Der Film "Teheran Tabu" von Ali Soozandeh

Nichts als Tabus

Der Film "Teheran Tabu" des deutsch-iranischen Regisseurs Ali Soozandeh will das Schweigen brechen und zeichnet dabei ein nur schwer erträgliches Iran-Bild. Massoud Schirazi hat sich den Film angesehen.

Schon nach der ersten Viertelstunde von "Teheran Tabu" muss sich der Filmzuschauer fürchten vor diesem Land, in dem alles auf kriminelle Weise schief zu laufen scheint. Ein Taxifahrer feilscht in der Eingangsszene am Steuer mit einer jungen Frau um den Preis für einen Blowjob. Dann schaut ihr Sohn auf der Rückbank teilnahmslos seiner Mutter beim Oralverkehr zu. Daraufhin ist die Frau im Büro eines griesgrämigen Mullahs zu sehen, von dem sie eine Unterschrift braucht, um sich von ihrem drogensüchtigen Ehemann scheiden zu lassen, der seit Monaten im Knast sitzt. "Eine Frau könnte ich schon brauchen", raunt ihr der Mullah zu und deutet an, wie die Dame an seine Unterschrift gelangen könnte.

Als sei nicht schon genug aufgewirbelt worden, folgt dann die Darstellung einer Untergrundparty, bei der ein Musiker mit verkrachter Existenz auf einer schäbigen Toilette mit einer knapp bekleideten Frau schnellen Sex hat. Dann schwenkt das Bild von der rumpelnden Bumsszene plötzlich auf eine blaue Moschee, aus welcher der Gebetsruf erschallt. Versteckt in der Dramaturgie scheint die subtile und ausgesprochen naive Botschaft, der Klo-Koitus sei ein Ausdruck der so sehr ersehnten Freiheit, der Gesang aus der Moschee jedoch das unterdrückerische Propagandalied einer freiheitsraubenden Religion.

Teheran ist grau und trostlos im neuen Animationsfilm "Teheran Tabu" des deutsch-iranischen Regisseurs Ali Soozandeh. Da der Film nicht in Teheran gedreht werden konnte, machte Soozandeh von der aufwändigen Rotoskopie-Technik Gebrauch: Zunächst wurde im Studio mit echten Darstellern gedreht. Anschließend erstellte man den digitalen Hintergrund, der dann in die Szenen eingefügt wurde. Die Personen sind verfremdet, doch gleichzeitig realistisch, auch die Straßenszenen ähneln dem echten Teheran. An dem Projekt arbeitete ein Team von vierzig Kreativen dreizehn Monate lang - an sich ein sehr aufwändiges Kunststück.

Filmplakat "Teheran Tabu"
"Sex sells": Ein Thema dominiert in "Teheran Tabu" alles andere: Sex. Dass sich unterdrückte Sexualität in jeder Gesellschaft Ventile sucht, um dann umso exzessiver ausgelebt zu werden, ist gut bekannt. Dementsprechend kann das Thema unter jungen Iranern manchmal durchaus alltagsbestimmend sein - in "Teheran Tabu" jedoch wird Sex zum Inbegriff von Freiheit schlechthin stilisiert.

Klischeehafte Religiosität

Der Toiletten-Quickie hat verheerende Folgen: Das Mädchen von der Party soll in wenigen Tagen heiraten und muss nun schnell ihre Jungfräulichkeit zurückholen, um ihren künftigen Mann nicht zu verärgern. Im Wettlauf gegen die Zeit eilt der Verführer zu einem Frauenarzt, um sich nach Operationen zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens zu erkundigen.

Eine andere Protagonistin in "Teheran Tabu" hat in eine Familie von klischeehafter Religiosität eingeheiratet. Der Film zeigt den Schwiegervater lungernd in einem Sessel vor dem Fernsehbildschirm beim Pornoschauen, dann zappt er - aus Furcht entdeckt zu werden - plötzlich auf das islamische Staatsprogramm um, in dem ein bärtiger Geistlicher fromme Reden schwingt.

Die unverkennbare Verbitterung der exiliranischen Macher von "Teheran Tabu", die aus verschiedenen Gründen den Iran zurückgelassen haben, schlägt sich in der Storyline nieder. So gut wie alles, was sich dem Iran und seiner Gesellschaft mitunter vorwerfen lässt, wird in kürzester Zeit in die animierten Szenen hineingepresst: religiöse Heuchelei und Doppelmoral, Unterdrückung der Frau, schattenhafte Kriminalität und ein Klima aus Angst und Verlogenheit.

Ein Thema dominiert dabei alles andere: Sex. Dass sich unterdrückte Sexualität in jeder Gesellschaft Ventile sucht, um dann umso exzessiver ausgelebt zu werden, ist gut bekannt. Dementsprechend kann das Thema unter jungen Iranern manchmal durchaus alltagsbestimmend sein - in "Teheran Tabu" jedoch wird Sex zum Inbegriff von Freiheit schlechthin stilisiert. Als ließe sich diese vor allem daran festmachen, ob man eine Frau auf der Partytoilette rumkriegen kann.

Alldem unterliegt, wie so oft bei ähnlich dick aufgetragenen Iran-Protestfilmen, ein weit verbreitetes gedankliches Denkparadigma: Die (sexuell) unterdrückten Iraner versus (sexuell) freie, aufgeklärte Europäer. Der Film bedient dabei alle Vorurteile des westlichen Zuschauers, der sich nach dem Kinobesuch selbstbefriedigt auf der Seite von Freiheit und Demokratie sieht - schließlich kommt er ja aus Deutschland.

Aktivistische Agenda

Ali Soozandeh sagte in einem Interview, er habe den Film gemacht, "um das Schweigen zu brechen". Dabei ist an dem Narrativ des Films - unterdrückte und revolutionär-aspirierende Subjekte, die mit ihrem Lebensstil an die Regeln der Islamischen Republik stoßen - nun wirklich nichts Neues. Schematisch ähnelt “Teheran Tabu” anderen Filmen wie "Der Wüstentänzer", "Raving Iran" oder "Sharayet - eine Liebe in Teheran". Die aktivistische Agenda macht den Film für den kritischen Zuschauer an manchen Stellen nahezu unerträglich, besonders, wenn man einmal den Iran und seine vielschichtige Gesellschaft etwas tiefer kennen und schätzen gelernt hat.

Filmen wie "Teheran Tabu" stehen iranische Spielfilme wie jene des Oscar-prämierten Regisseurs Asghar Farhadi gegenüber, welche die sehr wohl existierende Missstände subtil und mit einem Auge auch für die Schönheiten des Landes behandeln - und nicht mit einer demonstrativ obszönen Aneinanderreihung von Negativismen.

Fest steht: Teheran und der Iran sind viel mehr als nur Tabus. Selbstverwirklichung von jungen Iranern heute besteht nicht nur aus dem Brechen von Tabus, wie es "Teheran Tabu" suggeriert. Sie liegt im gekonnten Navigieren zwischen gesellschaftlichen Normen und dem individuellen kreativen Selbstausdruck, gepaart mit einer essenziellen Sinnsuche im Spannungsfeld zwischen der eigenen, reichen Kultur und dem Einfluss des Westens und manchmal auch - ja, tatsächlich - im Islam.

Massoud Schirazi

© Qantara.de 2017

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