Es überrascht daher nicht besonders, dass das konservative christliche Duo Day und Reynolds sich gut mit ihren konservativen muslimischen Gastgebern, den Madkors, versteht. Auch wenn sie nicht dasselbe Glaubenssystem teilen, ist ihnen gemeinsam, dass sie eine sehr spezielle Form ihres Glaubens leben.

Eine ganz andere Sicht auf Ägypten

Zum Teil wirkt der Film wie ein Reisebericht, etwa wenn die „Touristen“ und ihre Gastgeber zu den Sehenswürdigkeiten von Kairo, den Pyramiden und Museen chauffiert werden. Doch sie lernen auch Gegenden der Stadt kennen, die Touristen normalerweise nicht zu sehen bekommen. Beim Besuch der Wohnhäuser und Wohnviertel ihrer Gastgeber geraten die Amerikaner in enge Straßen und Gässchen, die vermutlich älter sind als ihr Herkunftsland.

Natürlich konzentriert sich der Film auf die Bereiche, in denen die Amerikaner und ihre Gastgeber Gemeinsamkeiten entdecken. Das heißt aber nicht, dass Konfliktpunkte ausgespart bleiben.

So besucht Kopilec eine Party von Salems Freunden und ein hitziger Streit über die amerikanische Politik im Nahen Osten wird erst entschärft, als eine der Frauen sagt, sie sei froh, dass Trump gewählt wurde, denn bei ihm wisse man wenigstens, woran man sei, im Gegensatz zu Clinton, dieser falschen Schlange. Kopilec lacht und stimmt zu.

Amerikanische Zuschauer werden auch damit konfrontiert, wie vielfältig das Erscheinungsbild der Bevölkerung ist, die von den einheimischen Gastgebern repräsentiert wird. Während Nevine Madkor sich in eine Burka kleidet und ihre beiden Töchter Hidschabs tragen, erkennt man in der Harley Davidson fahrenden Salem und ihren Freunden mühelos eine neue Generation. Die meisten von uns hätten Mühe, den Unterschied zwischen ihnen und einer beliebigen Gruppe moderner Amerikaner zu erkennen.

Ein Signal der Hoffnung

Wie hat sich die Reise auf die westlichen Teilnehmer ausgewirkt? Wie es den ägyptischen Teilnehmern damit erging, wird im Film allerdings nicht weiterverfolgt. Die Amerikaner jedoch scheinen allesamt die Erkenntnis gewonnen zu haben, dass die Welt nicht so schwarzweiß ist, wie man es ihnen beigebracht hat. Die sogenannten Feinde - Muslime und Araber - haben mit ihnen genauso viel gemeinsam wie alle anderen Menschen.

Als Terry Decker kurz nach der Rückkehr in die USA unerwartet stirbt, bittet seine Frau Mounib sogar, für sie und ihren Sohn eine Reise nach Ägypten zu organisieren, damit sie die Asche ihres Mannes in der Wüste verstreuen konnte. Dass ein Mann, den sein eigener Sohn als tendenziell fremdenfeindlich beschrieb, die Fähigkeit, andere Menschen zu akzeptieren, so weit entwickelt hat, dass seine Ehefrau seine Asche in einem fremden Land verstreuen will, ist ein eindrucksvolles Signal der Hoffnung.

Nicht für alle Teilnehmer hatte die Reise so dramatische Folgen, aber sie hat ihnen die Augen geöffnet und ihnen gezeigt, dass es andere Lebenswirklichkeiten gibt und die Welt nicht so schablonenhaft ist, wie ihre Politiker es ihnen weismachen wollen. Free Trip to Egypt wird sicher nicht über Nacht die Welt verändern, aber das beabsichtigt der Film auch gar nicht. Er will nur, dass die Menschen anfangen, miteinander zu reden und sich aufmerksam gegenseitig zuhören.

Free Trip to Egypt ist ein wunderbarer Film über ein mutiges Experiment, das Menschen helfen will, ihre vorgefassten Meinungen und Vorurteile zu überwinden und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Sieben couragierte Personen und ihre Gastgeber öffneten sich einander, in dem Bemühen, die Kluft zu überwinden, die in den letzten Jahren immer tiefer und breiter geworden ist. Vielleicht ist das der richtige Weg in die Zukunft – jeweils ein Mensch, der mit einem anderen spricht. Eine gute Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Richard Marcus

© Qantara.de 2019

Übersetzt aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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