutige Tunesien zu vermitteln. Sein ergreifender Erstlingsfilm "The Last of Us" (2016) folgt einem jungen Mann bei seinem Versuch, aus Tunesien mit einem Boot über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen.

Mit "Tlamess" (dt. "Verzauberung") gelingt es dem Regisseur erneut, die Ängste unserer Zeit aufzugreifen und eine besondere Schönheit in der Unwirtlichkeit zu entwickeln und ein Quäntchen Sinn im Chaos zu schaffen. Dies ist ein Film, der den Zeitgeist der Jahrtausendwende veranschaulicht. Ein Appell gegen den Zwang traditioneller Strukturen, deren Zerstörungskraft und Sinnlosigkeit einen Wendepunkt erreicht haben.

Adela Lovric

© Qantara.de 2020

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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