Debatte um Kopftuchverbote für Mädchen

Keine Verbote, sondern Aufklärung und religiöse Emanzipation!

Der Staat, in dem wir leben, hat sich zur Neutralität verpflichtet. Mit Verboten jedoch provoziert er Widerwillen und Gegenreaktionen bei Muslimen, und stärkt die Vorurteile und Berührungsängste seiner nichtmuslimischen Bürger. Von Emel Zeynelabidin

Ich glaube, niemand außer diejenigen selbst, wissen was es bedeutet mit Kopftuch zu leben. Wenn es um das Kopftuch geht, dann vor allem um Identität und den Versuch, sich von niemandem seine Identität nehmen zu lassen. Selbst wenn für mich religiöse Identität heute eine konstruierte Identität ist, nehme ich sie ernst. Aus Rücksicht.

Mütter, die Kopftücher tragen sind Vorbilder für ihre Töchter. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Töchter dann auch eins tragen werden, ist sehr groß. Artikel 16 der Internationalen Kinderrechtskonvention räumt einem Kind das Recht auf Schutz seines Privatlebens ein. Weltweit sind zehn Grundrechte der Kinder seit 1990 als Kinderrechtskonvention festgelegt worden. Darin ist auch der Schutz vor Diskriminierung genannt. Das sollte auch im Interesse von muslimischen Eltern sein!

Muslimische Frauen tragen ihre Tücher, weil sie die vorgeschriebene gottesdienstliche Praxis befolgen, die erst mit Beginn der Pubertät verbindlich wird. Das Kopftuch auf den Köpfen von kleinen Mädchen verstößt gegen die religiöse Regel, indem ihnen schon viel zu früh die Rolle der gläubigen, geschlechtsreifen Frau übergestülpt wird.

Fehlende Auseinandersetzungen der islamischen Organisationen

Wäre das dann nicht eine Angelegenheit, der sich islamische Organisationen annehmen müssten, wenn sie sich als die Repräsentanten des Islams sehen? Warum schauen sie zu, wenn Eltern die ihnen anvertrauten Kinder mit Gott als Machtmittel in ihrer natürlichen Entwicklung Schaden zufügen und den Islam in ein übles Licht stellen?

Anstelle dessen beobachte ich, wie zunächst die Landesregierung von NRW und die Regierung von Österreich das "Kinderkopftuch" bei muslimischen Schülerinnen unter 14 Jahren bis zur gesetzlichen Religionsmündigkeit verbieten wollen, um eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls abzuwenden.

Emel Zeynelabidin; Foto: picture-alliance/dpa
Emel Zeynelabidin, Jahrgang 1960, ist gläubige Muslima, Autorin und Aktivistin des interreligiösen Dialogs. 2005 legte sie das Kopftuch ab. Sie ist Trägerin des Luther-Preises und des Frauenbrücke-Preises. Zuletzt erschien ihr Buch "Erwachsen wird man nur im Diesseits".

Dem schließt sich neuerdings die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" in Deutschland mit einer Unterschriftensammlung für ein Verbot an und schlägt noch weitere vier Lebensjahre zu der Religionsmündigkeit hinzu: muslimische Mädchen sollen bis zum 18. Lebensjahr in den Schulen den "Kopf frei haben". Wo sind hier die Berücksichtigung des Erziehungsrechts und die Religionsfreiheit?

Emanzipation ist im Selbstfindungsprozess die Auseinandersetzung mit Wahrheit und Irrtum und der Distanzierung von bisherigen Verhaltensmustern, die Nachteile für Leib und Seele bringen.

Muslimische Frauen, die sich für die Unterordnung unter aufgestellte Regeln und Rituale im Namen Gottes stellen, sind leider keineswegs in dem Sinne emanzipiert, wie sich die Frauenbewegung der nichtmuslimischen Welt vom Patriarchat emanzipiert hat. Religion ist ein Produkt des Patriarchats mit einer Vorstellung von Gott, der sich in alles einmischen würde.

Warum zu Verboten greifen, wenn wir in einem Zeitalter und in einer Gesellschaftsform leben, in der eine Öffnung für dauerhafte Aufklärungsprozesse möglich ist? Wenn Religiosität und Selbstbestimmung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft in Einklang gebracht werden sollen, dann müssen andere Maßnahmen herangezogen werden!

