Immer wenn hingegen die Idee der Menschenwürde und Gleichheit aller an Stellenwert verliert, fällt die Interpretation der Schriften – unabhängig von der Religion – diskriminierend und feindselig aus und kann sogar zur Rechtfertigung von Akten des Terrors dienen. Ihre Andersartigkeit wird in dieser Lesart ein Grund, Menschen anderen Glaubens, anderer Ethnien oder anderer Kulturen zu hassen. Nicht selten bezieht sich der Hass auf alle genannten Unterschiede, da sich das eine oft nicht ohne weiteres vom anderen trennen lässt.

Die Auseinandersetzung mit der historisch-kulturellen Dimension der Religion kann uns helfen, komplexe Phänomene wie die Entkoppelung der religiösen Ehrerbietung (durch das Gebet beispielsweise) von damit eigentlich selbstverständlich einhergehenden Attributen wie Demut, Gläubigkeit, Friedfertigkeit und innere Ruhe zu verstehen, die leider nicht mehr deren Voraussetzung sind, sondern ihr Ziel.

Einst waren es die Kharidschiten, heute der IS: Immer wieder gibt es Bewegungen und Einzelpersonen, deren vermeintliche, an Gebeten und Einhaltung zeremonieller Riten gemessene Gottesfurcht nur noch durch ihre Brutalität übertroffen wird. Heilig ist für sie die religiöse Ehrerbietung, nicht aber der Mensch und seine Würde – unabhängig von seiner Religion.

Um den Bogen zum Verhältnis von Religion und Terror zu schließen: Der immer wiederkehrende Versuch, einen Zusammenhang zwischen Religion – beziehungsweise religiös begründeten Überzeugungen – und Terror grundsätzlich in Abrede zu stellen, spricht dafür, dass es eben doch einen Zusammenhang gibt. Denn wenn die Verschränkung zweier Aspekte derart vehement bestritten wird, zeugt dies von der Schwierigkeit, das eine vollkommen isoliert vom anderen zu denken.

Ineinanderfließen des Religiösen und des Kulturellen

Die verschlüsselten Botschaften des Terroristen, der den Anschlag auf die Muslime in Neuseeland verübte, zeigen das Ineinanderfließen des Religiösen und des Kulturellen sowohl in der Geschichte des Christentums als auch der des Islams. Vielleicht sollte man auch sagen, der Geschichte des Westens und des Islams, insofern die Grenzen zwischen Religion und Kultur derart verschwommen sind, dass das intuitive Gegenstück zum Westen nicht mehr die geographische Bezeichnung des Ostens ist, sondern "das Islamische".

Polizist vor der Al-Noor-Moschee in Christchurch nach dem Anschlag am 15. März 2019; Foto: picture-alliance/AP
Das Grauen von Christchurch: "Man kann einen Terroristen nicht losgelöst von seinem kulturellen Umfeld betrachten. Genauso wenig kann man die religiöse Dimension ohne die kulturellen Aspekte verstehen. Es ist entsprechend nicht möglich, Terror umfassend zu analysieren, wenn man dabei die religiöse Dimension außen vorlässt", schreibt Hefny.

Obwohl negativ konnotiert, ist diese Entwicklung nicht nur auf die Reduktion "des Ostens" auf die Religion durch die westliche Welt zurückzuführen, sondern auch darauf, dass er sich selbst auf diese Dimension reduziert und sich in erster Linie als islamisch definiert, und erst dann geographisch oder ethnisch als arabisch.

Zur Klärung dieser Problematik, die mit der genauen Definition von Identitäten und der Frage der primären Zugehörigkeit zusammenhängt, bedarf es allerdings eine tiefergehende Auseinandersetzung, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Dass Muslime Doppelstandards kritisieren, wenn Terror durch einen muslimischen Täter als islamistischer Terror bezeichnet wird, während Anschläge christlich-fundamentalistische Täter nicht als christlich-fundamentalistischer Terror, sondern als rechtsextremistisch eingestuft werden, ist berechtigt.

In dieser Kritik scheint aber auch das Bedürfnis durch, analog zum Islam einen Zusammenhang zwischen dem christlichen Glauben und dem Terror herzustellen. Das heißt, dass ihnen das Anliegen, einen grundsätzlichen Zusammenhang von Religion und Gewalt zu bestreiten, kein prinzipielles ist.

Der Konflikt zwischen dem Selbst und dem Anderen

Ihm liegt kein gereiftes und verinnerlichtes Verständnis von Religion und ihren sozialen, kulturellen, politischen sowie kognitiven Dimensionen zugrunde. Stattdessen entspringt es fast immer dem Konflikt zwischen dem Selbst und dem Anderen und den damit einhergehenden Schuldzuweisungen an das jeweilige Gegenüber.

Der Dualismus des Selbst und des Anderen ist dabei unzertrennlich verknüpft mit dem eigenen Selbstverständnis als islamisch und der Wahrnehmung des Anderen als christlich. Aber wie kann es sein, dass man im Anderen nur seine Religion sieht, während man es gleichzeitig ablehnt, von jenem auf diese Dimension reduziert zu werden?

Man kann einen Terroristen nicht losgelöst von seinem kulturellen Umfeld betrachten. Genauso wenig kann man die religiöse Dimension ohne die kulturellen Aspekte verstehen. Es ist entsprechend nicht möglich, Terror umfassend zu analysieren, wenn man dabei die religiöse Dimension außen vorlässt. Wie im Vorausgegangenen dargestellt, ist es trotzdem unredlich, eine Religion an sich für die Taten eines Terroristen verantwortlich zu machen.

Notwendig ist es aber, bestimmte, für den Terroristen kulturell prägende Aspekte in den Blick zu nehmen, um ein umfassendes Bild von ihm zu bekommen: die Sozialisierung, die religiöse Dimension seiner Erziehung und der vorherrschende religiöse Diskurs in seiner Lebenswelt.

Denn ob religiöse Schriften tolerant oder feindselig ausgelegt werden, ist eng an den historischen Kontext ihrer Interpretation gebunden. Die Verantwortung für Terror tragen daher in erster Linie die Menschen selbst, er ist nicht das Produkt der Religion an sich.

Assem Hefny

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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Leserkommentare zum Artikel: Wer ist verantwortlich für die Gewalt?

Sehr nützlich

Eid Khalil02.04.2019 | 11:26 Uhr

Bin der Meinung das ist die Wahabiten-Lehre der Saudis. Die wollen "alle Ungläubigen" ermorden. Die glauben aber selber nicht an den GUTEN GOTT! Sehr traurig. Gott ist nicht der Teufel. Gott ist gut und ER liebt ALLE MENSCHEN.

hema07.04.2019 | 10:31 Uhr

Zitat: "Mit anderen Worten: Religion wird als ein Korpus heiliger Botschaften betrachtet, die isoliert von der Lebenswelt der Gläubigen existieren."
Selbstverständlich nicht isoliert von der Lebenswelt der Gläubigen, im Gegenteil. Die heiligen Botschaften sind autoritative Vorgaben für die Handlungsweisen der Gläubigen. Nicht der Gläubige macht die Religion/die heiligen Botschaften, sondern die Religion/die heiligen Botschaften prägen seine Lebenswelt. Die Autorität liegt in den heiligen Botschaften. Die Verantwortung des Gläubigen liegt bestenfalls in ihrer korrekten Auslegung, nicht in ihrer Erschaffung. Kultur ist menschengemacht, göttliche Offenbarungen sollen das nicht sein.

Heinz Hertlein08.04.2019 | 16:56 Uhr