Debatten über Militärputsch im Iran

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Angesichts des anhaltenden Drucks auf den Iran mehren sich die Spekulationen über einen drohenden Militärputsch im Land. Werden die Revolutionsgarden womöglich bald die Macht an sich reißen? Ali Sadrzadeh über eine gespenstische Debatte in der iranischen Öffentlichkeit.

Manche Offenheit ist beängstigend. Denn man ahnt, ja, man ist sicher, dass diese vermeintliche Durchsichtigkeit nichts anderes ist als ein Vorbote der Finsternis. Beklemmender noch wird es, wenn sie als Ausweg aus einer Sackgasse daherkommt. Und noch gespenstischer, wenn das Publikum bei alldem auch noch jubelt – oder still hält und schweigt.

Gegenwärtig wird in den iranischen Medien so direkt und unverhohlen über eine mögliche und baldige Militärregierung diskutiert, dass dies nicht nur furchterregend ist, sondern auch viele Fragen aufwirft: Woher kommt diese Offenheit? Wie sicher fühlen sich diejenigen, die so offen und laut darüber sinnieren? Wie realistisch ist ein Putsch der Revolutionsgarden tatsächlich? Und wenn er dann tatsächlich stattfinden sollte, wann und wie kommt er zustande und wer wird ihn anführen? Abgesehen davon stellt sich auch die Frage, was die Gardisten eigentlich besser machen würden als die derzeitige Regierung. Und wie würde dann das Ausland reagieren? Könnte eine Machtübernahme der Revolutionsgarden womöglich einen großen Konflikt zur Folge haben?

Ist ein Putsch unausweichlich?

Alle diese und noch weitere Fragen über die Folgen einer möglichen Machtübernahme der Revolutionsgarden werden seit einigen Wochen in den persischsprachigen Medien im In- und Ausland so nüchtern, emotionslos und realistisch diskutiert, dass einem bange werden kann – genauso als sei ein Staatsstreich der Gardisten ein normaler, schicksalhaft unabwendbarer Gang der Geschichte. Hinnehmbar gar, da er die letzte Lösung für das Land verspricht.

Selbst ein bekannter, in den USA lebender iranischer Politologe, der sich guter Beziehungen zu iranischen und amerikanischen Machtzirkeln rühmt, beteiligt sich an dieser Debatte - und befürwortet sogar die Machtübernahme der Gardisten als eine Notwendigkeit, mit der man Donald Trump begegnen könne.

Die Islamische Republik wird im kommenden Jahr vierzig. Einst plante man, diesen Jahrestag im großen Stil zu feiern. Doch nun debattiert die Spitze des Staates ernsthaft, laut und in aller Öffentlichkeit, wie die Herrschenden ihre Herrschaft durch einen Coup d'Etat retten könnten.

US-Präsident Donald Trump; Foto: picture-alliance/abaca
Irans Wirtschaft unter Druck: US-Präsident Donald Trump hatte am 8. Mai den Ausstieg seines Landes aus dem Atomabkommen und die Wiedereinsetzung der US-Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verkündet, die in wenigen Wochen in Kraft treten sollen. Trump fordert ein neues, umfassenderes Abkommen mit Teheran. Die EU will an dem bestehenden Abkommen festhalten, der Iran lehnt Neuverhandlungen ebenfalls ab.

Über die Ernsthaftigkeit dieser Diskussion wird sich ein Außenstehender wundern, wenn er erfährt, dass diese gespenstische Debatte von einem Mann eröffnet wurde, der nicht laufen und nur noch mit Mühe sprechen kann. Er heißt Said Hadjarrian und hat am 16. Mai der Teheraner Tageszeitung Etemad ein spektakuläres Interview gegeben. Jeder Beobachter des Iran weiß, dass man sowohl Interviewer als auch Interviewte sehr ernst nehmen muss. Etemad ist die wichtigste und meistgelesene Zeitung der Reformer und unterstützt den moderaten Präsidenten Hassan Rohani.

Ein Baumeister der Islamischen Republik

Nun zum Interviewten: Den 64-jährigen Said Hadjarrian kann man ohne Übertreibung als einen der wichtigsten Baumeister und klügsten Köpfe der Islamischen Republik bezeichnen. Manche Zeitgenossen meinen, ohne ihn hätte es die Islamische Republik in ihrer jetzigen Form nicht gegeben. Said diente als junger Maschinenbauingenieur in der Armee, als die Islamische Revolution ausbrach. Er desertierte und gründete schon in den ersten Tagen der Revolution das spätere Geheimdienstministerium. Er war damals zwar nur Vizeminister des neuen Geheimdienstes, der eigentliche Sicherheitsminister war ein Geistlicher, doch er war nominell der Chef. Hadjarrian war einer der Köpfe, der Macher und der Visionäre des neuen Staates. Ihm oblag die Sicherheit der neuen Macht.

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