Viertens: Die Forderung einiger Vertreter beider Seiten nach einer klaren Parteinahme für das Hocharabische beziehungsweise den Dialekt ist im Grunde genommen eine Scheindiskussion, die von der eigentlich notwendigen Debatte um die Hintergründe und politisch-ideologischen Dimensionen der Entscheidung ablenken soll. Das Hocharabische und der marokkanische Dialekt koexistieren seit Jahrhunderten und der Wortschatz der Umgangssprache basiert größtenteils auf der Hochsprache. Außerdem werden beide durch die Dominanz des Französischen zurückgedrängt.

Fünftens: Der Versuch, mit Hilfe des marokkanischen Dialekts das bankrotte Bildungssystem zu retten, wird die Krise nur verschärfen. Damit würde man den Bock zum Gärtner machen, denn die marokkanische Umgangssprache ist keine Sprache mit einer festgelegten Grammatik im eigentlichen Sinn. Sie ist eher eine Mischung aus Wörtern und Begriffen verschiedenster Sprachen, mit denen die Marokkanerinnen und Marokkaner tagtäglich konfrontiert sind. Abgesehen davon, dass der Dialekt sich außerdem sich stetig wandelt und seine Begriffe und Redewendungen sich ständig ändern, kann man auch nicht von einem einheitlichen Dialekt sprechen, da je nach Region unterschiedliche Ausprägungen gesprochen werden.

Sechstens: Neben Hocharabisch, Französisch und anderen Sprachen wird auch die Umgangssprache bereits jetzt im Bildungssystem verwendet. Sie hat ihren Platz beispielsweise im Rahmen von Erklärungen und Diskussionen, aber auch untereinander sprechen die Menschen in den Klassen, Schulen, Instituten und Universitäten zumeist mit dem marokkanischen Dialekt.

Siebtens: Ausgerechnet jene, die sich über die Unzulänglichkeiten des Hocharabischen echauffieren und die Sprache als zu kompliziert, nicht zeitgemäß und nicht ausreichend anpassungsfähig brandmarken, verteidigen die französische Sprache mit am vehementesten gegen Veränderungen. Verbissener als die Franzosen selbst, bestehen sie auf die Reinheit der Sprache und die Einhaltung von Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache!

Achtens: Dass nun das Hocharabisch ins Visier genommen wird, ist nicht nur auf dessen komplizierte und wenig fehlertolerante Grammatik zurückzuführen. Es hängt auch mit den Werten zusammen, die es transportiert. Eine Sprache ist kein leeres Gefäß, sie vermittelt eine bestimmte Art zu denken und spiegelt die Kultur und Identität derjenigen, die sie sprechen. Wer sie ins Visier nimmt, kritisiert gleichzeitig auch die Werte, die Kultur und Geschichte sowie die Identität und das Denken, für die sie steht.

Neuntens: Als Marokko kurz nach der Unabhängigkeit von Frankreich Mitte des letzten Jahrhunderts die Arabisierung des Bildungssystems beschloss, war das erklärte Ziel, dem Hocharabischen wieder zu seiner angestammten Bedeutung zu verhelfen und die kolonial bedingte Dominanz des Französischen zu brechen. Nach Jahrzehnten der Arabisierung ist aber deutlich geworden, dass dadurch Französisch, das weiterhin die Sprache der gesellschaftlichen Elite blieb, sogar aufgewertet wurde. Im Gegensatz dazu entpuppte sich die sprachliche Arabisierung der restlichen Gesellschaft als hemmend für die soziale Durchlässigkeit. Die Überlegenheit der frankophonen Elite gegenüber den Bevölkerungsteilen die Arabisch, Tamazight oder Dialekt sprechen, wurde sogar noch zementiert.

Nachdem mittlerweile Teile der islamistischen Bewegung ins politische Leben integriert wurden, könnte das Pendel womöglich umschlagen. Denn ihre Basis bilden Menschen, die ihre Ausbildung auf Hocharabisch absolviert haben und die Werte, die Weltanschauung und die Kultur verkörpern, die mit dieser Sprache assoziiert werden. Entsprechend ist sie für die Gegner der Islamisten ein strategisches Ziel geworden: Um ihren zunehmenden Einfluss langfristig zu stoppen, nehmen sie die Lehrpläne ins Visier, die in einer Sprache unterrichtet werden, die die Verbreitung ihrer Werte, ihres Weltbildes und ihrer Ideologie vereinfachen.

Zehntens: Vor fünf Jahren sagte der marokkanische Intellektuelle Abdallah al-Arawi in Verteidigung des Hocharabischen, dass die Marokkaner sich durch die Einführung des Dialekts als Unterrichtssprache von der Außenwelt abschotten würden. Mehr noch, es hieße ein jahrhundertealtes Erbe aufzugeben, das Marokko mit 300 Millionen Nutzern der "Sprache des Ḍād" verbindet. Einer Sprache, die sich durchaus täglich weiterentwickelt, um gegenüber den anderen Weltsprachen konkurrenzfähig zu bleiben.

Gesellschaftlich gesehen, warnte der Historiker, würden so billige und willfährige Arbeitskräfte produziert – intellektuelle Analphabeten, die nur lernen, was sie brauchen, um gefügige Arbeiter zu werden.

Ali Anouzla

© Qantara.de 2018

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

Ali Anouzla ist marokkanischer Autor und Journalist sowie Leiter und Chefredakteur der Website "lakome.com". Er hat mehrere marokkanische Zeitungen gegründet und redaktionell geleitet. 2014 erhielt er den Preis "Leaders for Democracy" der amerikanischen Organisation POMED (Project on Middle East Democracy).

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