Der deutsch-kurdische Autor Ismet Elci

Eine U-Bahn durch Kurdistan

Flucht aus der Osttürkei, Leben als Ausländer und Asylanwärter – für den preisgekrönten Autor Ismet Elci ist dies nicht nur literarisches Material, sondern auch Teil seiner persönlichen Erfahrung. Volker Kaminski hat ihn in Berlin getroffen und stellt ihn vor.

Ismet Elci; Foto: privat
"Das Schreiben war eine Therapie für mich", sagt Elci. "Ich selbst habe mich dazu aufgefordert, die Erlebnisse meiner Familie aufzuschreiben."

​​Ismet Elci klagt an. Im Interview kritisiert er die Situation der Migranten in Deutschland, für die nach seiner Meinung von staatlicher Seite zu wenig getan wird. Er ereifert sich, wenn er über gewisse Politiker spricht, die die Gewaltbereitschaft ausländischer Jugendlicher zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Umso erstaunlicher klingt demgegenüber der leichte, mitunter verschmitzte Tonfall, der seinen neuesten Erzählband "Der rosarote Fahrstuhl" durchzieht.

Elci versteht es mitreißend zu erzählen. Seine Hauptfiguren sind allesamt Optimisten, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen und auch in existenzbedrohlichen Situationen nicht aufgeben.

Eine neue Existenz in Deutschland

Elci wurde 1964 in Ostanatolien geboren und kam als 16-Jähriger mit seinem Vater nach Berlin. Die bürgerkriegsartigen Zustände in der Osttürkei während der späten 1970er hatten dem Vater die ökonomische Grundlage entzogen, es galt eine Familie zu ernähren, in der 17 Kinder lebten.

Doch während es dem Vater gelang, eine neue Existenz aufzubauen, fand sich Sohn Ismet nur schwer zurecht. Er zerstritt sich mit seinem Vater, einem streng gläubigen Muslim, zog aus, arbeitete in einer Fabrik, lernte auf der Abendschule Deutsch. In dieser für ihn schwierigen Zeit begann er zu schreiben.

"Das Schreiben war eine Therapie für mich", sagt Elci. "Ich selbst habe mich dazu aufgefordert, die Erlebnisse meiner Familie aufzuschreiben. Zwei, drei Jahre hat es gedauert, bis mir das zum ersten Mal gelang."

Die Geschichte der Familie und des Vaters

Es waren vor allem die Filme des kurdischen Regisseurs Yilmaz Güney, allen voran "Die Herde" von 1977, die einen bleibenden Eindruck auf ihn machten. Elci erkannte darin die Geschichte seines eigenen Vaters wieder und begann nun selbst die abenteuerlichen Stationen seines Vaters aufzuschreiben.

​​Aus seinem Roman "Sinan ohne Land" machte das ZDF ein dreiteiliges Fernsehspiel (1989). In dieser Zeit arbeitete Elci auch als Schauspieler für Film und Theater, schrieb und veröffentlichte aber vor allem weiter Geschichten über seine Familie. Inzwischen hat er sechs Buchveröffentlichungen vorzuweisen. Darüber hinaus hat Elci mehrere Spielfilme gedreht, wozu er auch das Drehbuch verfasste.

Auf all diese Erfolge weist Elci im Interview fast beiläufig hin. Überhaupt wirkt er nicht wie ein erfolgreicher Macher, der von neuen Plänen spricht und das nächste Projekt im Blick hat. Er sagt, es sei ihm heute wichtiger sich seiner Familie, seiner Frau und den Kindern zu widmen. Dass er für seine Filme und sein schriftstellerisches Werk Preise erhielt – unter anderem 1989 den ARD-Filmpreis "Civis", 1993 den "Adelbert-von Chamisso-Förderpreis" –, lässt Elci unerwähnt.

Der Einbruch des Politischen ins Private

Doch trotz der Erfolge wirkt Elci wie ein Mensch, der unter der Last ungelöster sozialer Probleme leidet. Immer wieder äußert er im Interview seinen Unmut und seine Besorgnis über verschiedene politische Missstände. Als besonders eklatant empfindet er die Unterdrückung der Kurden in der Türkei, aber auch seine Erfahrungen als Ausländer in der deutschen Gesellschaft machen ihm zu schaffen.

Die Themen, um die es in seinen Romanen und Erzählungen geht – Ausländerproblematik, Flucht aus der Osttürkei, Leben in der Fremde als Asylanwärter, politische Querelen zwischen Türken und Kurden – die Tristesse all dessen ist für ihn nicht einfach nur literarisches Material; vielmehr sieht man, wie die darin enthaltene Dramatik Elci persönlich zusetzt.

Dass seine Geschichten alles andere als anklagend oder schwermütig klingen, erklärt er selbst mit seiner Einstellung: "auch in Katastrophensituationen immer positiv zu denken." Immerhin hat er diese Haltung, wie er sagt, erst in Deutschland gelernt. Seine Texte kreisen um soziale Not, um schwierige Probleme, die seine Helden lösen müssen. Dabei zeigt der Erzähler – ohne Schönfärberei zu betreiben – immer wieder Fluchtmöglichkeiten aus schier ausweglosen Situationen.

U-Bahn quer durch die kurdische Steppe

In der Erzählung "Stille Rose" ist der Protagonist Ömer nicht in der Lage, eine dringend notwendige Operation für seine taubstumme Frau zu finanzieren. Obwohl völlig mittellos, macht er sich auf eine abenteuerliche Reise nach Deutschland, um dort das Geld für die Behandlung aufzutreiben. In der Erzählung "Die Sonne wartet" kommt ein junger Jurastudent in der Türkei wegen einer Lappalie für fünf Jahre ins Gefängnis, beginnt danach aber eine Karriere als findiger Kebabverkäufer in Berlin.

Manchmal brechen Elcis Texte aus der Realität aus, streifen das Surreale, ja Utopische. So wünscht sich in der Erzählung "U-Bahnhof Rihan" die 5-jährige Tochter des Erzählers eine U-Bahn, um den langen Weg über Land abzukürzen. Tatsächlich wird diese U-Bahn gebaut, man trotzt allen Widerständen von staatlicher Seite und die Leute fahren mit der U-Bahn quer durch die kurdische Steppe.

Man wünscht Elci, dass er diese Leichtigkeit auch in seinem eigenen Leben findet und vor allem, dass er von seiner Arbeit als Geschichtenerzähler nicht ablässt.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2008

Ismet Elci: "Der rosarote Fahrstuhl". Schiler-Verlag, 2007.

Qantara.de

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