Warum zu Verboten greifen, wenn wir in einem Zeitalter und in einer Gesellschaftsform leben, in der eine Öffnung für dauerhafte Aufklärungsprozesse möglich ist? Wenn Religiosität und Selbstbestimmung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft in Einklang gebracht werden sollen, dann müssen andere Maßnahmen herangezogen werden!

Gefühl der Entblößung

Eine Religionspraxis, die mit Pflichten Gehorsamkeit einfordert, bei der Frauen innerhalb einer zugeschriebenen "Rolle der muslimischen Frau" Nachteile im gesellschaftlichen Leben erleben müssen, ist dringend zu hinterfragen.

Zudem kann die Frau mit diesen strengen Regeln in wahrscheinlich den meisten Fällen ein ganz bestimmtes Körpergefühl des "Bedecktseins" vor fremden Männern entwickeln und würde sich ohne Kopftuch "entblößt" vorkommen. Warum sonst fällt es dann so schwer, das Kopftuch wieder abzunehmen, obwohl es so oft heißt, sie trage es freiwillig?

Das geplante Verbot dieser identitätsstiftenden Religionspraxis würde auf jeden Fall einer "Zwangsentblößung" gleichkommen, ungeachtet ihrer psychischen Dimension, die sie bei den Frauen herstellt. Wenn "mein Wille" und "meine Religion" identisch geworden sind, dann liegt eine Form von Abhängigkeit vor, die Psychologen uns erklären sollten anstatt, dass Islamkritiker immer nur mit "der Islam ist frauenfeindlich" herumschwingen.

ie Bundesgeschäftsführerin von "Terre des Femmes", Christa Stolle; Foto: Uwe Steinert
Kopftuchverbot für Mädchen gefordert: Die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" hatte im August von der Bundesregierung ein gesetzliches Kopftuchverbot für Mädchen an Schulen und Kitas gefordert. "Das Kinderkopftuch ist für uns eine Kinderrechtsverletzung", erklärte die Bundesgeschäftsführerin von "Terre des Femmes", Christa Stolle. Eine Verschleierung im Kindesalter konditioniere Mädchen in einem Ausmaß, dass sie das Kopftuch später nicht mehr ablegen könnten.

Mit einem Verbot wäre praktizierenden Muslimen nicht geholfen Fragen zu stellen und nach Irrtum und Wahrheit zu forschen. Aber darum geht es in der Verantwortung den kommenden Generationen gegenüber, um der identitätsstiftenden Religionspraxis ihre Schwerpunkte zu nehmen, die einhergeht mit der Identifikation als besonderer Anhänger einer Religion, und auf eine Entwicklung als individueller Mensch zu lenken, der sich in jede Gesellschaft einleben kann.

Wahrheit und Irrtum im Angesicht der Religionsfreiheit

Das Recht auf Glaubensfreiheit ist durch die Religionsfreiheit im Grundgesetz geschützt. Dieses Recht auf Religionsfreiheit fordert jedoch nicht dazu auf, eine Religion auf Realitätstauglichkeit hin zu prüfen. Es fordert auch nicht dazu auf, im Interesse des Kindeswohls darüber nachzudenken, was diese ganze Wucht und Verantwortung von geschichtlichem Erbe und weltweitem, politischen Missbrauch von Islam ohne kritische Reflektion alles anrichten kann.

Es gibt keine klaren Trennlinien zwischen Tradition, Religion und das, was persönlicher Glaube ist. Die Religionsfreiheit schützt unsere Kinder nicht vor orientalischen Traditionen, die Frauen verachten und moderne Gesellschaften erheblich spalten können. Kinder brauchen einen ganz besonderen Schutz, denn sie können noch keine kritischen Fragen stellen, um das Erzählte auf seine Richtigkeit zu überprüfen.

Unter diesem Recht auf Religionsfreiheit tummelt sich im Namen von Islam mittlerweile alles schrecklich Mögliche, dazu gehören auch die radikalen Fanatiker, die sich an einem Lehrislam bedienen, um ihresgleichen zu kontrollieren und Andersdenkende zu bekämpfen. Hier ist die Religionspolitik gefordert, genauer hinzuschauen!

Der Staat, in dem wir leben, hat sich zur Neutralität verpflichtet. Mit Verboten jedoch provoziert er Widerwillen und Gegenreaktionen bei Muslimen, und stärkt die Vorurteile und Berührungsängste seiner nichtmuslimischen Bürger.

Die Gefahr, aus unterschiedlichen Meinungen dann Feinde zu machen ist groß. Über viele Ungereimtheiten, Irrtümer und Widersprüche in Fragen der Religion müssen wir gemeinsam und mit Achtsamkeit diskutieren.

Emel Zeynelabidin

© Emel Zeynelabidin 2018

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