Mitte Februar beschließt Yücel, sich der Justiz zu stellen. Doch anders als erhofft, ordnet der zuständige Staatsanwaltschaft aufgrund seiner Artikel seine Festnahme wegen "Terrorpropaganda" und "Volksverhetzung" an. Nach zwei Wochen in Polizeihaft kommt Yücel ins Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri – in Einzelhaft. In einer Rede bezeichnet ihn Erdoğan kurz darauf als deutschen Agenten und PKK-Vertreter. Yücel wird zum Spielball der Politik.

Mit Witz und Hartnäckigkeit

Es ist bewundernswert, wie unbeugsam sich Yücel in den folgenden Monaten den immer neuen juristischen Zumutungen, verbalen Attacken und den Schlägen der Wärter stellte. Mit Witz und Hartnäckigkeit kämpfte er darum, seine Würde und ein Minimum an Kontrolle über sein Leben zu bewahren. Doch bisweilen artete sein Kampf aus, und er selbst gibt zu, dass er sich manchmal "divenhaft" und rücksichtslos gegenüber seinen Mitstreitern verhielt.

Nicht nur Yücels Überlegung, bei der Bundestagswahl in Kreuzberg anzutreten, um einen Abgeordnetenstatus zu erhalten, erscheint bizarr. Auch seine Idee, die Gefängnisleitung, die ermittelnden Staatsanwälte und Erdoğan wegen Freiheitsberaubung zu verklagen, war ziemlich überdreht. Nur mit Mühe konnten ihn seine Anwälte und seine Frau Dilek überzeugen, dass dies nicht nur ihrer aller Situation verschärfen würde, sondern auch aussichtslos wäre.

Völlig verzweifeln ließ seine Kollegen und die deutschen Diplomaten schließlich seine Weigerung, das Angebot zu seiner Freilassung anzunehmen, dass Altkanzler Gerhard Schröder und Außenminister Sigmar Gabriel im Februar 2018 erwirkt hatten. Statt die Bedingung einer sofortigen Ausreise zu akzeptieren, wollte er lieber in Haft bleiben. Erst als die "Welt" einwilligte, an der Stelle der Bundesregierung ein Flugzeug zu chartern, willigte er endlich ein.

Rückblickend stellt sich die Frage, ob es klug war, den Fall so früh auf höchster Ebene zu thematisieren. Wäre Yücel womöglich einer Inhaftierung entgangen, hätte er sich gleich der Polizei gestellt? Hätte ihn Erdoğan auch dann als Geisel genommen, wenn sich Berlin nicht so frühzeitig für ihn eingesetzt hätte? Und hätte der Fall schneller gelöst werden können, wenn er nach Yücels Festnahme nicht solche öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland erhalten hätte?

Ganz klären lassen sich diese Fragen wohl nicht mehr.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2019

Deniz Yücel: "Agentterrorist – Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie", Verlag Kiepenheuer & Witsch 2019, 400 Seiten, ISBN: 978-3-462-05278-7

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