Gefühl der Entblößung

Eine Religionspraxis, die mit Pflichten Gehorsamkeit einfordert, bei der Frauen innerhalb einer zugeschriebenen "Rolle der muslimischen Frau" Nachteile im gesellschaftlichen Leben erleben müssen, ist dringend zu hinterfragen.

Zudem kann die Frau mit diesen strengen Regeln in wahrscheinlich den meisten Fällen ein ganz bestimmtes Körpergefühl des "Bedecktseins" vor fremden Männern entwickeln und würde sich ohne Kopftuch "entblößt" vorkommen. Warum sonst fällt es dann so schwer, das Kopftuch wieder abzunehmen, obwohl es so oft heißt, sie trage es freiwillig?

Das geplante Verbot dieser identitätsstiftenden Religionspraxis würde auf jeden Fall einer "Zwangsentblößung" gleichkommen, ungeachtet ihrer psychischen Dimension, die sie bei den Frauen herstellt. Wenn "mein Wille" und "meine Religion" identisch geworden sind, dann liegt eine Form von Abhängigkeit vor, die Psychologen uns erklären sollten anstatt, dass Islamkritiker immer nur mit "der Islam ist frauenfeindlich" herumschwingen.

ie Bundesgeschäftsführerin von "Terre des Femmes", Christa Stolle; Foto: Uwe Steinert
Kopftuchverbot für Mädchen gefordert: Die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" hatte im August von der Bundesregierung ein gesetzliches Kopftuchverbot für Mädchen an Schulen und Kitas gefordert. "Das Kinderkopftuch ist für uns eine Kinderrechtsverletzung", erklärte die Bundesgeschäftsführerin von "Terre des Femmes", Christa Stolle. Eine Verschleierung im Kindesalter konditioniere Mädchen in einem Ausmaß, dass sie das Kopftuch später nicht mehr ablegen könnten.

Mit einem Verbot wäre praktizierenden Muslimen nicht geholfen Fragen zu stellen und nach Irrtum und Wahrheit zu forschen. Aber darum geht es in der Verantwortung den kommenden Generationen gegenüber, um der identitätsstiftenden Religionspraxis ihre Schwerpunkte zu nehmen, die einhergeht mit der Identifikation als besonderer Anhänger einer Religion, und auf eine Entwicklung als individueller Mensch zu lenken, der sich in jede Gesellschaft einleben kann.

Wahrheit und Irrtum im Angesicht der Religionsfreiheit

Das Recht auf Glaubensfreiheit ist durch die Religionsfreiheit im Grundgesetz geschützt. Dieses Recht auf Religionsfreiheit fordert jedoch nicht dazu auf, eine Religion auf Realitätstauglichkeit hin zu prüfen. Es fordert auch nicht dazu auf, im Interesse des Kindeswohls darüber nachzudenken, was diese ganze Wucht und Verantwortung von geschichtlichem Erbe und weltweitem, politischen Missbrauch von Islam ohne kritische Reflektion alles anrichten kann.

Es gibt keine klaren Trennlinien zwischen Tradition, Religion und das, was persönlicher Glaube ist. Die Religionsfreiheit schützt unsere Kinder nicht vor orientalischen Traditionen, die Frauen verachten und moderne Gesellschaften erheblich spalten können. Kinder brauchen einen ganz besonderen Schutz, denn sie können noch keine kritischen Fragen stellen, um das Erzählte auf seine Richtigkeit zu überprüfen.

Unter diesem Recht auf Religionsfreiheit tummelt sich im Namen von Islam mittlerweile alles schrecklich Mögliche, dazu gehören auch die radikalen Fanatiker, die sich an einem Lehrislam bedienen, um ihresgleichen zu kontrollieren und Andersdenkende zu bekämpfen. Hier ist die Religionspolitik gefordert, genauer hinzuschauen!

Der Staat, in dem wir leben, hat sich zur Neutralität verpflichtet. Mit Verboten jedoch provoziert er Widerwillen und Gegenreaktionen bei Muslimen, und stärkt die Vorurteile und Berührungsängste seiner nichtmuslimischen Bürger.

Die Gefahr, aus unterschiedlichen Meinungen dann Feinde zu machen ist groß. Über viele Ungereimtheiten, Irrtümer und Widersprüche in Fragen der Religion müssen wir gemeinsam und mit Achtsamkeit diskutieren.

Emel Zeynelabidin

© Emel Zeynelabidin 2018

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